AKUT

Millionenshow

Seit siebzehn Jahren gibt die Millionenshow Österreichern die Gelegenheit, vorm Fernseher mit Bildungsbürgertum zu protzen. Am heißen Stuhl vis-a-vis von Armin Assinger ist das freilich ein wenig anders. Ich hatte die Chance – und hab sie voll versemmelt. Ein Seelenbild.

Text: Markus Höller

„Die Familienmitglieder der sogenannten Honigfresser sind allesamt…?“ Ich werde wahrscheinlich mein ganzes Leben lang diesen Satz nicht vergessen, denn es war diese Frage, die mich nach einem ohnehin schon durchwachsenen Start schon früh aus dem Rennen kickte und mich auf die 500 € Stufe zurückfallen ließ. Aus, Ende. Vorbei der Traum von der Million oder zumindest ein paar Tausendern. Was fühlt man, wenn man DIE Chance seines Lebens auf ein wenig finanzielle Entlastung so unglücklich verwirkt? Nun ganz einfach, man stirbt innerlich ein wenig. Dabei fand ich heraus, dass das bekannte fünfstufige Modell der Verarbeitung einer Todesnachricht nach der Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross auch hier greift, um die Phasen der Trauer um die vertane Chance zu analysieren:

Denial (Nicht wahrhaben wollen)

Ein Händedruck, bedauernde Blicke von Assinger und diversen Produktionsassistenten, und ab geht es hinter die Kulisse. Allgemeine Dumbheit. Dabei ständig das Gefühl, dass es sich um einen Irrtum handeln muss. Da hat doch sicher der Fragencomputer was verbockt. Oder ein Formfehler. Das wird sich gleich aufklären, und die Aufzeichnung startet nochmal. Aber nichts dergleichen. Komplette Apathie stellt sich ein.

Anger (Zorn)

Als Zuseher bei den Nachfolgekandidaten im Zuge der Aufzeichnung weiß ich natürlich wieder locker fast alle Fragen. Der Grant kocht langsam hoch. Wieso hat gerade der so einfache Fragen? Warum kriegt nicht die den Scheiß-Honigfresser? Stufenweise hanteln sich die Kandidaten nach mir zu bis zu 75.000 € hoch, während ich mit einem gefühlten Taschengeld im eigenen Saft schmore. Neid, Wut, Habgier, ich arbeite mich emotional an ein paar klassischen Todsünden ab. Und überhaupt: der Assinger hätte mir auch helfen können. Ich lächle und versuche tapfer zu wirken, aber ich schwöre – wenn mir jetzt noch einer kommt mit „na immerhin hast du es in die Mitte geschafft“, rutscht mir vielleicht die Hand aus. Ich hasse euch alle.

Bargaining (Verhandeln)

Nach ein paar Bier am Abend und einer Mütze voll Schlaf fange ich an, meine innere Leere mit positiven Aspekten aufzuwiegen. Hey, man darf nicht undankbar sein! Immerhin eine Gratis-Städtereise zur Aufzeichnung nach Köln. Ich hab endlich mal den Dom dort gesehen. Und ein weiteres Hard Rock Cafe-Shirt für meine Sammlung ergattert. Und einen Kühlschrankmagneten. Die Flüge haben mich 1000 Flugmeilen näher zu meinem Round-the-World-Ticket gebracht. Gratis-Essen. Stoff für eine Story, an der ich auch was verdiene, während ich hier schreibe. Eine weitere Erinnerung für den Anekdotenschatz. Und last but not least: 500 Eier steuerfrei. Ich klammere mich verzweifelt an jeden Benefit der ganzen Erfahrung. Aber am Ende ist es ungefähr so schwierig und unnötig, wie sich selbst einen Gebrauchtwagen zu verkaufen – ich weiß ja, wo der Rost sitzt.

Es ist ja nur Geld.

Depression and Grief (Depression und Leid)

Trotz aller aufmunternden Schulterklopfer und anerkennenden Worte von Bekannten und Familie kommt immer wieder das Gefühl hoch, etwas wirklich schönes verloren zu haben. Ein irrationaler Gedanke, klar, denn erstens hatte ich ja nie den großen Zaster und zweitens ist es ja auch nur Geld und kein geliebtes Haustier. Dennoch, die Tage und Wochen nach den unglücklichen Minuten im Scheinwerferlicht werden immer wieder von Hättiwari-Gedanken durchdrungen, ich kann nicht anders. Die Fragen eines anderen Kandidaten, und auf dem Kontoauszug mit der Überweisung vom ORF stünden jetzt möglicherweise 30 Tausender statt fünf Kilo. Immer wieder dieser eine Moment, als das Feld mit der anderen Antwort am Bildschirm aufflackert, ein Schlag in die Magengrube. Das Gefühl, wie wenn ein Partner aus heiterem Himmel mit einem Schluss macht. Zorn und Enttäuschung sind einem Mix aus Traurigkeit und Leere gewichen. Es ist keine echte Depression, das maße ich mir gegenüber wirklich kranken Menschen nicht an. Aber sagen wir mal so: wäre ich ein Blues-Musiker, könnte ich jetzt wahrscheinlich einen Welthit raushauen.

Acceptance (Zustimmung)

Schließlich sehe ich, ein Monat nach der Aufzeichnung, die Ausstrahlung im Fernsehen. Die Familie rundherum, ich beobachte mich selbst beim ratlosen Ringen nach Antworten. Im Schnellgang erlebe ich noch einmal die ersten vier Phasen, bis schließlich der Fernseher aus ist und ich die vermutlich letzte Millionenshow meines Lebens gesehen habe. Denn ich bringe es nicht übers Herz, mir in Zukunft andere Fragen anzusehen und dabei vielleicht wieder in den altbekannten Hättiwari-Modus zu verfallen. Ich mache endgültig meinen Frieden mit der Angelegenheit. Ich gönne jedem anderen Kandidaten seinen Gewinn. Assinger kann nichts dafür. Der Kölner Dom ist wirklich beeindruckend. Mit dem gewonnenen Geld reaktiviere ich mein Motorrad und werde endlich mal die Glocknerstraße fahren. Das Leben ist schön. Und ich werde weiterhin das machen, was ich seit und vor meiner Rückkehr von dem kleinen Fernsehstudio in Deutschland ohnehin jeden Tag mache: mit meinem eh sehr privilegierten Job ehrliches Geld verdienen, mich an meiner Gesundheit und der meiner Familie erfreuen und mein Beziehungsglück genießen. Und meine Hypothek werde ich irgendwann mal auch zurückgezahlt haben. Es ist ja nur Geld.

 

Im Bild: Gerlinde Hohensinner (Wien), Markus Höller (Strasshof, N), Tamara Schöndorfer (Eugendorf, Sa), Armin Assinger, Roman Schneeberger (Wien), Wolfgang Schwaiger (Innsbruck, T).  SENDUNG: ORF2 – MO – 06.03.2017 – 20:15 UHR. Foto: ORF/Thomas Jantzen.