Blowjob

    Blowjob

    Sexmaniac

    Blowjob – Ou est la pipe?

    Seit das Französische amerikanisch benannt wird, kommt der Akt zunehmend abgetakelt daher.

    TEXT: MANFRED SAX

    Sie kennen das vermutlich: Das Date verlief erfreulich, es endete mit der Frage „your place or mine?“, und am „place“ wurden Fortschritte gemacht, es wurden Küsse geküsst und Zärtlichkeiten gezärtelt und Fummeleien gefummelt. Kurz: Die innere Verkehrsampel stand auf grün und die Uhr daneben sagte time to get busy … doch halt! Plötzlich beginnen die Augen der Gespielin etwas zwiespältig zu glitzern und ihr Gesicht zieht so eine vordergründige Gönnermiene auf, wie Mütter es tun, wenn ihr Knirps „darf ich ein Eis?“ fragt. Tja, und dann kommt, was schwer zu verhindern ist: Die Dame nimmt den Lift nach unten. In den Halbstock. Und was als adäquater Ausklang zu einem netten Abend im Raum stand, kriegt nun einen seltsamen Drift.

    Es ist Ihnen sicher schon aufgefallen: Heutzutage ist es wesentlich leichter, in einen Blowjob zu geraten, als eine allseits befriedigende Nummer zu zelebrieren, mit Schweiß und allem, was dazugehört, um dann ermattet und frei von Gedanken in die Nacht zu entschlummern. Letzteres kannst du heute vergessen. Denn zuerst muss ein Blowjob her. Der ist immer und überall. Er ist in den Schlagzeilen, wenn sich Beyoncé musikalisch über die Seitensprünge ihres Jay-Z auslässt (Album: „Lemonade“), zumal da Nebendarstellerinnen wie die Tänzerin Karrine Steffans-Short gleich mal deponieren, dass sie auch so eine „Becky with the good hair“ (Textstelle) war, nämlich drei Minuten lang, „die ich eben brauche, um einen Mann am Rücksitz eines Maybach zu befriedigen, während er sich das Panorama von Malibu Beach gibt“. Er ist im Film, wo gute Sexszenen heute so rar sind wie ein Wladimir Putin, der sich angesichts einer Kamera das Hemd nicht auszieht. Stattdessen regnet es Blowjobs und die Girls dürfen dann in „The Social Network“ mit Mark Zuckerberg & Co aufs Klo, weil selbst das Abenteuer Facebook gelegentlich Pause macht.

    Der neue Joystick der Teenager-Sexualität

    Der Blowjob ist so omnipräsent, dass auch die Wissenschaft nicht anders kann, als sich damit zu beschäftigen, insbesondere in den USA, wo gesammelte Daten das Bild eines Teenager-Girls vermitteln, das mit Abgang in die Twen-Jahre auf 50 bis 70 Blowjobs zurückblicken kann, und wo der Blowjob dem „eigentlichen“ Geschlechtsverkehr vorspielend vorangeht und ihn häufig überhaupt ersetzt – als unverbindlicher, schneller und vergleichsweise safer Snack, der den Hunger auf mehr dann hoffentlich erübrigt. Der Blowjob, erklärt die Wissenschaft schließlich, ist in seiner Essenz der neue Joystick der Teenager-Sexualität.

    Also, wie immer hier „Essenz“ definiert sein mag: Im Sinne seiner Erfinder ist so ein Blowjob jedenfalls nicht. Der Erfinder-Credit wird gern den Franzosen eingeräumt. Verantwortlich dafür ist ein 1903 veröffentlichtes Buch mit dem imposanten Titel „Das Paradies des Fleisches oder Das göttliche Liebesbrevier. Die Kunst, die Wollust in 136 Verzückungen zu genießen“ des Autors Alphonse Gallais. Ein Positionenlexikon, mehr oder weniger, wenngleich zeit seiner Veröffentlichung als „wahrster Ausdruck der ,Liebe zur Liebe‘“ gefeiert, weil es deponierte, dass Sex so viel mehr ist als nur das, was die Kirche erlaubt. Und dass Feinheiten wie der Blowjob ebenso „echter“ Sex sind wie der offiziell sanktionierte echte Sex zum Transfer des Genpools auf die nächste Generation.

    Natürlich hieß der Blowjob unter Franzosen nie Blowjob. Das hieß er auch bei uns lange nicht. Laut Ernest Bornemans „Sex im Volksmund“ (1971) nannten wir ihn alles Mögliche, von A wie Ausheber bis Z wie Zuzelei. Aber meistens sagten wir„französisch“. Und die Franzosen nannten ihn gern „la pipe“. Die Pfeife. Auch das war hierzulande mal vertraut. Wenn am Stammtisch gelegentlich eine einschlägige Legende gewürdigt wurde, machte auch mal der Satz „Die raucht dir heute noch einen an, dass es dir die Tuchent in die Arschbacken zieht“ die Runde. Womit hier nicht eine wunderbare Lady geoutet werden soll, sondern auf einen Umstand hingewiesen: Der Blowjob als französische Variante war mal was Besonderes. Etwas Rares. Etwas total Intimes. Solange „Blow Job“ wenig mehr war als ein Filmchen von Andy Warhol (1964), war eine französische Nummer simply exquisit. Wer alt genug ist, um Sex in den 70er-Jahren genossen zu haben, der kann sich an jede einzelne einschlägige Episode erinnern. So rar war das. In den 70er-Jahren hattest du eher ihren Finger im Anus als ihre Lippen an deinem Ding. Aber gut, daran war wahrscheinlich Brandos „Tango in Paris“ schuld.

    Der Unterschied liegt im „Ranking“, das in den Gehirnen läuft. Die Amis sind da, wie Amis eben sind. Sie folgen einem „base“-System, sie gehen von den vier „bases“ des Baseball-Sports aus, deren vierte die „homebase“ ist, das wäre im Sex der Fall, wenn der Penis endlich in die Vagina darf. Zuvor kommen die Mund-zu-Mund-Base (Küssen), dann die Finger-zu-Genitalien-Base (Fummeln) und die Mund-zu-Genitalien-Base (Blowjob, Cunnilingus). Erst dann darfst du endlich bumsen, so du noch Appetit hast. Das war hierzulande anno Abheber & Co nie der Fall. Richtig französisch wurde es erst lange nach dem Bumsen. Es erforderte eine außerordentlich intime Qualität von Vertrauen, um entsprechend zu experimentieren. Das führte zu einem fabelhaften „la pipe“-Image, von dem dieser zum Blowjob re-gebrandete Massenartikel noch immer zehrt.

    Cleopatra, Linda Lovelace und Monica Lewinsky

    Obwohl die ursprüngliche Delikatesse jetzt so obligat ist wie ein Big Mac, hat der Blowjob noch immer coole Akzeptanz. Seltsam, eigentlich. Coole Sachen haben normalerweise ihre Helden, aber beim Blowjob ist das eine obszön einseitige Angelegenheit. Die „Helden“ heißen Bill Clinton oder Dennis Rodman, der mal ein Interview gab, während der Kopf eines namenlosen Girls in seinem Schoß steckte. Unter den weiblichen Anwärterinnen stechen drei Namen hervor: Cleopatra, Linda Lovelace und Monica Lewinsky. Anders gesagt: ein Mythos, der immer erwähnt wird, obwohl keine Evidenz vorliegt; die Hauptdarstellerin eines Pornofilms – „Deep Throat“ (1972) –, deren Darstellung den Blowjob an die Öffentlichkeit brachte (FYI: die Technik Deepthroating ist im Alltagsgebrauch nur für kleine Penisse interessant), die aber den Rest ihres Lebens gegen Porno aktiv war; und eine ehemalige Assistentin im White House zu Washington, die dem Blowjob zur internationalen Popularität verhalf, heute aber Vorträge zum Thema „Slutshaming in den sozialen Netzwerken“ hält. Die Heldinnen des Blowjobs werden immer nur als Schlampen abgefeiert. Wenn das nicht seltsam ist. Da kann man nur nostalgisch nach der „Pfeife“ fragen. Ou est la pipe?

    Illustration: Stefanie Sargnagel