In Memoriam Gert Winkler

    In Memoriam Gert Winkler

    DER ERSTE MOHIKANER

    Gert Winkler ist gestorben. Vor drei Tagen. Mit 73 Jahren. Das war früher ein gutes Alter fürs sterben. Früher, das war vor zwanzig Jahren. Wer damals mit 73 starb, hatte ein hohes Alter erreicht, er konnte zufrieden sein. Doch heute ist 73 nichts. Mit 73 stirbt man nicht.
    von Manfred Klimek

    Ich stehe auf und hole mir ein Bier aus dem Kühlschrank. Es ist drei Uhr nachts und ich schreibe einen Artikel über Gert Winkler. Über ihn. Wer er war. Für andere. Für mich.

    Ich blättere online. Einer hat geschrieben: „only the good die young.“ Das ist so dumm, dass man es gar nicht kommentieren will. Doch halt, so dumm ist das gar nicht. Vielleicht hat die Person recht, vielleicht ist Winkler als junger Mensch gestorben. Ganz sicher sogar. Ganz sicher hat diese Person recht. Auch wenn sie in ihrer Dummheit nichts davon weiß und Anteil nimmt, wo sie keinen Anteil hat.

    Ich trinke mein Bier. Ein Murauer. Wenn ich noch eine funktionierende Espressomaschine hätte würde ich mir einen starken Espresso machen und meine alte Underwood hervorholen und auf ihr diese Zeilen tippen. Die Theatralik mag lächerlich erscheinen – was heißt mag: sie ist lächerlich – doch Gert Winkler würde sie verstehen, billigen, anfeuern, schallend über sie lachen, hat er doch genau jenen Zeitschriftentypus gegründet, der Anfang der Achtziger den Journalismus mit selbstreferenziellen Reportagen verheert hat. Verheert sage ich, weil Sigrid Löffler, die damalige Ressortleiterin der Kultur im Nachrichtenmagazin profil in den Achtzigerjahren über den Wiener geschrieben hat, er „verheere den Journalismus“. Mit Geschichten über Leute, geschrieben von Leuten, die sich wichtiger nehmen, als die Leute, über die sie schreiben. Das stimmte. Und war falsch.

    Gert Winkler gründete den Wiener. 1979. Vier Exemplare erschienen, dann gleich Pause, dann bald Neubeginn. Immer mit „Freunden aus der Werbung“ an der Seite, ein Makel, der das Blatt lange begleitete. 1980 kam Hans Schmid, erfolgreicher Eigentümer der Werbeagentur GGK, auf die Idee, dieses Fanzine der provokativen Lebensart zu übernehmen. Er holte dazu die gesamte Redaktion der damals mächtig aneckenden Schülerzeitung Kritik an Bord, die unter der Leitung von Markus Peichl und Michael Hopp zwischen 1981 und 1986 die aufregendste deutschsprachige Zeitschrift produzierte. Fast alle Leute, die damals dabei waren, (inklusive mir, ich jedoch „nur“ 2. Generation 1984-1986), befanden sich irgendwie unerwartet in einem Aufzug nach oben. Dazu reichte so zu sein, wie wir waren – alle ein bisschen Falco. Ein paar Dutzend Autoren und Grafiker, die auch heute noch im deutschsprachigen Journalismus tätig sind – ihn sogar formten und formen – verdanken den Beginn ihrer Karriere ausschließlich Gert Winkler. Hätte er nicht die Idee gehabt, Wien mit einer völlig anderen Art Zeitschrift zu bereichern, die zusätzlich auch völlig anders gestaltet war als der Dreck, der sich damals Illustrierte nannte, dann würden viele von uns als Dozenten irgendwelcher Unis versauern. Oder ich als Passbildfotograf in Wien Hietzing. „Schönes Büderl, gnä Frau.“ Blieb mir erspart. Dafür habe ich Gert Winkler schon zu Lebzeiten gedankt. Und bin froh, es zu Lebzeiten getan zu haben.

    Gert Winkler verließ den aufstrebenden Wiener sehr bald. Noch Jahre später glaubten viele, er mache noch mit. Das spricht für seinen Nachlass. Doch da war er längst bei seinem Eigentlichen – dem Film. Als Regisseur gewann er als einziger Österreicher in der Geschichte dieses Wettbewerbs einen Goldenen Löwen in Cannes. Für einen 35mm-Werbefilm zum Thema Zigarettenrauchen. Seine extrem erfolgreiche Filmfirma Tale benannte er nach dem Besitzer des Szenelokals Salzamt, in dem er – und ich und die Filmhaus-Leute und der Robert la Roche und der Helmut Lang – immer abhingen und sich mit feuchten Stoffservietten bewarfen.

    Winklers facebook-Postings der letzten Jahre jedoch offenbaren seinen versäumten Traum Spielfilmregisseur zu sein. Ich kannte keinen, der wie Winkler Filme so akribisch analysieren konnte. Dramaturgie, Aufbau, Kameratechnik, Licht, Ideologie: Gert Winkler wäre ein brillanter Filmkritiker gewesen. Aber aus einem mir nicht bekannten Grund, ließ er das zweimal Eigentliche aus.

    Ich kann den Grund nur vermuten. Wenn man seine Fingerschnipp-Kreativität gut entlohnt bekommt, dann ahnt man zwar, warum man Strapazen auf sich nehmen sollte, tut es aber nicht, weil man es nicht tun muss, weil man ein bequemer Arsch ist und bleibt. Ich denke, das ist der Grund, warum aus Gert Winkler kein Blockbuster-Haneke wurde. Jammern? What for?

    Lieber bedanken. Dafür, dass er Dinge im richtigen Moment gemacht und damit so gut wie immer eine Entwicklung angezündet hat, die er in Ansätzen kommen sah. Und auch dafür, dass er seine Babies stets in gute Hände gab. Trockene Tücher. Auf ein Neues. Danke also, lieber Gert. Zum Beispiel, dass aus mir was wurde.

    Und das Verheeren des Journalismus? Quatsch! Was bleibt von Sigrid Löffler außer die Nachrede von Gift und Galle. Gert Winkler ließ Friedrich Heer (verheeren) im Wiener schreiben. Und Elfriede Jelinek. Er ließ Kippenberger und Öhlen über ihre Maßschuhe schwadronieren (Budapester halbhoch) und Michael Kreissl die Kabarettszene mit Grund zu Boden reden (was im Wiener des Diesseits wieder mal angesagt wäre). Einmal kam ein „Starjournalist“ mit einer exklusiven Udo Proksch Geschichte in die Redaktion des Wiener. Und nahm den mediengeilen Zuckerbäcker gleich im Schlepptau mit. Gert Winkler, eigentlich schon nicht mehr dabei, sagte nur: „De G’schicht gheart dem Basta.“

    Basta!

    Mit großem Dank an TAV-Film (Thomas Vondrak und Peter Fözö)