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50 Shades of Bluterguss

Ins SMart Café im Sechsten verirrt man sich nicht einfach, man stolpert auch nicht bloß zufällig rein. Es könnte allerdings durchaus sein, dass man hier über seine eigene Hemmschwelle stolpert. Und das ist auch gut so.

Text: Sarah Wetzlmayr
Fotos: Maximilian Lottmann

Um ins SMart Café in der Köstlergasse, unweit des Naschmarkts, hineinzukommen, muss man zwar über eine kleine Schwelle steigen, doch die versucht der Eigentümer Conny besonders niedrig zu halten – damit aus der kleinen Hemmschwelle, mit der jeder beim ersten Mal das SMart betritt, keine Schwellenangst wird. Türpolitik gibt es keine, bloß eine Tür und zwei Stufen, die in eine Welt führen, die dem profilierten Wiener Trankler und Beislgeher auf den ersten Blick nur allzu bekannt vorkommen sollte. Sie ist nämlich genau aus dem gemacht, was die Wiener Beislkultur sowieso auszeichnet – einer Mixtur aus abgestandener Luft, ebenso abgestandenem Bier und recht standhaft scheinenden Typen an Stehtischen. Die halten allerdings nicht nur nach der Kellnerin Ausschau, sondern hoffen auch, dass ihnen hier gleich ein wenig BDSM-Action serviert wird. So ein paar Hundemasken, Knebel, Nippelklemmen oder wenigstens ein angemessenes Latex-Outfit hätte man sich schließlich schon erwartet. Allerdings „muss man schon etwas Glück haben, dass da hervorn’ auch mal was passiert“, stellt einer der Gäste leicht resignativ klar. Der SMart-Dunstkreis setzt sich nämlich aus eingefleischten Mitgliedern der SM-Szene genauso wie auch aus jenen zusammen, die ausschließlich Shirts in fünfzig verschiedenen Grautönen im Schrank hängen haben. Als verbindendes Element fungiert der Zigarettenrauch, der sofort in die neugierigen Nasen der Besucher und ihnen auch beinahe ebenso schnell zu Kopf steigt. Selbst wer nicht hierherkommt, um sich der Fleischeslust eines anderen Gastes auszusetzen, wird sich deshalb schnell wie ein Stück Selchfleisch fühlen.

„Das Angenehme hier ist, dass du schon was machen kannst, aber nicht unbedingt musst.“
F., ein Pensionist und passionierter Thailand-Urlauber, gehört eher zur ersteren Sorte.

Aus dem Küchenbereich rechts der Bar erklingt immer wieder das dumpfe Geräusch eines Schnitzelklopfers. So vermutet man auf jeden Fall, denn man sieht eigentlich nur selten jemanden ein solches verspeisen. Tatsächlich ist man im SMart Café aber sehr um guten Geschmack bemüht, nicht nur bei der Anordnung der durchaus detailverliebten Inneneinrichtung, sondern auch in der Küche. Viele, so wie R. aus Wien, kommen mehrmals in der Woche ins SMart, um etwas zu essen und sich ein oder auch zwei frisch gezapfte Biere zu genehmigen. „Im Vergleich zu vielen Szenelokalen ist es hier ziemlich kommod“, sagt er und fährt sich dabei durch den akkurat sitzenden Seitenscheitel. Wenn man möchte, kann man hier auch andere Seiten an sich entdecken und auch mal den perfekten Seitenscheitel riskieren, aber man muss nicht. Selbiges bestätigen auch A. und G., die aussehen, als wären sie ins SMart gekommen, damit ihnen der Inhalt einer eben besuchten WU-Vorlesung wieder aus dem Hirn gepeitscht wird – „das Angenehme hier ist, dass du schon was machen kannst, aber nicht unbedingt musst“. F., ein Pensionist und passionierter Thailand-Urlauber, gehört eher zur ersteren Sorte. Er zeigt einer jungen Frau in engem Latex-Out t seine Urlaubsfotos, seine solariumgebräunten Wangen werden von einem breiten Grinsen etwas aus ihrer gebotoxten Form gebracht. Insgesamt dürfte sich F. aber nicht außer Form fühlen, denn nur kurz darauf führt er die junge Frau in den hinteren Raum des SMart, um Fotos für ihren Instagram-Account zu machen. Stichwort „pic or it didn’t happen“. Social Media ist auch in der Köstlergasse 9 angekommen, obwohl das mit der Netzabdeckung hier so eine Sache ist.

Eine andere, aber definitiv deutlich wichtigere Sache sind Netzstrümpfe wie auch die Vernetzung untereinander. „Es gibt viele Stammtische und Gruppen, die öfter hier zusammenkommen“, weiß Conny zu berichten, der das SMart im Jahr 1999 gemeinsam mit seiner Exfrau eröffnete. Weil es in Wien einfach nichts Vergleichbares gab. Und immer noch nicht gibt. Das SMart ist das einzige seiner Art, weil es typische Wiener Beislkultur mit ein wenig Spielerei im Hinterzimmer verbindet. Auch wenn es hier viel um Unterwerfung geht, unterwirft sich der Lokalbesitzer, auch modisch, keinerlei Konventionen. In rosa Crocs und einem pink Shirt mit aufgestickten Paillettenherzen erzählt Conny von seiner Leidenschaft für sein Lokal. Das SMart ist also auch Liebe. Aber vor allem ist es die Liebe zum Spiel. Wer schon einmal von dem Schweizer BDSM-Experten und Peitschenbauer Bruno gefesselt wurde, weiß allerdings auch, dass diese Liebe zum Spiel auch immer eine große Liebe zum Detail erfordert – „binde ich die Seile zu locker, kann das zu schweren inneren Verletzungen führen“, merkt er beiläufig an. Wer die Bondage-Erfahrung in vollen Zügen genießen will, darf sich vom stechenden Schmerz und dem starken Zug um den Brustkorb aber nicht weiter irritieren lassen – sonst baumelt man schnell einfach nur wie ein Stück Räucherschinken von der Decke der hinteren Kammer, anstatt sich dem Reiz dieser schwerelosen Ausgeliefertheit absolut hingeben zu können. Wer hier so plötzlich den Boden unter den Füßen verliert, muss schon bereit dafür sein, sonst hat er am Ende nicht mehr gewonnen als nur ein paar rote Striemen an den Oberarmen und das beklemmende Gefühl, das sich nur dann über einen legt, wenn man draufkommt, dass man gerade selbst zum Schauobjekt wurde, obwohl man doch eigentlich „nur ein bissi schauen wollte“. Ein paar Teilnehmer des an jedem vierten Samstag stattfindenden „Young Blood“- Stammtischs schauen zu, wie Bruno Knoten für Knoten perfekt anordnet und damit die Ordnung des Bondage-Neulings in der Mitte des Raumes für zwanzig Minuten ein wenig aus ihrer ursprünglichen Form bringt. Wenn sich jemand in gute Hände begeben möchte, dann definitiv in die jenes Mannes, der weiß, dass eine SM-Peitsche aus Känguruleder definitiv länger gut in der Hand liegt als eine, die aus der Haut eines Rindes gefertigt wurde. Zielsicher richtet er sie auf den Gynäkologenstuhl aus dem Zweiten Weltkrieg, ein ohrenbetäubender Knall lässt vermuten, dass er sein Ziel nicht verfehlt hat.

Draußen, vor dem „Spielzimmer“, das auch mieten kann, wer mehr Wert auf Privatsphäre legt, unterhält sich der noch unerfahrene BDSM-Nachwuchs darüber, ob es ihnen heute lieber wäre, Dom oder Sub zu sein. Für viele von ihnen war es ein weiter Weg aus dem UCI-Kinosaal, in dem sie gerade den zweiten Teil von „50 Shades of Grey“ gesehen haben, bis in die Köstlergasse. Auch wenn Conny die Hemmschwelle so niedrig wie möglich halten möchte, so stellt er doch fest, dass sich von den 50 Erwartungen, mit denen die Leute ins SMart kommen, nur ein Bruchteil tatsächlich bestätigt. L. arbeitet in einer Zahnarztpraxis und ist ursprünglich aus Tirol. Für sie gibt es schon lang keine Schwellenangst mehr, und auch die Angst vor Schwellungen und blauen Flecken an ihrem hageren Körper hat sie mittlerweile abgelegt. „Wer hier ohne Striemen rausgeht, der war gar nicht wirklich da“, meint sie und legt ein dickes Bambusrohr auf die mit Leder überzogene Liege vor sich. Wer allerdings denkt, er könnte im SMart ein Pufferlebnis in gediegener Beisl-Atmosphäre genießen, der kann sich die Anreise in den Sechsten sparen. Denn hier geht es vor allem um fesselnde Diskussion und um Austausch – und damit ist ganz bestimmt nicht zwingend der von Körperflüssigkeiten gemeint. Die roten Striemen an den Oberarmen werden sich morgen blau und ein paar Tage später gelb verfärbt haben. In einer etwas anderen Farb- gebung präsentiert sich nun auch die eigene Gedankenwelt. Aber nicht etwa dunkler, wie man nach einem Besuch im Wiener SM-Untergrund vielleicht vermuten würde, sondern deutlich heller – denn was man hier erlebt hat, war Aufklärungsunterricht par excellence. Mit Mitarbeitsplus.