Essen

Wiener Test: Freibad-Buffets

Nichts lässt das cholesterinverschleimte Wienerherz so hoch schlagen wie ein Buffet-Besuch im öffentlichen Freibad. Der WIENER hat sich durchgekostet.

TEXT: GÜNTHER KRALICEK / FOTOS: MAXIMILIAN LOTTMANN

Die Schlange tropft. Unter der wartenden Menge hat sich auf dem Betonboden ein kleiner See aus Chlorwasser gebildet. Kinder in triefenden Badehosen warten mit bibbernden Lippen, bis sie an die Reihe kommen, in den klammen Fingern die letzten 60 Cent. Drei Cola ascherln. Oder zwei Gummischlangen. Es riecht nach Sonnenöl und heißem Fett. Pommes dauern noch ein bisserl. Eine ältere Dame hält die Partie auf, kann sich nicht entscheiden zwischen Hühnerstreifensalat und Topfenstrudel. Nicht nur die Nation ist gespalten, auch der österreichische Jahreskreis besteht im Grunde aus zwei Hälften, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Da gibt es eine helle Seite – und eine dunkle.
So wie beim Doppellutscher. Die helle Seite beginnt mit der Eröffnung der städtischen Freibäder am 1. Mai. Die Natur erstrahlt in den saftigsten Grüntönen und die Frage, welche neuen Eskimo-Sorten auf der Karte der Saison landen, beherrscht das heranwachsende Frühjahr. Heuer hat man also den Doppellutscher wieder aufgetaut. In bleibender Erinnerung an Wickie, Slime und Paiper. Nostalgie, das ist es, was einem Ex-Kind wie mir den Badbesuch versüßt. Blaue Lippen bekomme ich heute keine mehr. Ein paar Längen im Wasser reichen zur Abkühlung vollauf. Ich klettere auch nicht mehr so oft auf die Rutsche wie früher. Wenn ich so in der Wiese herumliege und an die Arschbomben vergangener Tage denke, wird mir schnell fad. Wie gut, dass es das Buffet gibt!

Bloßfüßig trotte ich durchs Gras, vorbei an Badetüchern und aufgeblasenen Krokodilen. In der tropfenden Schlange bin ich der Vierte. Genug Zeit, mich von all den Klassikern auf der Tafel inspirieren zu lassen, bevor ich drankomme. Pommes mit Ketchup … Weißer Spritzer … Kleiner Brauner … Hmm, keine leichte Entscheidung. Doppellutscher bestelle ich jedenfalls keinen. Ehrlich gesagt war mir das Twinni immer schon lieber. Besonders dessen bessere Hälfte. Die grüne.

Der Test

Nur öffentliche Bäder mit künstlichen Becken kommen in die Wertung (all die schönen Naturstrände – Gänsehäufel, Arbeiterstrandbad, Angelibad usw. – werden dann ein andermal abgehandelt). Viele Wiener Bäder sind auch einfach zu groß, um ihre Gäste mit einem einzigen Buffet satt zu kriegen, häufig sind gleich mehrere Gastronomen vor Ort. Deshalb haben wir eher kleinere Bäder ausgewählt bzw. nur den jeweils größten Buffetbetrieb einer Anlage getestet. Die Gesamtnote ergibt sich aus einem Mix verschiedener Kriterien: Ambiente, Preis, Auswahl und Qualität. Der WIENER-Test erfolgt anonym und ohne jegliche Einbeziehung der vorgestellten Betriebe.

Kongressbad

Das Kongressbad ist das schönste Bad Wiens. Also von außen. Mit der rot-weißen Retrofassade sieht es aus wie ein schwedisches Blockhütten-Fort, das auch als Video-Drehort für Skeros „Kabinenparty“ diente. 1928 erbaut, das Rote Wien lässt grüßen, heute denkmalgeschützt.

Eintritt: Tageskarte 5,50 Euro (Stadt-Wien-Preise).
Essensausgabe: Wie ein buddhistischer Fresstempel thront der Bu et-Bungalow über dem Gelände. Respekt! Oben an der Theke etwas Charmeverlust: Betriebsküchenflair. Der Fernseher läuft. Eine Küche – strenge Zweiteilung. Links das Selbstbedienungs-Buffet, rechts das Restaurant mit „Kellnerbedienung“ und klassischer Karte, Tagesteller: Berner Würstel (6,90 Euro). Die Bu et-Auswahl verbreitet viel Fettgeruch, hat aber auch vier Salate im Angebot. Und drei Frühstücke (bis 11 h).
Verkostung: Ich nehme eine der Langos-Variationen, 100 Prozent made in Austria: Debreziner im Langosmantel (4 Euro).Die Bestellung ist rekordverdächtig: 10 von 14 Buchstaben des Allergene-Alphabets! Geschmacklich dann aber gänzlich überraschungsfrei. Vielleicht hätte ich das Angebot „Mit Knofel?“ nicht ausschlagen sollen.
Sitzen: Auch die große Terrasse ist gespalten in SB- und Restaurantgäste. Die klobigen Kunststoffmöbel allerdings sind in beiden Reichshälften exakt identisch. Ein Stammgast mit Sonnenbrille und Unterleiberl schaut vorbei, bestellt aber nichts. Ich genieße den Panoramablick auf das Bad und die Ottakringer Skyline.
Eis: Schöller, Eskimo, Ben & Jerry’s
Melange: 2,20 Euro
Spritzer: 2 Eu

Neuwaldegger Bad

Im Neuwaldegger Bad bei der Endstation vom 43er ist die Zeit irgendwie stehen geblieben (nur die Preisentwicklung nicht). Holzbaracken verbreiten ein Badeerlebnis wie vor fünfzig Jahren. Seit Jahrzehnten wird das Bad als Familienbetrieb geführt, drei Generationen sind am Werkeln, allen voran Frau Dolezel, die gute Seele in der Küche.

Eintritt: 16 Euro (Tag), 13 Euro (ab 12 h bzw. Studenten), 9 Euro (werktags ab 15 h). Preise deutlich höher als in städtischen Bädern, dafür kommt hier auch an heißen Tagen nie Sardinenstimmung auf.
Essensausgabe: Kleine Schank wie zu Großmutters Zeiten. Knappe Karte mit ein paar Schmankerln wie Liptauerbrot oder Griechischer Bauernsalat. Erfrischend: saure Milch, pur oder g’spritzt. Auch warme Küche, heute Schinkenfleckerln und Erdäpfelgulasch (je 11,50 Euro). Abgesehen von Mannerschnitten und zwei, drei Mehlspeisen wenig Süßzeug.
Verkostung: Schnittlauchbrot (3 Euro), yes! Gutes Brot und reichlich belegt, Portion könnte größer sein. Passt hervorragend zu Spritzwein.
Sitzen: Ein Dutzend Holztische direkt am Schwimmbeckenrand. Dabei kaum Gefahr, nass zu werden, weil Randsprünge hier strengstens (!) verboten sind. Ja, das mitunter recht hantige Regiment ist etwas gewöhnungsbedürftig. Gnadenlos wird um 18:15 Uhr „Badeschluss!“ gebrüllt. Ansonsten gepflegte Idylle mit Blick in die Baumkronen, Kirchturmglockentönen im Hintergrund. Weitere schattige Sitzgelegenheiten in der reizenden Verandahalle.
Eis: Eskimo
Melange: 3,60 Euro
Spritzer: 3 Euro

Stadionbad

Das Bad neben dem Ernst-Happel-Oval ist Sportstätte und Freizeitareal in einem. 50-Meter-Becken und 10-Meter- Sprungturm inklusive. Eine Art Ferienwohnanlage für temporäre Sommer- gäste: Skidata-Drehkreuze, vierstellige Kabinennummern, weitläu ge Liege- wiesen, zahlreiche Becken. Wenn wenig los ist, endlos Platz zum Ausbreiten!

Eintritt: Tageskarte 5,50 Euro, Kästchen 50 Cent extra.
Essensausgabe: Ein zentraler Food-Komplex mit Systemgastronomie, der im Inneren an eine Autobahnraststätte erinnert. Buffetstandards und wechselnde Tagesgerichte, separate Café-Theke, zellophanverpackte Snacks im Kühlregal. Ein Mann mit Kochmütze schleicht herum. Bei der Auswahl nicht allzu viel Ernährungsbewusstsein für ein Sportbad: Salatbar (mickrig), vegane Čevapčići, Gemüselaibchen. Aber schon auch Leberkäse-Cordon-Bleu.
Verkostung: Meine spontane Entscheidung fällt auf einen der Tagesteller: Hühnercurry mit Reis (6,50 Euro). Sekunden später landet die Bestellung auf dem Teller: gelbes Curry neben einem Haufen Reis. Fooddesign-Award gibt’s dafür keinen. Schmeckt aber ganz passabel und die Portion ist groß.
Sitzen: Drei Sitzbereiche: Holztische (hinten), Lounge auf Holzterrasse unter elektrisch steuerbarem Sonnensegel (hier residiere ich), Plastikstühle mit Schöller-Logo (Pool-Seite). Im krachenden Radio läuft ein Interview zu den Mörbischer Seefestspielen.
Eis: Schöller und o enes Eis von Mövenpick, ca. 15 Sorten (1,20 Euro pro Kugel)
Melange: 3,20 Euro
Spritzer: 2,70 Euro

Krapfenwaldbad

An der Höhenstraße im Wienerwald, schon ein bisschen außerhalb der Zivilisation, erwartet das „Krapfenwaldl“ seine Gäste. Auf einem Hügel verteilen sich kleinere Pools, Liegewiesen und Spielgelegenheiten. Hohe Schwarzkiefern spenden wohltuenden Schatten. Sehr schön.

Eintritt: Tageskarte 5,50 Euro (Stadt-Wien-Preise).
Essensausgabe: Wir be nden uns auf dem höchsten Punkt der gebirgigen Anlage, da steht ein schnuckeliges Haus mit Fensterläden und Balkon und seltsamen Säulen vorm Portal mit Schrankenanlage – eine Schutzmaßnahme für heiße Tage, an denen richtig was los ist. Mittelgroße Auswahl an Klassikern. Würstel und Wurstsemmel, Salate, Obst, Rudimentär-Frühstück. Drei Sorten Gummizeug (Colaflascherl 50 Cent). Freundliche junge Crew hinter der Budel. Den Spritzer muss man sich am Spritzerautomaten selbst runterdrücken.
Verkostung: Ich hätte gern eine Schnitzelsemmel (4 Euro), allerdings sind um 19 Uhr „die Frittierer schon aus“. Bin der letzte – und so ziemlich einzige – Gast an diesem windigen Abend. Also Wurstsalat mit Semmel (5 Euro). Ein großer Teller mit Wurst-, Paprika- und Zwiebelstreifen auf Salatblättern und viel Essig kommt auf einem Mahagonifurniertablett daher. Sehr zufriedenstellend. Der Spritzwein dazu mit Soda trinkbar.
Sitzen: Geschätzte 30 Tische inmitten von Bäumen, Betonplatten und geschmückten Blumenkasterln. Wahnsinnsblick auf das (relativ kleine) Becken und die Stadt an der Donau im Hintergrund.
Eis: Eskimo
Melange: 2,80 Euro
Spritzer: 2,20 Euro

Laaerbergbad

Die Freizeitoase beim Verteilerkreis hat auch schon fast 60 Jahre auf dem Buckel. Die Anlage in Hanglage ist ziemlich weitläufig und zergliedert, zwei hübsche Keramikwandtafeln helfen bei der Orientierung. Wellenbad und gastronomische Reizüberflutung: Gleich fünf Konkurrenten buhlen hier um hungrige Badegäste.

Eintritt: Tageskarte 5,50 Euro (Stadt-Wien-Preise).
Essensausgabe: Zwei Betriebe wurden vor Kurzem neu übernommen: Das untere Restaurant (mit Buffet) sowie die „Mampfbude“ (Spritzerkampfpreis: 1,70 Euro). Weiters eine Bar (Eis und Getränke) und die „Kartoffelgrotte“ (heute zu). Ich aber geh ins Café gleich neben der Trafik, das liegt zentral und versprüht den Charme eines heruntergekommenen Espressos aus den 1960ern: Spaghetti-Sessel, Altwaren-Theke, ein Schankraum wie im Landgasthaus. Zwei freundliche Asiatinnen schupfen den schrägen SB-Laden.
Verkostung: Nachmittag, 28 °C, Zeit für eine kleine Jause. Ein Angebot auf der Stehtafel springt mich an: Melange mit Gugelhupf um 3 Euro. Kommt sofort, Glas Wasser dazu auf Nachfrage. Der Kaffee von Helmut Sacher ist etwas wässrig, das kleine Stück Gugelhupf, auf Pappteller, innen nur einfärbig (hell). Ziemlich süß, ziemlich trocken.
Sitzen: Drinnen ein paar Tische, hier ist’s trotz großer Fenster heute angenehm kühl. Auf der Außenterrasse (tw. überschattet) verhindert die grottenschiache Kunststoffziegelwand eine bessere Aussicht.
Eis: Eskimo. Weitere Optionen bei der Konkurrenz.
Melange: 2,80 Euro
Spritzer: 1,90 Euro

Schönbrunner Bad

Das Schwimmbad der schönen Menschen im Schönbrunner Schlosspark wurde schon vom alten Kaiser geschätzt und auch genutzt. Heute wird die modernisierte Anlage privat geführt. Perfekte Körper räkeln sich im Gras und zeigen gerne her, was sie haben. Dickes Plus: In den Sommermonaten darf bis 22 Uhr gebadet und diniert werden.

Eintritt: 12 Euro (Tag), 10 Euro ab 13:30 h, 7 Euro ab 17 h. 1-Euro-Münze fürs Kästchen einstecken!
Essensausgabe: Das Restaurant wird seit heuer neu bespielt, mit gut aussehenden Bobo-Burgern, hippen Drinks und Coffee to go. Hinten raus gibt’s zusätzlich eine Buffetschank mit überschaubarem Angebot, Pommes, Salate & Co, div. Mineral- und Vitaminwässerchen, Obst des Tages (heute Apfel à 1,50 Euro). Hier stell ich mich an.
Verkostung: Der heißeste Tag des Jahres, ich brauch was Leichtes: Tomaten-Mozzarella-Salat (7 Euro). Die mittelgroße Portion wird im Plastikbehälter ausgegeben. Wie beim Billa Corso. Mit Paradeisern, Mozzarella und Rucola-Salatblättern, ohne Dressing. Basilikumpesto im Plastiktiegel extra. Plus zwei kleine Scheiben Baguette. Und Plastikgabel. Am Ende eh okay. Mit frischem Basilikum und Olivenöl wär’s noch besser.
Sitzen: Rund um den Gastropavillon samt 360°-Bar breitet sich die Restaurantterrasse aus. Für Buffet-Besteller wartet hinten eine kleine Extra-Steinterrasse mit Alusesseln und Polyrattanmöbeln. Hübsche Aussicht auf die Barbusigen und Ganzkörpertätowierten.
Eis: Eskimo, Ben & Jerry’s
Melange: 3,80 Euro
Spritzer: 3,10 Euro