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Orgasmus Synchron: Come Together

3 von 4 Frauen kommen bei der Selbstbefriedigung immer zum Orgasmus, immerhin 2 von 5 Frauen gelegentlich beim Geschlechtsverkehr mit Männern. Warum aber ist das gemeinsame Kommen so kompliziert?

TEXT: MANFRED SAX

Previously, bei einem Comedy-Gig um die Ecke: Kein Scherz, meinte der Mann auf der Bühne, es gibt diese Webseiten für Frauen, die ihre Männer mit Hingabe nerven, tipp mal „wie mache ich meinen Mann glücklich“ in die Suchmaschine. Und tatsächlich, dort sind sie – auf Pinterest und anderen Socials und zig Portalen: hunderte Wege des männlichen Glücks, wie sie es sich vorstellt – ihm beim TV-Konsum die Fernbedienung überlassen; ihm ein Bier aus dem Kühlschrank holen; ihm in Anwesenheit von Bekannten ein Kompliment machen; sein Lieblingsmagazin abonnieren; und so weiter. Eigentlich alles dabei. Bis auf das, was der Mann zum Glück braucht. Offenbar hat es sich noch nicht herumgesprochen: Es gibt nur einen Weg, den Mann glücklich zu machen. Sein Glück ist ein Kleinsturlaub im Minutenbereich. Drei bis zehn Sekunden mehr oder weniger ekstatische Wunschlosigkeit, die ein paar Minuten des Gehirnstillstands triggern, in welchen der orbitofrontale Cortex ausgeschaltet ist. Diese paar Minuten werden ohne Selbstreflexion, ohne Vernunft und ohne bewusste Entscheidungen Geschichte, du hast weder Kontrolle noch Ängste. Du hast also Glück. Anders gesagt: Du bist glücklich, wenn du gerade einen anständigen Orgasmus hast. Das ist happy. Kein Denken, keine Vergangenheit, keine Zukunft; nur das hirnlose Jetzt. Dein Auto steht in der Verbotszone, du bist hinten mit der Miete, Trump hat gerade auf den roten Knopf gedrückt? Alles egal, wir feiern gerade Orgasmus, wir können uns nicht kümmern. Und frag mich jetzt nicht, ob ich ein Bier will, Darling, weil: wunschlos. Auch wär es nett, wenn du diese kostbaren Momente nicht mit dem obligaten „was denkst du?“ ruinierst, denn dann weiß ich, dass du nicht so glücklich bist wie ich; dass du keinen Orgasmus hattest. Genau das wär’s, um das männliche Glück perfekt zu machen: gemeinsam kommen – deine Kontraktionen synchronisiert mit meiner Ejakulation. Glücklicher geht nicht. Gemeinsam kommen, sagte mal wer, ist wie ein psychedelischer Jackpot, der das Universum erleuchtet. Eine Rarität. Wie es eben ist mit Jackpots. Es ist selten so, dass die Gründe für das fehlende gemeinsame Glück exklusiv bei ihr oder bei ihm zu deponieren sind. Ihr frustriertes „du kannst mich nicht befriedigen“ ist in etwa so armselig wie sein launiges „passiert dir das öfter?“, wenn er keinen hochkriegt. Weder Frau noch Mann brauchen den/die andere(n), um einen Orgasmus zu haben. Was ein Mann ist, verbringt ohnehin sein halbes Leben mit der Hand am Schritt. Und Frauen haben in den vergangenen Jahrzehnten fleißig geübt.

Erst vor 64 Jahren hat Alfred Kinsey die westliche Welt informiert, dass der weibliche Orgasmus existiert. Heute kommen drei von vier Frauen bei der Selbstbefriedigung immer zum Orgasmus, beim Sex mit einem Mann kommen immerhin noch zwei von fünf Frauen. Leider nur gelegentlich. Das macht den gemeinsamen Orgasmus so kostbar. Wenn es nur um ihren Orgasmus geht, braucht sie keinen „Back-up-Tänzer“, wie sie sagt. Sie braucht keine optischen Vorlagen zur Stimulation, schon gar nicht braucht sie einen Penis ohne Kontext. Sie braucht eine Story. Ein Drehbuch, das von ihrer Fantasie geschrieben wird. Und das ist ihr Problem, mein Freund, beim Sex mit dir. Sie hat häufig Schreibblockade. Du bist ja nicht Ryan Gosling oder wer. Und selbst Gosling allein wär noch keine Story, es müsste schon ein knisterndes Kapitel vom „Tag, an dem ich Gosling traf“ sein. Dankenswerterweise beschäftigt sich die Wissenschaft seit ein paar Jahren mit diesem Thema. Warum ist es für Frau und Mann so kompliziert, ihre Orgasmen zu synchronisieren? Der letzte Wissensstand: Wahrscheinlich will es die Natur, dass der gemeinsam genossene Höhepunkt schwer zu erreichen ist. Es hat mit Evolution zu tun, dank seiner Denkfähigkeit hat sich der Homo sapiens zu einer kulturellen Spezies entwickelt. „Unser Sexualverhalten“, meint der amerikanische Neurologe Adam Safron, „ist durch kulturelle Gestaltung, abstrakte Ziele und nicht-reproduktive Motivationen charakterisiert.“ Soll heißen, Sex ist weit komplizierter, als es etwa die Stimulus-Response-Theorie erklären kann. (Du kommst mit deinen Stimulationsversuchen nicht sonderlich weit, wenn sie dabei ans Bügeln denkt.) Sexuelle Haltung stößt schnell an Grenzen, wenn die kulturellen Werte – wie seit Beginn des Monotheismus – eine Entsexualisierung des Menschen zugunsten einer intellektuelleren Berufung vorsehen.

Evolutionspsychologen glauben, dass die schwierige Erreichbarkeit des gemeinsamen Orgasmus mal sinnvoll war. Mit der Entwicklung des Gehirns – und entsprechender Vergrößerung des Kopfes – musste die Frau das Baby früher gebären und suchte daher den Kindesvater an sich zu binden, um das Kind in seinem Schutz durch die patscherten ersten Jahre zu bringen. Und nichts verbindet mehr als ein gemeinsam genossener Höhepunkt. Gemeinsames Kommen sorgt für den perfekten Austausch der üblich verdächtigen Botenstoffe, die anhänglich machen (Oxytocin) und loyale Gefühle erzeugen, die mitunter sogar in Liebe ausarten, also jene zerebrale Wolke, die im Lauf eines Lebens mehr Kummer als Vergnügen schafft. Im Übrigen hatte der griechische Denker Aristoteles einst dem Sex entsagt, weil er den postorgasmischen Serotoninrausch mit einer Verdämlichung des Intellekts gleichsetzte. Insofern hat sich gar nicht viel geändert. Sex zwischen Frau und Mann hat immer was Paradoxes. Der Mann will einen Orgasmus und nimmt dafür, wenn’s sein muss, auch Liebe in Kauf. Die Frau will auch einen Orgasmus, nur glaubt sie häufig, sich verlieben zu müssen, um imstande zu sein, sich ohne Hemmungen einzubringen. Die kulturellen Werte, wie gesagt. Und irgendwann, in der Raumzeit zwischen Liebespaar der ersten Stunde und langjähriger Partnerschaft, mag auch eine gemeinsame Liebe blühen – die Liebe zu Sex, genährt von synchronen Orgasmen. Im Idealfall finden sie einen gemeinsamen Rhythmus, der ihre Emotionen und seine Aggressionen beschwichtigt, bis an ihre Stelle ein Trance-ähnlicher Zustand gerät und ihr Herzschlag ein Echo des seinen ist. Nicht auszuschließen, dass dann sie zu seiner Aphrodite wird – eine Liebesgöttin, nicht weniger – und er, in großen Momenten, zu ihrem Ryan Gosling. Allerdings wird dieser Orgasmus nie synchron bleiben, das passt nicht zum Wesen der Evolution. Letztlich ist es so, dass alles fließt und nichts so bleibt, wie es ist. Was bleibt, ist die Sehnsucht. Die Sehnsucht nach dem, was er Sex und sie Liebe nennt. Das ist – in seinen Augen – das Malheur der langjährigen Liebespaare. Du kannst dich nicht nach etwas sehnen, das du ohnehin hast.

Foto Header © Getty Images | Aleksandar Nakic