KULTUR

Warum nicht einmal nach: Athen

Sarah Wetzlmayr

Wenn man nach Athen geschickt wurde, um darüber zu berichten, was man dort als Tourist nicht alles zu entdecken hätte, war das früher immer quasi ein Freispiel. Dass man sich besser nicht am Rückweg von einer Insel zum Flughafen en passant in der Mittagshitze auf der Akropolis braten lässt, lieber den frühen Morgen nützt und danach mit der Tramway an den Strand fährt, darf man zwar als Binsenweisheit bezeichnen, es hat sich aber immer wieder als willkommener Tipp erwiesen. Und es hilft, wenn man als Modefotograf mehrmals jährlich die Stadt besucht und seine Spione vor Ort hat, die einen über News in Sachen Nightlife am Laufenden halten. Auch da war immer jede Menge los, und Athen stets mein liebstes Reiseziel.

Doch dann bemerkten die Bankiers, dass jene Kredite, die sie auf Wunsch der europäischen Wirtschaft in den Süden gepumpt hatten, um den Export zu beflügeln, nicht mehr zu bedienen waren. Hätte man sich denken können, doch die deutsche Vollbeschäftigung war wichtiger. Da bin auch ich, wie so viele, lieber auf die Inseln, habe die Stadt gemieden, aus der in den Massenmedien von kurzatmigen Korrespondenten Krisenmeldungen hinausgejagt wurden. Man sah Bilder von brennenden Mistkübeln, als Ortskundiger wusste man die Behauptung, dies geschehe überall, leicht zu relativieren, der Hintergrund war immer der gleiche. Nachrichten meiner Freunde dämpften den Drang, persönlich nach dem Rechten zu sehen, auch wenn sie versprachen, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Bei erstbester Gelegenheit war ich aber schnell überredet, es galt von der Biennale zu berichten, die 2014 unter dem Motto „remap athens“ über die Bühne ging. Das versprach die Ankündigung meiner Freunde zu bestätigen, die Stadt hatte sich nach dem goldenen Olympiasommer 2014 ja stets in einer Krisensituation befunden, doch „chrisein“ bedeutet im Altgriechischen nun mal Entscheiden, was auch die Aussicht auf neue Chancen eröffnete. Diese bot die Biennale, welche die gesamte Innenstadt bespielen wollte, nach Ansicht der zahllosen Kulturschaffenden, als Homebase diente das klassizistische Gebäude der alten Börse, der symbolhaften Wurzel allen Übels.

Der erste Eindruck war ernüchternd, ich sah mehr Auslagenscheiben mit Plakaten, die das Lokal selbst zum Verkauf anpriesen, als solche, die tatsächlich etwas zu verkaufen hatten, am Omoniaplatz war das Heer der Migranten unübersehbar geworden, selbst der Monastiraki-Flohmarkt schien an Lebenslust eingebüßt zu haben, die Stadtverwaltung hatte als Sparmaßnahme die Straßenbeleuchtung reduziert. Und dann entdeckte ich es, das Licht am Ende des Tunnels! In der Pittaki, einer engen Gasse im Fetzenviertel von Psirri, hatte eine dieser künstlerischen Selbsthilfegruppen ein Zeichen gesetzt. Dafür, dass man die Griechen nicht so schnell ihrer Imagination und Hoffnung berauben würde, wie alle dachten, manche in den Machtzentren wohl insgeheim hofften. Dem Aufruf, nicht benötigte Lampen, Doppellitzen und Leitern mitzubringen, waren Hunderte gefolgt, im Handumdrehen verwandelten sie eine verrufene, dunkle Ecke Athens so in ein optimistisch strahlendes Signal. Sollte man sich gönnen, heuer läuft die Biennale das ganze Jahr!