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Löcher die man lieben muss: Das Zipp

Sarah Wetzlmayr

Neues aus der Selchkammer: Wer aus irgendeinem Grund Lust verspürt sich wie ein Stück Selchfleisch zu fühlen, der sollte mal im Zipp vorbeischauen. 

Inmitten von Cafés, die sich dazu verpflichtet fühlen den Glutenanteil ihrer Produkte auf einer großen Schiefertafel in Prozent anzugeben, huldigt man im Café Zipp einzig und allein der Promillezahl. Und dem Glimmstängel – denn kaum ein anderes Lokal feiert die Zeit bis zum endgültigen Rauchverbot im Jahr 2018 so sehr wie das Zipp. Die Bezeichnung „Café“ ist mehr als irreführend – denn hierher hat sich bestimmt noch nicht mal eine einsame Kaffeebohne verirrt. Dafür verirren sich Nacht für Nacht viele Menschen auf der Suche nach einem Rausch der sich gewaschen hat ins Zipp. Waschen sollte man sich übrigens nach dem Zipp-Besuch auf jeden Fall – aber dazu etwas später, wenn wir uns dem Kapitel „Zipp als Selchkammer“ widmen.

Räucherung

Vor 2 Uhr Nacht braucht man hier eigentlich nicht einzukehren. Denn da ist hier noch nichts los, der Zipp noch bis oben hin zu – einen Abend dieser Art kann man auch im Apfel-vergifteten „Wirr“ nebenan verbringen. Doch dann passiert es meistens mit einem beeindruckenden Schwall und die begehrten, etwas erhöhten Sitzplätze sind weg, obwohl man sich doch schon friedlich darauf schlummern gesehen hat. Dann beginnt der Prozess der Räucherung, die Reißverschlüsse gehen immer weiter auf und hemmungslose Würfelpoker-Spiele werden entschieden – oder auch nicht, weil einer der Mitspieler auf seinem eigenen Unterarm eingeschlafen ist. Musikalisch präsentiert sich das Zipp auf der Seite solider Rock-Tunes. Solide sind auch Getränkepreise, wie auch der ausgeschenkte Schnaps. Wer am nächsten Tag mit Kopfschmerzen aufwacht, wusste bloß nicht welcher Schnaps sich mit welchem gut versteht.

Ausräucherung

Wenn sich die Nacht dem Ende zuneigt und man, nach dem Zipp-Besuch, auf die Burggasse hinauswankt, riecht der Schal nach blauen Chesterfield, die Haare nach schwarzen Smart und in der Hose stecken statt der eigenen zwei Beine zwei rote Gauloises. Die Haube liegt noch irgendwo auf der Theke. Es kann sein, dass man sich mitten auf der Burggasse übergeben muss, weil der letzte Schnaps wieder mal einer zu viel war. Aber das ist okay so, denn in irgendeiner hippen Loft-Wohnung oberhalb des Zipp passiert einem Fructose/Glucose/Gluten-intoleranten Menschen gerade genau dasselbe, weil der Biobäcker am Eck sich mit dem Prozentsatz des Weizen-Mischbrots vertan hat. Bei unserem Zipp-Besucher hingegen stimmt promilletechnisch alles bis zur letzten Komma-Stelle.

Fotos @ Nina K. | Yelp