KULTUR

Warum nicht einmal nach: Panama

Steueroase? Das zentralamerikanische Land hat mehr auf Lager als Offshore-Konten und Bankenburgen. Wahre Panama-Profis steuern hier einsame Badeinseln, grüne Bergurwälder und koloniale Schmuckstücke der Conquistadores an.

TEXT & FOTOS: MAX WILDE

Meine Panama Papers waren immer in Ordnung: Einreisestempel, gutes Kartenmaterial für die ziemlich schlechten Straßen, alles völlig okay. Bis auf das erste Mal, als ich mit Bargeld unterwegs war, und zwar mit dem falschen. Euros! Wer die in Panama wechseln möchte, hat ein finanz-technisches Problem. „Si Señor, nehmen wir schon“, sagte der erste, zweite, dritte pomadisierte Schalterangestellte mit extrabreitem Latino-Grinsen. Sie sagten aber noch mehr. Nämlich: „No Señor, der Kurs stimmt schon, Sie haben richtig gelesen.“ So lernte ich sogar das öde Bankenviertel von Panama City kennen, die verspiegelten Klötze hinter der Uferpromenade, die in Wirklichkeit bloß eine mehrspurige Stadtautobahn ist. Bis heute ist es die einzige Ecke des Landes, die ich nicht bloß kennen, sondern auch hassen lernte. Was, womit ich etwas weiter ausholen muss, vielleicht mit meinem Geiz zu tun hat. Aber vor allem mit meinen Euros, die ich in US-Dollars umtauschen musste – zu einem horrend schlechten Kurs. Dann wird Panama zu einer Art mittelamerikanischem Kafka-Labyrinth. „Probieren Sie es dort hinten, Señor“, schicken dich die Pomadeköpfe im Kreis. „Ja genau, Señor, hinterm blau verspiegelten Häuserturm links.“ Irgendwann gab ich auf. Akzeptierte fünfzehn Prozent Kursverlust, war um eine Erfahrung reicher: Panama ist Ami-Land. Hier regiert der Dollar. Knallhart. Er ist Panamas wahres Zahlungsmittel, auch wenn es sogar eine eigene Währung gibt: den Balboa. Man bekommt ihn in Form von Münzen, sozusagen als Souvenirs. Balbao heißt in Panama übrigens auch das Dosenbier, und ich nehme mal an, dass beides, Nationalwährung und Sechserblech, aus so ziemlich dem gleichen Material gestanzt sind.

Um einen schlechten Deal handelte es sich bei meinen Panama-Trips unter Strich aber nicht. Das bereits 1519 gegründete Panama City erlebt seit Jahren einen wahren Boom und erfindet sich dieser Tage in atemberaubender Geschwindigkeit neu. Da wäre die vom Spiegelglas-Domino der Investment-Mafia geblähte Skyline. Blickt man von der historischen Plaza de Francia über die Bahia de Panamá, dann wickelt sich die Down- town wie eine exklusive Perlenkette um Yachthafen, Avenida Balboa und die petrolgrüne Bay. Schnurrt man in samtschwarzen Tropennächten den Amador-Causeway entlang, dann reihen sich Nachtclubs, Cocktailbars und angesagte Seafood- Restos wie neongrell flackernde Sequenzen eines unruhigen Traums. Alles neu. Alles anders. Alles vielleicht schnell wieder weg – das hat hier Prinzip. Mehr noch: Es ist der Boden, auf dem Panama am besten gedeiht. Auch die Geschichte des ins Meer gesetzten Causeway passt perfekt zum atemberaubenden Tempo, in dem hier die In-Adressen wechseln: Die lange Chaussee wurde mit dem Aushubmaterial des Panamakanals gebaut.

Man sieht: Panama City kleckert nicht, es klotzt.

Man sieht: Panama City kleckert nicht, es klotzt. Außer vielleicht im Stadtteil Casco Viejo, dem ältesten Teil der Hauptstadt, wo die spanischen und französischen Kolonialbauten aus dem 16. und 17. Jahrhundert gerade liebevoll reanimiert werden. Ich spaziere über die kleine Halbinsel mit den schwarzen Befestigungswällen, die längst UNESCO-Weltkulturerbe-Status genießt, und staune, wie sich alles seit meinem letzten Besuch verändert hat. Die Tage der nächtlichen Katzen- musik unter rostzerfressenen Balkonen, das lange Siechtum der einst prunkvollen Fassaden an der grandiosen Plaza Independencia sind jetzt vorbei. Nun haucht eine bunt zusammengewürfelte Community dem kolonialen Schmuckstück neues Leben ein: Ein Laden für organisches Gemüse, ein katalanischer Spitzenkoch, Model-Shootings unter der wehenden Panama-Fahne des neo- klassizistischen Präsidial-Palasts. Pariser Gourmet-Sorbets zum Versüßen des abendlichen Altstadtbummels. Vintage-Laternen, die weiche Lichtpfützen auf das buckelige Pflaster gießen. Ein Slum sieht anders aus. Doch das Beste kommt trotzdem erst dann, wenn man Panama Citys Glitzern und Casinos hinter sich lässt. Da wäre zunächst der erste Panama-Pflichttermin: Schiffscontainer, die sich wie bunte Legosteine übereinanderstapeln. Graubraunes Wasser, das langsam ansteigt, weil Gott beim Bau von Pazifik und Atlantik ohne Wasserwaage leider ein wenig pfuschte, das Niveau der Ozeane seither um mehrere Meter differiert. Genau: Die Rede ist von der Miraflores-Schleuse, dem berühmten Nadelöhr des Panamakanals, wo tonnenschwere Frachter wie rostige Badewannen-Entchen treiben. Rollt man von hier aus weiter, so laden wenig später Pazifikstrände und Beach-Resorts wie das exklusive Buenaventura zum Stopover ein, während uralte Kolonialstädtchen an das Erbe der Conquistadores denken lassen. Folgt man dem Verlauf der Zentralkordilleren in westlicher Richtung, hin zur costa-ricanischen Grenze, so taucht hinter Nebelschwaden das Chiriqui- Hochland auf. Und mit ihm jene Überdosis Natur, die Panama längst zum beliebten Öko- und Adventure-Reiseziel macht. Da wäre die von Kaffeeplantagen gesäumte Gartenstadt Boquete: angenehm kühles Klima, Rafting-Touren, Pferdetrekking und Wanderungen am Rande erloschener Vulkankegel – am spektakulärsten zum 3.478 Meter hohen Volcán Barú. Freeclimber machen hier Über(hang)stunden. Wenige Serpentinen weiter schneidet der Trekkingpfad „Senderos Quetzales“ durchs Habitat des legendären Götter- vogels Quetzal. Noch weiter im Nordwesten Reiseland mit Rendite: Der gesamte karibische „Bocas del Toro“-Archipel steht unter Naturschutz. Weiter im Osten schippern die Indios des Kuna-Stammes Kokosnüsse und Rucksackreisende durch ihre bizarre Inselwelt. wühlen die Spuren der alten „Banana Railway“ in den verrückten, schlammigen Nabel des karibischen Chiquita Country; das herrlich verlotterte Städtchen Changuinola ist trotzdem bloß ein Stopover zu den Nationalpark-Inseln des vorgelagerten „Bocas del Toro“-Archipels.

Mich zieht es bei diesem Panama-Trip trotzdem in ein anderes Inselparadies. Wo weder Cash Crops wie Bananen noch die Fantasiewährung des Balboa oder fiese Bankgeschäfte eine Rolle spielen. Einfach siebzig Kilometer östlich von Panama City die Interamericana beim staubigen Kaff El Llano verlassen – schon rolle ich durch das vom Kuna-Indianerstamm gemanagte Natur- schutzgebiet Nusagandi: 60.000 Hektar tropischer Regenwald, der über die grüne Hügelland- schaft der Cordillera de Kuna Yala führt. Irgendwann verrät ein Kuna-Checkpoint, dass man hier die Comarca de Guna Yala betreten hat, das autonome Gebiet der ursprünglich aus Kolumbien eingewanderten Kuna-Indianer. Wenig später breitet sich vor mir eine Inselwelt aus, die seit einigen Jahren als Geheimtipp in Sachen perfektes Badeparadies gilt. Kuna Yala: Das sind knapp vierhundert Mini-Inseln im herrlich türkisgrünen Meer. Häufig zu klein für einen Fußballplatz und immer wie vom Cartoonisten Mordillo gezeichnet. Aber kein Witz: Indios sammeln hier Meeresschnecken und Kokosnüsse ein, die bis vor Kurzem noch als offizielles Zahlungsmittel galten – und das ausgerechnet in Panama.

Jetzt bieten sie Palmblatthütten zum Pennen an. Genau so stelle ich mir die perfekte panamaische Steueroase vor: Mit einem Karibik-Indio am Steuer eines kleinen Auslegerbootes, das mich soeben zur einsamen Islas Pelicanos schippert. Perfekt zum Untertauchen ist sie allemal. Dann sieht man statt Finanzhaien Korallen.

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Infoporn

Anreise: Keine Direkt­ flüge Wien-­Panama. Verbindungen u.a. mit klm.com, iberia.com, condor.de

Inlandsflüge:

aeroperlas.com flyairpanama.com

Mietwagen: Alle großen Betreiber – Avis, Hertz, Budget, Alamo, Europcar, Thrifty – sind vertreten. Tagesmieten beginnen bei 22 Euro.

Reisezeit: An der Pazifik­ küste Trockenzeit von Dezember bis April. Die Karibikküste hat weniger ausgeprägte Regen­ und Trockenzeiten.

Einreise: Kein Visum, 90 ­Tage ­Touristenkarte mit gültigem Reisepass.

Hoteltipp: Finca Lerida Boquete, Tel. (507) 7202285, fincalerida.com Die Finca gibt’s seit 1917. Neu sind die elf Eco­ Apartments mit Blick über Kaffeeplantagen. Das 8 km lange Wege­ netz ist ideal für Bird­ watcher. DZ ab 100 Euro.

Restaurant-Tipp:

Manolo Caracol Casco Anriguo San Felipe, Casco Viejo, Panama City, manolocaracol.net Der spanische Chef serviert kreative Häppchenkost; die siebengängigen Menüs überraschen u.a. mit Seafood ­Variationen.

Info: visitpanama.com