Film & Serie

Batman vs. Superman

Man kann sich kaum vor ihnen retten: Filme mit Comic-Heroes überschwemmen die Kinoleinwand wie nie zuvor. Der Grund für ihre große Beliebtheit ist einfach – und super sowieso.

von Toni WemerPeter war in der Schule ein unbeliebter Streber. Heute ist er Fotograf und mit seiner High-School-Liebe verheiratet. Tony ist ein gewiefter Geschäftsmann mit Ego in XL-Größe. Er besitzt einen Technologiekonzern. Clark wurde als Findelkind von einem Farmerehepaar aufgezogen. Mittlerweile ist er ein introvertierter Zeitungsreporter und hat sich in eine Kollegin verliebt. Bruce ist Sprössling einer der wohl-habendsten Familien der Welt – und wirkt wie ein notorischer Playboy. Wade ist ein ehemaliger Söldner. Er hat mit schweren Persönlichkeitsstörungen zu kämpfen.

Was  die fünf Kerle gemeinsam haben? Auf den ersten Blick nicht viel, auf den zweiten eine Menge – sie sind alle Superhelden – und auf den dritten schon wieder weniger: Spider- Man alias Peter Parker verdankt seine namenstypischen Spezialfähigkeiten einem Spinnenbiss. Iron Man alias Anthony Edward „Tony“ Stark hat ein gepanzertes Exoskelett entwickelt, das ihm große Kampfkraft verleiht. Superman alias Clark Kent kann fliegen und verfügt über einen Röntgenblick sowie zahlreiche andere nützliche Skills. Bruce Wayne alias Batman hat gar keine Superkräfte; seine Überlegenheit basiert auf hartem Training sowie moderner Technik. Und Deadpool alias Wade Wilson kann sich selbst heilen und durchbricht regelmäßig die vierte Wand: Er erkennt, dass er nur eine Rolle
in einer nicht realen Welt spielt. Genauer: In einem nicht realen Universum, dessen Urknall in legendären Heftchen mit gezeichneten Figuren stattgefunden hat und das sich mittlerweile weit über den Comicbereich hinaus erstreckt.

Superhelden-Storys boomen wie noch nie zuvor.

Vor allem Verfilmungen von Superhelden-Storys boomen wie noch nie zuvor. Zuschauer, aber auch Kritiker loben die Kino-Adaptionen, die nicht nur mit beeindruckender Tricktechnik und erstklassigen – zum Teil oscar-gekrönten – Schauspielern überzeugen, sondern auch mit aus-gefeilten Storys und vor allem gut ausgearbeiteten Charakteren aufwarten können. Kaum ein Mainstream-Genre bietet eine derartige Vielzahl von wirklich unterschiedlichen Hauptfiguren. Anstatt darauf zu warten, dass sich ein motivationsloser, weil mittelmäßig bezahlter Drehbuchautor neue Protagonisten mit Kultpotenzial ausdenkt, wird einfach auf den reichhaltigen Fundus an -bewährten Strichmännchen-Stars zurückgegriffen. Die Tatsache, dass in vielen Superhelden gleich zwei Persönlichkeiten stecken, erhöht dabei das Identifikationspotenzial: Kleine Jungs können davon träumen, einmal wie Spider-Man zu werden, obwohl sie sich im Alltag eher vor-kommen wie Peter Parker. Männer mit Nähe-Problemen können mit Bruce Banner ebenso mitfühlen wie mit seinem grünen Alter Ego Hulk. Und als Partytiger getarnte Einzelgänger finden sich in Batman-Filmen ebenso wieder wie perfektionistische Kämpfernaturen.

Sogar die moderne Karrierefrau kann sich mit den Leinwandcharakteren bestens arrangieren – steht doch eine Liaison mit Mister Superright ihren eigenen Plänen, den Chemie-Nobelpreis zu gewinnen, kaum im Weg. Schließlich kann ein Kerl, der in seinen besten Superzeiten drei Bösewichte auf einmal erledigt, im normalen Beziehungsleben durchaus ein netter Softie sein, der unaufdringlich sein Spinnen-Kostüm bügelt, während sich seine Liebste auf ihre Doktorarbeit konzentriert. Verständlich, dass Filme mit solchen Traummännern Frauen unweigerlich anziehen, noch verständlicher, dass kluge Filmproduzenten erkannt haben, dass sich diese Anziehungskraft durch die Besetzung mit Weibermagneten à la Chris Hemsworth („Thor“) noch steigern lässt.Gut ausgebildete Fans wissen natürlich, dass der Superhelden-Film keine Erfindung des 21. Jahrhunderts ist. Bereits 1943 brachte Columbia Pictures mit „The Phantom“ eine 15-teilige Kinoserie heraus, die auf Lee Falks Comic basierte. Noch früher, 1941, startete Paramount eine mehrjährige Superman-Serie im Zeichentrickformat. Im Jahr davor feierte „The Green Hornet“ sein Leinwanddebüt: Die titelgebende Comicfigur – ein Zeitungsverleger, der getarnt als Grüne Hornisse das Verbrechen bekämpft – stammte ursprünglich aus einer Radiosendung. Und auch Captain America und Batman schafften es bereits in den 1940ern ins Kino.

Nach dem Krieg sank die Popularität der Superhelden. Die Comics wurden als Auslöser für Jugendkriminalität verteufelt, man unterstellte -ihnen gar perverse Untertöne. Der „Comic Code“ verbot Gewalt und Sex in den gezeichneten Geschichten. Dazu kam die Konkurrenz durch das aufkommende Fernsehen. In Folge verschwanden viele kleine Verlage von der Bildfläche – und mit ihnen zahlreiche Figuren. Nur die bekanntesten Heroes wie Batman oder Superman waren auch in den frühen Fünfzigern nicht unterzukriegen.

Erst 1961 läutete Marvel mit „Fantastic Four“ das Comeback des Genres ein – und eine neue Ära:
Anders als bei den Protagonisten der 1940er wurde von nun an viel Wert auf persönliche Konflikte
und Charakterentwicklung gelegt. Spider-Man, Hulk und die X-Men entsprangen dieser neuen Generation, die wegbereitend für die düsteren Superheldenthemen der Achtziger war. Frank Millers „The Dark Knight Returns“ sowie die Minserie „Watchmen“ entstanden in einer Zeit, in der Figuren, die einfach nur selbstlos für das Gute kämpften, nicht mehr als glaubwürdig galten. Die Phase der großen Antihelden hatte begonnen, gleichzeitig begann Hollywood, sich verstärkt für Leinwandadaptionen zu interessieren. Auf die 1978 begonnene „Superman“-Serie folgten in den Neunzigern die „Batman“-Filme, ebenso wie „The Crow“, „Hulk“ und „Blade“.

So richtig setzte der Boom aber erst zur Millenniumswende mit „X-Men“ und „Spider-Man“ ein. Die moderne Tricktechnik des digitalen Zeitalters war für die Umsetzung der Comicvorlagen wie geschaffen, Filme wie „The Avengers“, „The Dark Knight“ oder „Iron Man 3“ brachten weltweite Dollar-Einspielergebnisse in Milliardenhöhe.Um die kreative Kontrolle zu behalten und den Profit selbst zu kassieren, beschloss Mega-Comic-Player Marvel, sich nicht mehr mit Lizenzeinnahmen zu begnügen, sondern die Kinofilme selbst zu produzieren. Mittlerweile erscheinen immer mehr Movies, die auf Figuren der hauseigenen Comics basieren, im Marvel Cinematic Universe – einem fiktiven Universum, das ebenso wie das Comic-Universum grundlegende Handlungselemente, Schauplätze und Figuren miteinander verbindet. Konkurrent DC kontert mit dem DC Extended Universe, das ähnlich funktioniert und dessen erster Film „Man of Steel“ 2013 erschien. Beide Giganten planen für die Zukunft eine beachtliche Reihe neuer Produktionen: Während zwischen 2011 und 2015 „nur“ drei bis vier -Superheldenfilme pro Jahr ins Kino kamen, sollen es zwischen 2016 und 2017 bereits sieben bis acht sein (siehe Kasten „Der Superhelden-Kalender“). Allein in diesem Frühjahr dürfen sich Fans auf drei Blockbuster freuen: „Batman vs. Superman: Dawn of -Justice“, „The First Avenger: Civil War“ und „X-Men: Apocalypse“.

Superhelden-Müdigkeit?

Aber wie viele Superheroes verträgt das Kinopublikum auf Dauer, ohne gelangweilt zu reagieren? Steven Spielberg sagte dem Genre bereits einen ähnlichen Niedergang voraus wie dem Western, der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts enorm beliebt war und dann aufgrund des Overkills an Filmen pures Kassengift wurde. Tatsächlich floppte „Fantastic Four“ im letzten Jahr gleichermaßen an den Kinokassen wie auch bei den Kri-tikern, und „Avengers: Age of -Ultron“ wurde den Erwartungen ebenfalls nicht gerecht. Daraufhin munkelten die Medien von einer Superheldenmüdigkeit der Zuschauer.

Doch dann kam „Deadpool“ und füllte wieder die Kinokassen. Die kompromisslose Kinoversion des brutalen und derbhumorigenComic-Strips brach bereits am ersten Kino-wochenende zig Rekorde und legte am Valentinstag den erfolgreichsten US-Start eines Films mit R-Rating hin. Sollte der Hype dennoch bald zu Ende gehen, hat Mr. Spielberg -zumindest für das Publikum einen kleinen Trost auf Lager: Er ist davon überzeugt, dass irgendwo jetzt schon ein genialer junger Filme-macher ein neues Genre erfindet, das die Superhero-Filme ablösen wird.Aber auch für die Produzenten hat der Starregisseur ein Beruhigungsmittel parat: „Wir haben das Ende des Westerns erlebt und der Superheldenfilm wird denselben Weg gehen. Was aber nicht heißt, dass der Western nicht eines Tages wiederkehrt – oder auch der Superheldenfilm.“ Na eben. Und wenn alle Stricke reißen, können die Studios ihre halbfertigen Projekte einfach auf vertrauenswürdigen -Speichermedien lagern – und sie in 30 Jahren herausbringen. So wie heute in Hollywood drauflosgeliftet wird, werden die heutigen Stars in den 2040ern kaum älter wirken als jetzt.  Dazu kommt, dass man oft gar nicht so genau sieht, wie der Schauspieler in dem Superhelden-Kostüm wirklich aussieht. Den Rest erledigen die künftige Technik – und die große Nachfrage, auf die man sich verlassen kann. Denn nicht nur Geschichte, auch Filmgeschichte wiederholt sich ständig. Und das nächste Comeback des Superhelden-Genres kommt -bestimmt…