AKUT

Diese Woche feiern wir…

Sarah Wetzlmayr

…die gute, alte Wiener Telefonzelle!

Während Clark Kent die Telefonzelle als geheime Umkleidekabine nutzte, bot sie auch vielen pubertierenden Wienern und Wienerinnen die Möglichkeit zur Entdeckung ihrer wilden, wenn auch vollkommen irdischen Seite. Erstes Schmusen, der nur kurz darauf folgende Anruf bei „Rat auf Draht“, das erste Wodka-Mischgetränk im Plastikbecher und sämtliche Telefonate, die vor den elterlichen Ohren verborgen bleiben sollten – die Telefonzelle war lange Zeit die Keimzelle pubertärer Verhaltensweisen. In den Erinnerungen an den der Telefonzelle eigenen Geruchscocktail aus Schweiß, nassen Schuhen und ausgeschütteten Alkoholika schwelgend, keimten hier jedoch auch noch ganz andere Dinge heran als Östrogen, Testosteron und Schambehaarung. Nun scheint es jedoch so, als würde sich die mittlerweile ohnehin meist türlose Telefonzelle nicht mehr vor dem digitalen Zeitalter verschließen können.

Rund 560 der insgesamt 4.100 Telefonzellen wurden mittels Internetzugang an das digitale Universum angeschlossen. Einzig bei der Zahlungsmethode kramt man wie- der in der eigenen Pubertät und damit gleichzeitig auch in der Geldbörse herum, denn bezahlt wird – auch 114 Jahre, nachdem die erste Telefonzelle aus dem Wiener Boden gestampft wurde – noch mit Münzen. Die Technologisierung der Telefonzelle war an dieser Stelle jedoch noch nicht abgeschlossen – neben den Multimediastationen gibt es momentan auch fünf Standorte, die sich als Stromtankstellen präsentieren und dafür genutzt werden können, um Scooter oder Elektrofahrräder aufzuladen. Man zeigt sich seitens der Telekom also bemüht, der etwas in die Jahre gekommenen Telefonzelle ein frisches Outfit zu verpassen und sie nicht einfach aus dem Wiener Stadtbild zu eliminieren. Ob derlei Aktionen allerdings tatsächlich dazu führen, die Telefonzelle wieder mit Leben zu füllen, ist jedoch fraglich, denn aktuell werden sie täglich nur etwa zwei bis dreimal genutzt. Vielleicht sollte man sich bei „Rat auf Draht“ nach einer Lösung zur Rettung der Telefonzelle erkundigen.

Foto © Maximilian Schneller