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Happy 75th Birthday Jochen Rindt!

Julia Mercedes Fux

In nur 28 Jahren erlebte Jochen Rindt ein Leben voller Highlights, das er in immensem Tempo durchflog.  Heute würden für den ersten, österreichischen Formel 1-Weltmeister 75 Kerzen auf der Geburtstagstorte stecken.

 

Was haben Legenden gemeinsam?

Sie leben intensiv und sterben früh. Sie bleiben  als Mythos in den Köpfen der Menschen verankert und bereiten den Weg für alle, die danach folgen.

Jochen Rindt war eine Legende, vom Typ her der klassische Draufgänger. Einer von uns und gleichzeitig einer zum Anhimmeln, nicht nur für Frauen. Jeder wollte damals so eine freche Frisur haben, oder auch so Auto fahren können wie er. Jochen Rindt hat die Massen begeistert, sie mitgerissen, sie mit der Welt des großen, internationalen Motorsportes vertraut gemacht. In der sozusagen einer der ihren, der der Jochen immer war, ganz nach oben kommen kann. Mit Kaltschnäuzigkeit, Talent und Zug aufs Tor.

Wie schablonenhaft erfüllte er das Klischee des coolen Rennfahrers, mit verkrümmter Boxernase (nach dem Sturz in Barcelona), in der Box zwischen Training und Rennen mit der Zigarette zwsichen den Lippen. Er war verheiratet mit dem finnischen Topmodell Nina Lincoln, einer der schönsten Frauen ihrer Zeit, stets kühl mit den Gefahren, in die sich der Hitzkopf an ihrer Seite immer wieder auch abseits der Rennstrecke begab, konfrontiert. Die beiden bekamen ein kleines Mädchen, Natascha kam 1968 zur Welt.

Typen wie Jochen Rindt leben vom Adrenalin und der Möglichkeit, Grenzen zu überschreiten, die davor keiner überschritten hat. Doch Jochen kannte die Grenze  zwischen Draufgängertum und purer Unvernunft sehr wohl. Er wollte Rennen gewinnen, der Schnellste sein, das aber nicht um jeden Preis. Er war sich der Gefahren der Rennerei mehr bewußt, als manch andere seines Jahrgangs und dachte bereits früh daran, aufzuhören, bevor was passiert. Vorher wollte Jochen Rindt aber noch Weltmeister werden.

Jochen Rindt mit Zigarette und Teamkollegen Graham Hill an der Box (©Getty Images)

Seine Eltern besaßen eine Gewürzmühle in Mannheim, daher war Rindt auch deutscher Staatsbürger. Nach dem Tod seiner Eltern bei einem der letzten großen Bombenangriffe des Krieges übersiedelte Jochen zu den Großeltern nach Graz, kam in der Schule in Kontakt mit der legendären “Forum-Partie”. Lauter wilde Burschen die einem Marlon Brando rechschaffen nacheiferten, aber halt auf vier statt auf zwei Rädern. Mit von der Partie: Musikergrößen wie Manfred Josel oder Friedrich Gulda. Und auch ein gewisser Helmut Marko, damals noch nicht Doktor.

Bald folgte der junge Jochen, angehender Betriebswirt im Familienunternehmen, dem guten Rat eines Bekannten, seinen benzingetriebenen Ungestüm doch auf der Rennstrecke und nicht auf der Grazer Wiener Straße auszuleben, wenn er noch länger im Besitz eines Führerscheines bleiben wolle. Also startete Jochen Rindt 1961 den Versuch des Rennfahrens und brannte auf einem geborgten Simca Aronde das gesamte Starterfeld des Tourenwagenrennens von Innsbruck-Kranebitten her.

Besonders die Rotzfrechheit des jungen Ungestüms stach Funktionärs-Legenden wie Martin Pfundner bald ins Auge, Kontakte wurden hergestellt, Ford-Österreich bot Rindt ab 1964 den Einstieg in die damals bedeutende Formel 2 auf einem Brabham-Cosworth, wo er gleich mal Formel 1 Weltmeister Graham Hill um die Ohren fuhr, noch dazu bei diesem daheim in Crytal Palace. Im selben Jahr startet Rindt beim ersten Formel 1 Grand Prix von Österreich auf der Flugplatzpiste von Zeltweg, wo er den Motor gnadenlos überhitzt. 1965 gewinnt er den 24 Stunden Krimi von Le Mans auf Ferrari, ab 1965 hat er einen fixen Formel 1-Platz im Team von Cooper Maserati. Und fährt ab sofort in der Weltspitze mit.

Der junge Jochen, frech und ungestüm (©Getty Images)

1968 wechselt Jochen Rindt in das Formel 1 Team seines väterlichen Freundes Jack Brabham, der 1966 noch ein Mal Weltmeister geworden ist, in der Saison 1967 Dennis Hulme zum Titel auf Brabham verholfen hatte und längst einen Nachfolger für sich und sein Team sucht, als den er den jungen Rindt gerne aufbauen möchte. Aber der Zenith des Teams und seines Chefs ist überschritten, es geht bergab mit den technologisch zurückgebliebenen Repco-Zwölfzylindern, die gerade noch in der Formel 2 für tolle Siege reichen, in der Formel 1 aber auch mit einem Fahrer-Genie wie Rindt am Steuer nicht mehr mit den modernen Cosworth-Triebwerken mithalten können. Rindt hat zu diesem Zeitpunkt unverständlicherweise noch nicht mal einen Grand Prix gewonnen, obwohl er unbestritten längst zur Weltspitze zählt. Schwer frustriert muss er eine Entscheidung treffen: entweder im Team, in dem er sich wohlfühlt bleiben und hinterdreinfahren, oder zu einem Team wechseln, wo ihm ein Siegerauto zur Verfügung steht. Die Entscheidung fällt für letzteres. 1969 wechselt Jochen Rindt zum Lotus-Team des exzentrischen wie erfolgreichen Konstrukteurs Colin Chapman.

Jochen im Lotus 72 am Weg zum Sieg des deutschen GP am 02.08.1970 (©Getty Images)

Die Formel 2 beherrschen Rindt und Lotus nach Belieben, die Formel 1 gehört den Experimenten. Sowohl Tests mit Allradantrieb als auch mit Gasturbinen-Antrieb scheitern, einzig erfolgreich bleibt der altbewährte Lotus 49, der Jochen Rindt zunächst mal mit einem viel zu monströsen und zerbrechlichen Heckflügel ausgestattet in Barcelona die Nase bricht. Erstmals macht Jochen in diesen Tagen im Familienkreis bekannt, was ihn schon länger belastet: Colin Chapman baut hervorragend schnelle Rennautos. Aber sie brechen zu leicht.

Spätestens ab Spanien hat Jochen, wie er mehrmals Vertrauten erzählt, kein Vertrauen mehr in die Autos von Lotus. Immer öfter spielt er mit dem Gedanken, aufzuhören, allerdings, so viel steht fest, erst nachdem er Weltmeister ist. Es war, als würde das Damoklesschwert über den Lotus-Piloten an einem dünneren Seil hängen als anderswo: „Mein größte Sorge ist, dass am Auto etwas bricht, denn ich fühle, dass ich persönlich gut genug bin, um keinen Fehler zu machen, bin aber nicht sicher, ob ich das Auto kontrollieren kann, wenn etwas schiefgeht.“ Dann kommt der Große Preis der USA in Watkins Glen als letztes Rennen der Saison 1969. Und damit der erste Sieg in einem Formel 1 Grand Prix für einen Österreicher namens Jochen Rindt.

Das Traumjahr

Mit der neuen Wunderwaffe, dem Lotus 72, konstruiert von Maurice Philippe, der letztlich Jahre später an den zahlreichen Unglücken seiner genialen Rennfahrzeuge  zerbrechen sollte, hat Jochen Rindt 1970 das richtige Auto, um Weltmeister zu werden. Den ersten, großen Triumph im neuen Jahr holt er aber noch auf dem alten Lotus 49 beim Rennen in Monaco am 10. Mai. In einer grandiosen Aufholjagd gewinnt er den Grand Prix buchstäblich in der letzten Kurve, wo er seinen Ziehvater und Mentor Jack Brabham, der lange Zeit über in Führung liegt und fix mit dem Sieg rechnet, in einen Fehler treibt und überholt. Sogar der Rennleiter ist so verblüfft, weil er das “falsche” Auto durchs Ziel rasen sieh, dass er vergisst, die karierte Flagge zu schwenken. Und Jochen Rindt ist endlich am Olymp seiner Karriere angelangt.

Es folgt die goldene Serie des Sommers 1970: Großbritannien, Holland, Frankreich, Deutschland. Beim ersten GP am neuen Österreichring bei Zeltweg scheidet Jochen Rindt aus. Aber die Führung in der Weltmeisterschaft scheint solide ausgebaut. Man freut sich auf Monza, den Großen Preis von Italien, auf einer schnellen Strecke. Die Lotus und Jochen Rindt extrem entgegenkommt.

Monza

Am 5. September 1970 verunglückt Jochen Rindt tödlich im Training zum GP von Monza. Beim Anbremsen der Parabolica bricht die linke Bremswelle am Lotus 72, aus Gründen der Gewichtsersparnis bis dahin hohl gefertigt. Das Formel 1-Geschoß bricht fast rechtwinkelig nach links aus, rast gegen die Leitplanke, sticht unter dieser durch, verliert seine komplette Front und zerfetzt die Beine des Rennfahrers, der wenig später am Weg ins Krankenhaus verstirbt. Hier sein letzter TV-Live-Einstieg für den ORF-Sport, kurz bevor er zum letzten Mal ins Auto steigt:

Zahlreiche Menschen in aller Welt, vor allem aber in Österreich, wissen noch genau, wo sie gegen 17h an jenem Samstag gewesen sind, als die Meldung durchs Radio kommt. Jochen. Rindt. Ist. Tot. Ein Idol ist gestorben. Ein Traum, den die österreichischen Motorsportfans einen verlängerten Sommer lang in größter Euphorie durchlebten, zerplatzt im Getöse von Monza.

Posthum Weltmeister, für immer Legende

Posthum wird Jochen Rindt Formel 1 Weltmeister 1970. Nicht ehrenhalber, nicht verliehen, aus Respekt oder sonst wie. Jochen Rindt wird regulär Weltmeister, weil seinen Punktevorsprung bis zum Jahresende keiner einholt. Er hat sich den Titel, den er sich so sehr gewünscht hat, verdient. Auch wenn er ihn nicht mehr erlebt hat.

Jochen Rindt lebte lange vor meiner Zeit, er starb 13 Jahre bevor ich auf die Welt kam. Trotzdem ist jeder von uns irgendwie mit seinem Namen aufgewachsen. Jeder kennt ihn, von jung bis alt. Aus Erzählungen von Eltern und Großeltern, von den Geschichten, die man in Radio oder  Fernsehen gehört und gesehen hat, oder die man in irgendwelchen Zeitschriften gelesen hat, die bis heute jedes seiner Jubiläen feiern.  Man feiert dann jedes Mal das Leben eines junggebliebenen Helden, der bis in alle Ewigkeit 28 bleibt. Und der den österreichischen Rennsport wie wenige geprägt hat. Ein Mensch der der Beste in dem sein wollte was er am liebsten tat.

Er hat sein Ziel erreicht. Und ist leider nur für seine Fans zum unsterblichen Idol geworden.

 

 

Jochen und Nina Rindt an der Boxenmauer von Monza am 5.9.1970, wenige Minuten bevor Rindt in den Lotus 72 steigt. Und in den Tod fährt. (©Getty Images)