KULTUR

Robert Palfrader: Zurück zum Ursprung

Es gibt wenige Orte, an denen Robert Palfrader so entspannt ist wie im malerischen St. Vigil in Südtirol. Warum, verrät er dem WIENER bei einem Besuch in der idyllischen Heimat seiner Vorväter.

Text: Hannes Kropik / Fotos: Maximilian Lottmann

Ihren Robert kennen sie in St. Vigil. Und zwar nicht nur aus dem Fern­seher (aber auch, denn Südtirol ist eher ORF– als RAI-Territorium), sondern weil er einer von ihnen ist. Viele der knapp 1.200 Einwohner sind mit ihm über die eine oder andere Ecke verwandt, die meisten heißen ohnehin ebenfalls Palfrader. „Heimat ist ein schwieriger Begriff für mich. Aber ja: Es gibt hier Plätze, die ­schöner sind als alles andere, was ich ­bisher gefunden habe“, erzählt Robert Palfrader dem WIENER beim Lokalaugenschein in der Heimat seiner Vorväter.

 

Spurensuche: Mit WIENER-Autor Hannes Kropik in St . Vigil in Enneberg, wo sich der Palfrader-Stammbaum bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen lässt.

 

Was Südtirol und im Speziellen die ­Dolomiten-Gemeinde St. Vigil in Enneberg für den 48-jährigen Wiener so einzigartig macht, das sind gewisse Orte und beson­dere Menschen. Familie nennt er sie und meint damit nicht zwangsweise Verwandte. Und es sind Gedanken an Verstorbene, wie an die jüngste Schwester seines Großvaters und deren Mann: „Sie waren meine Lieblingsmenschen. Sie haben einen winzigen Bergbauernhof betrieben und waren alles andere als reich, haben aber eine ganz ­besondere Atmosphäre geschaffen, deren Erinnerung alleine mich immer wieder hierher zieht.“

 

Guter Appetit: Luisa Obwegs’ „Osteria Garsun“ ist stets sein erster Halt in St. Vigil.

 

Zu Roberts selbst gewählter Familie zählt Luisa Obwegs, die mit ihren 79 Jahren immer noch in der Küche der Osteria Garsun traditionelle Gerichte wie die mit Spinat, Sauerkraut oder Frischkäse gefüllten Erdäpfelteigtascherl in der Pfanne frittiert. Tultres heißt diese Spezialität, die unter keinen Umständen mit Messer und Gabel gegessen werden darf. „Ich esse sie am liebsten kalt. Wenn mir Luisa ­einen ordentlichen Vorrat mitgibt, habe ich den ­spätestens in Lienz aufgegessen.“ Das Besondere an Luisas Küche (neben der unpackbaren Qualität ihrer Handwerkskunst) ist, dass sie keine Lauf­kundschaft bedient: „Bei ihr musst du reser­vieren, damit sie weiß, wie viel sie kochen soll. Sie hasst es nämlich, Lebensmittel wegwerfen zu müssen.“

 

Der Ort hat sich seit Roberts Kindheit merklich verändert: „Früher gab es hier weniger Menschen und Häuser, dafür mehr Kühe.“

 

Die Spur der Palfraders (deren ursprünglicher Name Peraforada von einem Loch im Grenzstein ihres Grundstücks stammt) lässt sich bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen. „Uns gibt es in St. Vigil wie Sand am Meer. Alleine Robert Palfraders gibt es hier drei. Einer davon ist ein wahnsinnig netter und fescher Kerl, 1,95 groß, breite Schultern – mit ihm bin ich wahrscheinlich am wenigsten von allen verwandt …“ Um über ­familiäre Zusammenhänge im Bilde zu sein, geben Vigiler übrigens heute noch gerne im groben Überblick Auskunft über ihren Stammbaum: „Wenn ich jemanden kennenlerne, stelle ich mich so vor: ­Robert, Möt de Möt de Maria dal Tabak e Franz di Fordi – also: Ich bin Robert, der Sohn vom Sohn von Maria vom Tabakhaus und Franz von Fordi. Dann weiß mein Gegenüber sofort, wie man mich einordnen kann.“

Roberts Vater wurde noch in Südtirol geboren, doch dann verschlug der große Weltenbrand die Familie ins heutige Österreich: Deutschsprachige Südtiroler wurden unter Mussolini vor die Wahl gestellt, zu bleiben und „italienisiert“ zu werden oder sich für das Deutsche Reich zu entscheiden. „Mein Großvater ist von St. Vigil nach Spitz an der Donau übersiedelt, wo er das Hotel Mariandl gekauft hat. Später ist er weiter nach Wien gegangen.“ Die Palfraders gehören zur rätoromanischen Volksgruppe der Ladiner. Robert erinnert sich, bei seiner Urgroßmutter und Großtante als Kind sehr viel Ladinisch gehört zu haben: „Ich verstehe heute nicht mehr so viel wie früher und spreche leider nur noch die wichtigsten Sätze! Ich kann bitte und danke sagen, ein Glas Wein bestellen – und ich kann schimpfen.“ Was Robert an seinen Südtirolern so schätzt, ist nicht nur der Hang zum vormittäglichen Prosecco: „Es sind selbstbewusste, reflektierte, in sich selbst ruhende Menschen, die sich gerne auf die Schaufel nehmen lassen. Sie können mit Kritik, aber auch mit Lob gut umgehen, weil sie beides nicht allzu ernst nehmen.“

 

Die idyllische Heimat der Palfraders: St . Vigil in Enneberg

 

Der Ort hat sich seit Roberts Kindheit merklich verändert: „Früher gab es hier weniger Menschen und Häuser, dafür mehr Kühe.“ Grund des Wandels ist der (Winter-)Tourismus im sonnigen ­Enneberger Tal, vor allem dank des Kronplatzes. Der 2.275 Meter hohe Hausberg St. Vigils (wo Zaha Hadid Reinhold Messners spektakuläres „Messner Mountain Museum“ errichtet hat) ist aber nicht die einzige Attraktion in der Region. Robert selbst – und mittlerweile seine Kinder ebenfalls – zieht es immer wieder auf die Fanes, ein Hoch­plateau, „so wunderschön, dass mir jedes Mal der Atem stockt“.

 

Glücklich: Auf der Lavarella-Hütte auf 2.050 Meter Seehöhe genießt Robert Palfrader die Stille der Dolomiten-
Hochebene Fanes: „Hier hat es vor 40 Jahren nicht anders ausgesehen als heute.“

 

Auf dem 2.810 Meter hohen Seekofel wiederum traf Palfrader eine der wichtigsten Entscheidungen seines Lebens: „Ich war bei Sonnenaufgang oben am Berg und der Wind hat mir ins Gesicht geblasen. Ich kann nicht sagen, ob der Moment fünf Sekunden gedauert hat oder fünf Minuten, aber ich habe einen Zustand der inneren Leere erreicht. Ich hatte keine Angst, keine Wünsche, keine Liebe, keinen Hass. Ich war einfach. Als ich aus diesem in höchstem Maße wünschenswerten Zustand zu mir gekommen bin, war mir klar: Ich werde mein Leben komplett umkrempeln.“ Und tatsächlich kündigte er seinen Job als Chef de Rang im Marriott, um sich fortan seiner Künstlerkarriere zu widmen: „Im Nachhinein gesehen war das nicht mutig. Mit 21 bist du nicht mutig, sondern deppat. Aber ich wusste, dass ich nicht auf den Planeten gekommen bin, um in einem Hotel zu arbeiten.“ Dass es mit der Karriere dann doch noch ein paar Jahre länger gedauert hat, ist eine andere Geschichte …

Heute jedenfalls ist der zweifache Familienvater ein viel beschäftigter Künstler. Im Sommer steht er für zwei Filme mit der deutschen Kabarettistin Gisela Schneeberger vor der ZDF-Kamera, außerdem schreibt er gerade an einem TV-Film, einem Kinofilm und seinem ersten Solo-Kabarett „Allein“, das am 17. Jänner 2018 im Wiener Rabenhof  Premiere feiern wird. Dazwischen stehen zumindest Kurztrips nach Vigil ganz oben auf der To-do-Liste: „Wenn ich die Berge ein paar Monate lang nicht sehe, werde ich ein bisserl ­komisch.“

 

Das „Schöneck“ in Pfalzen ist der krönende Abschluss der Reise. Foto: (c) Hannes Kropik

 

Der Heimweg nach Wien führt den Feinschmecker automatisch über das malerische Örtchen Pfalzen, wo Karl Baumgartner mit Ehefrau Mary und Bruder Siegi den Michelin-besternten Gasthof Schöneck betreibt. Kennengelernt hat er sein Lieblingslokal durch seinen „Staatskünstler“-Kollegen Florian Scheuba, mittlerweile legen die beiden ihre Tourneetermine so, dass sie immer wieder in Pfalzen vorbeischauen können: „Ich weiß nicht, wie oft ich schon hier gespeist habe, aber ich habe noch nie in die Speisekarte geschaut. Ich lege mein Leben vertrauensvoll in die Hände vom Karl.“ Denn der Karl ist Familie, und Essen ist Heimat.

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Der Lokalaugenschein mit Robert Palfrader in der Südtiroler Dolomiten-Gemeinde St. Vigil in Enneberg als Videoporträt: