KULTUR

Tempel der Pallas Athene

Ort: Tempel der Pallas Athene, Athen
Datum: 28. Juli 2015
Uhrzeit: 12:55

Text: Martin Swoboda
Foto: homolkareist.com

Ich bekenne frank und frei: Ich bin ein ausgewiesener Spezialist, was das aktuelle Heftthema anlangt. Manche meinen sogar, meine berufliche Tätigkeit als Reiseautor und Fotograf sei nichts anderes als professionell sublimierte pathologische Prokrastination. Kann man natürlich so sehen, muss man aber nicht. Meine griechischen Freunde beispielsweise halten mich für einen Workaholic, sie meinen, reisen tut man nur zum Spaß, außer man ist Seemann.

Nicht dass die Griechen ständig auf der faulen Haut liegen würden, ganz im Gegenteil, immer ist irgendwas zu tun, und meist woanders, also wird dauernd von Alpha nach Beta gefahren, oft sogar sehr schnell. Und dort gibt es erst einmal jede Menge Dinge zu besprechen, zu klären, ohne komplexe Diskussionen geht gar nichts, am besten laut und wortreich, man versteht’s aber meistens auch, ohne irgendwas gehört zu haben, Gesten und Mimik reichen. Womit das erste Klischee abgehandelt wäre, viel Lärm um, nein, eben nicht nichts! Der Homo sapiens ist nun mal ein soziales Wesen, mag sein, dass es den Skandinaviern reicht, irgendwas einfach nur zu erledigen, ich nehme das allerdings mal eher nicht an.

In Athen steige ich seit Perikles’ Zeiten bei meinem Freund Kostas im Hotel Orion ab, am Strefi-Hügel mitten in der Stadt, ich kenne kein besseres, schon gar nicht um diesen Preis. Auch er lässt sich nicht gerne anmerken, wie hart er arbeitet, stets hat er das Problem schon gelöst, bevor ein Gast ärgerlich werden könnte. Er tut dabei aber immer so, als wär’s ihm ein Vergnügen. Ist es wohl auch. „Ist doch herrlich, mir wird nie langweilig, ich habe mit netten Menschen zu tun, früher oder später werden sie alle Freunde. Was könnte ich stattdessen mit meiner Zeit anfangen? Fernsehen vielleicht?“

Tut er nicht. Recht so, sonst gerät er womöglich auch in Rage, wie Panaioti, der sonst sanfte Küchenchef mit Berkley-Diplom. Nüchtern analysiert er die Ursachen der aktuellen Krise der kapitalistischen Welt, Gier und Egoismus da wie dort, Ineffizienz der Verwaltung und Steuervermeidung auf höchstem Niveau in Griechenland, ein Überbleibsel des subversiven Widerstands gegen Römer, Osmanen oder wer auch immer sonst gerade die Gewalt ausübte. „Weißt du, die Deutschen sind auch nicht besser, es sieht nur geschäftiger aus. Uns werfen sie vor, wir würden nur herumsitzen und reden, sie hingegen machen Konferenzen und Meetings. Allerdings mit dem gleichen Ergebnis: Die Probleme bleiben, die Zeche wächst!“

Das Orion verfügt neben vielen anderen Vorzügen über ein Feature, das man in den anderen besten Häusern der Stadt erheblich teurer bezahlt, eine Dachterrasse nämlich, von der man einen fantastischen Ausblick auf die Stadt genießt. Und natürlich auch auf die Akropolis und den Parthenon des genialen Phidias. Den bewundern stets auch die zufällig hier abgestiegenen Touristen, meist jung, oft amerikanisch und stets neugierig. Gerüst und Kran bereichern das Bild seit Jahrzehnten, nicht wenige akzeptieren auch die Mär, sie wären schon seit Baubeginn vor zweieinhalbtausend Jahren dort. Nur zu gerne glaubt man dem Klischee von den Griechen als Meister der Prokrastination. Sicher, sie beherrschen die Kunst des eleganten Zeitvertreibs wie kaum ein anderes Völkchen, aber jeden Humbug sollte man sich von einem gelangweilten Reisejournalisten auf einer Dachterrasse auch nicht aufbinden lassen