KULTUR

Q & A mit Rainhard Fendrich: “Ich war nie blond!”

Rainhard Fendrich hat dieser Tage sein 17. Studioalbum veröffentlicht. Im WIENER-Interview klärt der Austro-Barde entscheidende Fragen zu seiner bereits 36-jährigen Karriere – außer jenen, die ihm zu blöd sind.

INTERVIEW: MANFRED REBHANDL / FOTOS: MAXIMILIAN LOTTMANN

Herr Fendrich, Ihr neues Album heißt „Schwarzoderweiß“. Lassen Sie mich also mit ein paar „oder“-Fragen beginnen:

Zur Zeit eher gut drauf oder eher schlecht drauf?
Sehr gut drauf, danke.

Wie würden Sie Ihre momentane körper­liche Verfasstheit beschreiben: Mehr Hüft­gold oder mehr Wamperl?
Diese Frage ist mir zu blöd.

Haben Sie insgesamt das Gefühl: Immer noch Goldie oder schon manchmal Oldie?
Diese Frage ist mir ebenfalls zu blöd.

Das ist aber eine feige Antwort.
Ich darf feig sein.

Kein Problem mit dem Alter?
Schauen Sie, darüber mache ich mir schlicht keine Ge­ danken. Weder fühle ich mich für irgendwas zu alt, noch will ich ewig jung sein. Weder sehe ich mich in Konkurrenz zu irgendwel­ chen Sugardaddys, über die ich ein Lied geschrieben habe, noch bin ich selbst einer, und in Bars gehe ich sowieso schon lange nicht mehr. Ich habe schlicht und einfach kein Problem damit.

Das Leben ist also okay mit 61, oder war es mit 16 doch besser?
Mit 16 war natürlich überhaupt nichts besser, und bei mir schon gar nicht, weil ja bei mir hinzugekommen ist, dass ich von 10 bis 17 im Internat war. Aber darüber will ich natürlich nicht reden.

Keine Traumata mitgenommen aus dieser Zeit?
Schon! Und darum will ich ja nicht darüber reden! Was ich mit Ihnen besprechen möchte, ist mein neues Album, an dem ich nun immerhin eineinhalb Jahre hart ge­arbeitet habe.

In Wien oder auf der Finca in Mallorca?
Überall, aber meist in Wien und oft in Spanien. Dort habe ich ja ein kleines Studio.

Wie darf man sich Ihren Arbeitsprozess vorstellen, Ihre Herangehensweise, wie man so schön sagt?
Was soll ich dazu sagen? Ich sammle Ideen, Worte, oft auch Worthül­sen. Ich sammle Sätze, Fragmente, Melodien. Ich empfinde. Ich mache Erfahrungen, mache mir Gedanken. All das verflüchtigt sich oder setzt sich fest. Wenn das der Fall ist, ziehe ich Texte in die Melodien hinein … Aber im Grunde muss ich natürlich jedem, der mich danach fragt, sagen: Was ich mache, ist schlicht und einfach Kunst.

Die Ihnen immer noch hörbar Spaß macht.
Richtig.

Obwohl Sie dieses Mal zum Teil sehr ernste Themen bearbeiten – Frieden, Krieg, alternde Damen, alternde Männer, die verschiedensten Hautfarben. Kann einem das auch zu viel werden, als Hörer, als Autor?
Wir leben in einer Welt der Verrohung, die Sprache verroht, die Menschen verrohen. Wir leben in einer Zeit der Unruhe, um uns herum ist Krieg. Wenn jemand ein Problem damit hat, dass ich mich damit beschäftige, dann ist das nicht mein Problem. Ich habe Freude an meiner Arbeit, spiele nun Konzerte, gehe auf Tourneen, bereise 2017 die Sommerfestivals, ich bin also ausgelastet. Erst ab nächstem Herbst weiß ich dann noch nicht so genau, was ich machen werde.

Ein bisserl die Füße hochlegen vielleicht?
Oder auf den Boden mit den Füßen! Ich reise ja viel und gerne.

Sind Sie dabei ein Furchengeher oder immer noch ein richtiger Abenteurer?
Wie gesagt: Ich reise. Das heißt: Ich lerne Neues kennen.

Es packt die Neugier Sie wie ein Fieber, wie Sie auf Ihrem Album auch singen?
Immer wieder, ja.

Sie checken nicht immer im selben All Inclusive Club in Asien ein?
Nein, das würde ich auch nicht als „Reisen“ be­zeichnen. Ich aber reise, wie gesagt.

Anderes Thema auf der CD: Haben Sie das Gefühl, dass Ihr Leben noch Ihnen gehört oder doch schon jemandem anderen?
Ja, mein Leben gehört mir. Jetzt sogar wieder mehr als früher, denn da war ich doch sehr oft sehr vom Erfolgsdruck belastet. Außer­ dem war ich ungemein eitel und habe mein Leben genossen, meinen Wohlstand natür­lich auch.

Manchmal mehr, als Ihnen guttat?
Ja, manchmal schon.

Finanziell geht’s Ihnen immer noch gut oder sind Sie mittlerweile auch alters­-armutsgefährdet?
Das sind leider viele, aber ich Gott sei Dank nicht.

Haben Sie in Aktien investiert oder mehr in Betongold?
Diese Frage ist mir auch zu blöd.

Haben Sie sich ein dickes Fell zugelegt oder sind Sie nach wie vor eher dünnhäutig?
Wenn man so wie ich in der Öf­fentlichkeit steht, wenn man sich heraus­ wagt mit dem, was man tut, wenn man Haltung zeigt, dann ist das heutzutage, bei dieser Öffentlichkeit, mit diesen Leu­ten, die alle Tourette haben und ihren Müll rauskotzen in ihren Postings, dann ist das immer eine Gratwanderung, wie weit man sich öffnet und wie weit man sich schützt, aber ohne dickes Fell geht da gar nichts.

Obwohl Sie natürlich auch weiterhin sehr empfindsam sind, wie man auf einigen schönen Balladen Ihrer neuen Platte hören kann. Haben Sie eigentlich manchmal sogar noch Lampenfieber?
Ich habe immer Lampenfieber, und heute sicher nicht we­niger als mit 18, als ich das Prickeln auf der Bühne zu spüren begann, eher im Gegenteil. Damals wusste ich ja nicht, was alles pas­sieren kann bei Auftritten – Mikrofone, die nicht geerdet sind und einem einen Schlag verpassen. Oder ein Winterkonzert in Ober­tauern, wo man mit den Lippen am vereisten Mikrofon festklebt und sich den Mund blutig reißt. Ja, ich habe nach wie vor großen Respekt vor der Bühne.

Sie bekennen sich in einem Song ausdrücklich zu Ihrem Dasein als ewiger Wiener. Trinken Sie Melange oder Latte?
Doppelten Mokka.

Frühstücken Sie Kipferl oder Semmerl?
Kipferl! Auch im Wissen darum, wem wir dies herrliche Nahrungsmittel verdanken.

Den Türken?
Natürlich.

Also sind Sie auch Kebab-Fan? Kebab mit alles?
Kebab habe ich noch nie gegessen.

Sind Sie gefühlsmäßig mehr in der City oder in der Vorstadt zu Hause?
In der Vorstadt! Ich bin ja im Dritten aufgewachsen, in Erdberg, der Papa war Eisenbahner, und ich bin in der Kundmanngasse ins Humanistische gegangen, bis der Griechischlehrer … na ja. Ich weiß immerhin noch, dass Philodendron ein sehr schöner Baum ist, mit einem sehr schönen griechischen Namen. Anschließend besuchte ich die Hagenmüllergasse …

Und dann wurden Sie Sangesbarde?
Genau.

Gefallen Sie sich noch immer mit der goscherten Attitüde des damals 24-jährigen „Strada del Sole“-Rotzbuben, der Sie waren?
Was heißt gefallen? So war ich halt, das ist ein Teil von mir, und ich bin zufrieden damit, ja. Außerdem hatte ich damals diesen wunderbaren rosaroten Overall, den hatte wirklich nicht jeder.

Wissen Sie noch, wo Sie den gekauft haben?
In der Judengasse. Und ich habe mir gleich zwei davon gekauft, auch einen in Grün!

Lieber ein schönes Weinderl oder ein kühles Bierdschi?
Ein Bierdschi, obwohl ich ja wirklich wenig trinke. Und dann kommt es natürlich drauf an, was ich esse, daran richte ich mich in meiner Getränkeauswahl, aber insgesamt trinke ich wie gesagt sehr wenig Alkohol.

Lieber ein Schnitzerl oder einen Tafelspitz?
Ein Schnitzerl natürlich, mit Reis und Preiselbeermarmelade.

Häupl oder Zilk?
Hm, schwer, sehr schwer. Der Zilk hat natürlich viele Verdienste um die Stadt, aber all together würde ich sagen: Der Häupl! Die Stadt Wien braucht einfach einen Conférencier, und das macht der Michl wirklich perfekt.

Ein Du-Freund von Ihnen?
Nein, um Gottes Willen! Wir kennen uns, aber wir sind per Sie.

Rapid oder Austria?
Für immer im Herzen: Rapid.

Ein Grab am Zentral – ist das für einen ewigen Wiener eine gedankliche Option für die Ewigkeit?
Darüber mache ich mir ehrlich gesagt auch keine Gedanken, aber wenn Sie darauf hinauswollen, ob ich meine Größe und meine Verdienste um das Land …

Stichwort „I am from Austria!“, die heimliche Hymne des Landes
… dereinst mit einem Ehrengrab beschenkt haben möchte: Nein danke.

Für den Fall: Erdbestattung oder Feuer?
Ich sehe mich in einer Sanduhr vor mich hinrieseln.

Später gibt es ewiges Leben oder ewiges Nichts?
Das kann ich jetzt nicht so genau sagen, weil ich es nicht so genau weiß, aber: Wer will schon ewig leben? Die Ewigkeit zieht sich bekanntlich vor allem zum Ende hin.

Dann bleiben wir im Hier und Jetzt: Frittaten oder Schöberlsuppe?
Frittaten.

In Wien schon mal eine Schorle bestellt, so accidentally?
Natürlich nicht.

Seit Ihrem Hit: Immer Gänsehäufel oder doch auch hin und wieder Italien?
Weder noch, weil viel Spanien und Asien.

Lieber der Gsölchte oder lieber der Depperte?
Mir wurscht. Beziehungsweise ist mir diese Frage einfach auch zu blöde.

Früher immer im Gutruf oder in der Loos Bar?
Weder noch.

Fabios oder Do & Co?
Frage zu blöd.

Früher lieber vom Südbahnhof aus verreist, oder vom Westbahnhof ?
Natürlich vom Süd, weil da ist man weiter weggekommen, man denke nur an den Romulus und den Remus, die beiden Züge, die uns mit Italien verbunden haben, ich bin ja wirklich viel Interrail gefahren.

Mit einer ÖBB-Freikarte, weil ja der Papa ÖBBler war?
Die hätte ich natürlich gekriegt, aber ich wollte sie nicht.

Anderes Thema: Zum Friseur gehen Sie wegen einer Frisur oder um sich die Haare schneiden zu lassen?
Natürlich, um mir die Haare schneiden zu lassen.

Aber früher hatten Sie auch eine Frisur.
Nein, ich hatte nie eine Frisur.

Doch, und sie war sogar blond. Seit wann sind Sie eigentlich nicht mehr blond?
Ich war nie blond und ich hatte nie eine Frisur.

Sie waren schon blond!
Nein, ich war nie blond!

Und die blonde Frisur, die Sie aufhatten, als Sie „Strada Del Sole“ sangen?
Das war keine Frisur, und sie war schon gar nicht blond!

Ich könnte schwören, Sie waren blond!
War ich aber nicht! Ich hatte Mèchen!

Können wir uns darauf einigen, dass Sie blonde Mèchen hatten?
Das können wir, ja.

In einem Lied loben Sie die reifen Damen. „Die Haut hat viele Falten“, heißt es dort. Was kann man tun dagegen?
Die Haut hat nicht „viele Falten“, sie hat „viele Farben“, wie es in einem ganz anderen Lied heißt …

Oh, sorry.
Aber die Schönheit einer Frau wird heute natürlich von außen diktiert, viele Frauen lassen sich operieren oder verschönern, in der Hoffnung, dann besser anzukommen, was natürlich nur bedingt der Fall ist. Das ist schade.

Sie sind sehr reif für einen, der mal blond war.
Das bin ich wirklich.

Haben Sie nur früher jungen Frauen nachgeschaut oder tun Sie das heute auch noch, so wie die Sugardaddys in Ihrem Lied?
Ich komm nicht mehr so viel zum Schauen, weil ich ja so viel arbeite.

In „Das Höchste der Gefühle“ singen Sie über „Schlafsack und Zelt“, „Jesolo, alte Käfer und Vinylplatten“, die Sie mit 18 Jahren gehört haben: Was liegt in Ihrer Plattenkiste ganz oben?
Das Staubdeckerl.

Und darunter?
Der Hendrix jedenfalls sehr weit oben, auch der Joe Cocker, aber natürlich mehr als Interpret, dann die Eagles, die Ella Fitzgerald … Es war eine aufregende Zeit damals, das muss man schon sagen: „Hast schon gehört, der Brian Jones ist gestorben!“ Und heute?

Haben wir das Internet.
Ja, fürchterlich.

„Let it be“ war damals Ihre Philosophie?
Genau.

In „Wer schützt Amerika“ singen Sie über Ihr Sehnsuchtsland und über die Filme aus der Traumfabrik, die Sie sich ange­ sehen haben. Welche waren das?
Alles mit dem Charles Bronson. Und natürlich die „Love Story“ …

Eine interessante Bandbreite. Charles­ Bronson-­Filme kann man sich auch heute noch anschauen, aber die „Love Story“ eher nicht mehr, oder?
Natürlich nicht, jeder Zeit ihre Filme. „Die rechte und die linke Hand des Teufels“ kann man sich aber heute auch nicht mehr anschauen, und trotzdem war es halt damals ein Wahnsinn, wie einem das getaugt hat, wenn die Faust immer von oben auf den Schädel drauf­ gefallen ist. Obwohl, die zwei waren ja Italiener …

… aber ihre Namen klangen irgendwie recht amerikanisch.
Das immerhin.

Die Haut hat also viele Farben. Ihr titel­gebendes Lied „Schwarzoderweiß“ beginnt dann auch mit der Zeile „Ein kohlpech­ rabenschwarzer Mohr …“ Kann man beim Texten auch zu viel des Guten wollen, oder anders gefragt: Kann es auch peinlich werden?
Lyrik ist für eine bestimmte Gat­tung von Menschen, oder sagen wir Männern, immer peinlich, da mache ich mir keine Gedanken darüber. Außerdem habe ich von Kritikerpapst Hans Weigel sehr früh die höheren Weihen für meine hohe Dichtkunst bekommen, insbesondere für meinen Witz und meinen Schmäh, ich darf also alles.

Wann haben Sie selbst den ersten Schwarzen gesehen?
In der Schule, Kundmanngasse, Wien III. Und es war tatsächlich ein „Mohr“, wie man damals sagte, ein Maure aus Marokko.

Haben Sie ein bisserl Angst gehabt vor ihm?
Geh bitte!

Ehrlich nicht?
Blöde Frage.

Die Idole Ihrer Jugendzeit kamen „meist aus USA“, wie Sie auch singen. Wen ziehen Sie da vor? Batman oder Superman?
Batman!

Tony Soprano oder Walter White?
Tony Soprano.

Achtung, Fangfrage: Andrea Händler oder Amy Schumer?
Die Antwort lautet: Amy Schumer.

Fangfrage 2: Louis C.K. oder Florian Scheuba?
Die Antwort lautet: Louis C.K.

Generell lieber Ost- oder Westküste?
Florida.

In diesem Lied behandeln Sie auch nine­-eleven. Haben Sie noch eine Erinnerung, wo Sie damals waren?
Diese Erinnerung hat wohl jeder. Ich war damals in Brunn am Gebirge, mit dem Faltermayer (ehem. Pro­duzent) habe ich ein Video abgenommen, das der Kurti Pongratz aus schlimmem Filmmaterial zusammengestellt hat für meinen Song „Jerusalem“. Ich war ja sehr gläubig damals, und Material zusammen­ schneiden, das ging damals noch. Dann hat es gepfiffen und das Band ist herausgesprun­ gen aus dem Player, und es hat auf den Fernseher umgeschaltet, und da fliegt auf einmal ein Flugzeug in einen Turm, und wir zwei denken uns: Jetzt hat er aber übertrie­ben, der Kurti, weil wir dachten, das gehört noch zum Video. Aber dann haben wir kapiert, dass das in echt ist, und der Faltermayer hat gesagt: This is the end of innocence.

Auf Englisch?
Natürlich auf Englisch, wir waren und sind ja international.

You are zum Beispiel from Austria.
Exactly.

Und Sie waren, wie es sich für einen Ösi gehört, auch mal sehr religiös?
Ja, das war ich tatsächlich, ich war sehr katholisch. Aber heute bin ich ausgetreten aus diesem Verein, ich bin kein religöser Mensch mehr.

In Ihrem Lied „Schwarzoderweiß“ heißt es: „Moslems, Juden, Christen, wir beten alle zum gleichen Gott.“ Beten wir nicht vielleicht zu viel, oder ist es legitim, dass sich auch im Jahr 2016 nach Christi Geburt alles um „Gott“ dreht?
Gott ist eine relative Größe, ich habe keine Ahnung.

Ihre erste Gitarre war eine …?
Du meine Güte, irgendeine No-Name.

Wissen Sie noch, wo Sie zum ersten Mal „mit der Klampfn am Gehsteig gesessen“ sind, wie Sie auch singen?
Kärntner Straße.

Wer hat Sie früh als Musiker beeindruckt?
Ich war und bin ein ganz großer John-Lennon-Fan, und auch ein ganz großer Paul-McCartney-Fan.

Reden wir von österreichischer Musik: STS oder EAV?
Beide.

Ambros Wolferl oder Danzer Schurli?
Beide.

Falco oder Hansi Lang?
Natürlich auch beide, obwohl ich den Hansi leider nicht persönlich gekannt habe. Mit dem Falco hingegen war ich befreundet, soweit man mit dem befreundet sein konnte.

Und sind gemeinsam herumgezogen?
Nein. Ich zieh nicht viel herum und zog auch damals nicht viel herum.

War das trotzdem die beste Zeit damals?
Es war eine gute Zeit, und die Schulterpolster, die wir alle getragen haben, standen uns ebenso gut wie die Mèchen, die wir auch getragen haben, wir sahen gut aus.