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Selbstinszenierung: Spiegel lügen nicht

Wenn Sie bemerken, dass Ihnen Ihr Facebook-Profil näher ist als Ihr wirkliches Ich, sollten Sie diese Geschichte lesen.

Text: Franz J. Sauer / Fotos: Christina Noélle

Kennen Sie „Black Mirror“? Die TV-Serie? Es ist dies ein britisches TV-Format, das auf dem Streamingportal Netflix läuft und dystopische Zukunftsszenarien zeichnet. Allerdings sind diese in einer, sagen wir, absehbaren Zukunft angesiedelt. Und die technischen Errungenschaften der „Black Mirror“-Plots sind zwar Sci-Fi, aber bei Weitem nicht so abgehoben wie die Zeitmaschine aus „Zurück in die Zukunft“ oder der Transporterraum vom „Raumschiff Enterprise“. So wird dem Hauptdarsteller einer Folge ein zweites Ich per Pinzette extrahiert, um in einem kleinen Plastikei konserviert als Sklave für das Haupt-Ich zu dienen oder aber, wenn es nicht brav pariert, an die ­Games-Industrie als Kanonenfutter verkauft zu werden. In einer weiteren der – thematisch nicht zusammenhängenden – Folgen muss der britische Premierminister live im Fernsehen Sex mit einem Schwein haben, damit ein perverser Erpresser die in seiner Gewalt befindliche Prinzessin des Königshauses nicht ermordet. Und in einer wieder anderen Folge (insgesamt gibt es bislang 13 Folgen in 3 Staffeln, an weiteren wird gedreht) ist es das wichtigste Ziel aller Menschen, ein möglichst gutes Social Media Ranking zu haben, weil ihnen dieses Zugang zu bevorzugter Behandlung bei der Ver­gabe von Jobs, Wohnungen, Mietwagen oder Flug­tickets verschafft – oder eben nicht. Das nämliche Ranking wird durch Likes, die man von anderen Menschen bekommt, besser, durch Dislikes kann es sich aber auch wieder verschlechtern. Außerdem ist es für jeden sichtbar, weil es am modischen Kontaktlinsen-Bildschirm in jedermanns Auge gleich neben dem Kopf des anderen eingeblendet wird. Damit ist der gläserne Mensch perfekt, jeder bekommt automatisch eine Wertung zugeteilt, die mit der echten Person womöglich überhaupt nichts zu tun hat.

(c) Christina Noélle

1984
Der letzte Plot kommt Ihnen bekannt vor, obwohl Sie die Serie definitiv noch nie gesehen, ja noch nicht mal was von ihr gehört haben? Nun, das kann gut sein. Berichte darüber, dass die Chinesische Regierung bereits seit Längerem an einem omnipräsenten „Social Credit System“ für ihre 1,3 Milliarden Mitbürger basteln, das bis 2020 verwirklicht werden soll, sind vor allem im Zuge des jüngsten Parteitages der KP verstärkt durch alle Medien gegangen. Das Szenario ist irgendwo zwischen George Orwells furchterregendem „1984“ und der genannten „Black Mirror“-Folge angesiedelt. Bloß, dass es – von der Kontaktlinse vielleicht abgesehen – ziemlich real ist. Und dem alten, gern genommenen Obrigkeits-Postulat des „Wer sich nichts zu schulden kommen lässt, hat auch nichts zu befürchten!“ frisches Gänsehautpotenzial verschafft.
Das Skurrilste daran: Umfragen haben ergeben, die Chinesischen Bevölkerung soll im Großen und Ganzen nichts dagegen haben, künftig in einem fein gesponnenen Social Ranking System bewertet zu werden. Vor allem, wenn sie selbst als Notengeber mitwirken kann.

(c) Christina Noélle

Das falsche Bild
Der beliebte Kabarettist Michael Niavarani stellte einst, als er selbst noch kein Social-Media-Fan war und Facebook-Livevideos mit dem Bundeskanzler drehte, fest: „Facebook ist wie Stasi auf freiwilliger Basis.“ In der Tat geben Menschen auf Social Media freiwillig eine Unmenge höchstpersönlicher Informationen über sich preis, die man vor ein paar Jahren noch unter dem Begriff „Privatsphäre“ zusammengefasst hätte. Ziel dessen ist zumeist, sich selbst auf eine gewisse Art und Weise darzustellen, üblicherweise so, wie man sich gerne selbst sieht oder sehen würde. Dass man dabei Menschen, die gerne zwischen den Zeilen lesen, eine Menge an Anhaltspunkten für einen gänzlich anderen Eindruck liefert, ist kaum zu vermeiden. „Broadcast yourself“ (so lautete nicht zufällig der erste Werbeclaim der Videoplattform Youtube) ist jedenfalls eine Spielwiese für jene, die sich gut damit auskennen, und hochrutschiges Glatteis für alle anderen. Fanciest bearbeitete Profilbilder, Fotos von Kätzchen, Strand-Füßen, dem zuletzt erklommenen Berggipfel oder aber der ausgelassenen Stimmung bei der letzten Firmenfeier stecken ein gut einsehbares Kraftfeld der eigenen Charakterlichkeit ab, und je besser wir dieses in unserem Sinne gestalten wollen, desto schwieriger wird es, die tatsächliche Außenwirkung zu steuern. Während bei Portalen mit binären Auswahlmöglichkeiten wie Tinder rasch klar wird, ob man bei den richtigen Leuten gut ankommt oder nicht, liefern Portale mit Gedächtnis wie Facebook oder Twitter (und etwas weiter gesteckt auch Google) ein viel weitreichenderes Persönlichkeitsbild der jeweiligen Figur ab, das auch nicht zwingend den aktuellen Status Quo wiedergibt. So können einstmals vergebene „Likes“ für Personen, Veranstaltungen oder Organisationen später zum Verhängnis werden, weil sich durch unerwartete Ereignisse die Wahrnehmung derselben verändert. Gut möglich, dass dereinst Harvey Weinstein ein Big Like von mir abstaubte, weil ich ein eingefleischter „Pulp Fiction“-Fan bin. Was aber, wenn das heute eine Mitarbeiterin von mir sieht? Wähnt sie mich dann im gleichen Saunaclub wie all die anderen, netten Sexisten eingeschrieben? Und, um noch einen Schritt weiter zu gehen: Würde sie in der Bewertung meines charakterlichen Wesens hernach eher dem glauben, was sie in der persönlichen Begegnung wahrnimmt, oder lieber doch der publizierten „Wahrheit“ auf Facebook?

(c) Christina Noélle

Die guten Seiten
Wer nun meint, ich hielte Social Media für den Teufel unserer Tage und Facebook im Speziellen für den Feind schlechthin, liegt gehörig falsch. Gerade wir Medienmenschen erkennen all die feinen „Broadcast yourself“-Kanäle als wunderbare Chance, unsere ureigene Tätigkeit, nämlich das Entdecken, Prüfen, Weitergeben und Verstärken von Informationen so direkt wie nie zuvor an jene Rezipienten zu bringen, die wir damit erreichen wollen (und erkennen wir es nicht, gehören wir zum alten Eisen). Es hat eine wunderbare Fas­zination, wenn Musiker, Maler, Buchautoren oder andere Künstler nicht mehr darauf angewiesen sind, von x-beliebigen A&R-Managern per Zufall entdeckt zu werden, sondern ihre künstlerische Botschaft quasi wie von selbst ihr Publikum findet. Überhaupt ist es für Kunstschaffende aller Gat­tungen ein Segen, das Vermarkten ihrer Produkte praktisch selbst in die Hand nehmen zu können, ohne die Notwendigkeit zwischengeschalteter Filter mit Eigeninteressen. Gäbe es Social Media nicht, würden Sie die schönen Selbstporträts von Christina Noélle auf diesen Seiten nie gesehen haben (hier erzählt sie von ihrem künstlerischen Werden, das mit Social Media und „Broadcast yourself“ durchaus zu tun hat). Und dass man sich längst nicht mehr dafür genieren muss, seinen Liebes- bis Lebenspartner auf Parship, Tinder oder Elitepartner kennengelernt zu haben, ist im Großen und Ganzen auch mehr Errungenschaft als Nachteil – Heiratsvermittlungsagenturen wurde diese Akzeptanz die ganze analoge Zeit über nie zuteil. Nicht einmal wollen wir leugnen, dass es oftmals bloß ein witziger Zeitvertreib ist, bis zur Genickstarre in seinem Smartphone zu versinken und  überflüssige Statusmeldungen nebst Fotostory und GIF nebendran zu komsumieren. Übrigens ist erst recht all jenen zu widersprechen, die meinen, es wäre eine Sauerei, dass Mister Zuckerberg dreimal pro Jahr die Algorythmen neu frisiert, um seine weltweit 2 Milliarden „Freunde“ zu überreden, doch etwas mehr Geld in ihr sozialmediales Weiterkommen zu investieren. Er hat es erfunden, es gehört ihm. Also ist es auch sein gutes Recht, die Spielregeln zu ändern – man hat sich schließlich freiwillig in die Hand eines global tätigen Medienkonzernes begeben, wenn man die Besucher seiner Webauftritte bloß über eine einzige, virtuelle Pinwand auf seine Seite lockt.

(c) Christina Noélle

Der böse Blogger
Auch die gern verteufelten „Influencer“, die per Blog, Instagram-Post oder Statusmeldung ihren Lifestyle für eine beachtliche Fanschar veröffentlichen, haben in unserer aktuellen Social-Media-Welt nicht nur Berechtigung, sondern auch Funktion. Dass sie von der Konsumgüter-Industrie als Marken-Ambassadoren und brauchbare Multiplikatoren wahrgenommen werden, stößt der altehrwürdigen PR- und Marketinglandschaft nebst all ihrer bunten Magazine nun übel auf, war aber eine höchst vorhersehbare Entwicklung. Wenn ein/e ReisebloggerIn mit dem hochfrequenten Posten atemberaubender Landschaftsshots den Eindruck vermittelt, rund um die Uhr nichts anderes als auf Traumurlaub zu sein, so entführt das den Rezipienten daheim in der verstopften U-Bahn in eine Welt, in der dieser selbst gerne wäre. Damit macht der Influencer das Gleiche wie die Werbeindustrie seit 100 Jahren: Sehnsüchte triggern. Dem Blogger daraus einen Vorwurf zu zimmern, sich als Produkt mit Markenwert zu platzieren, wäre ähnlich stupid, wie McDonald’s vorzuwerfen, ihre labbrigen Burger immer von der besten Seite zu fotografieren. Letztlich ist hier die Vielzahl der Follower ein Gütezeichen für die Arbeit der Protagonisten. Würden die Inhalte nicht gefallen, wären die Fans schnell wieder weg.

(c) Christina Noélle

Wer lügt, wer nicht?
Heikel wird die Sache, wenn man beginnt, seinem Facebook-, Tinder- oder sonstigen Account mehr über sich selbst zu glauben als der gesunden Eigenwahrnehmung. Was damit beginnt, dass man plötzlich den einst verhassten, graurotgetupften Schal zu lieben beginnt, nur weil er als Sidekick am Profilbild viele Likes einfuhr, endet schlimmstenfalls damit, im echten Leben krampfhaft dem virtuellen Abbild seiner selbst nachzueifern.
Bekanntlich liegen bei uns Menschen Eigen- und  Fremdwahrnehmung  meilenweit auseinander. Außerdem sind wir seit frühester Kindheit darauf aus, Anerkennung einzuheimsen, was in Zeiten der blauen, kleinen „Daumraufs“ so einfach geht wie nie zuvor. Da liegt die Versuchung blank, einst eisern verteidigte Ideale gegen fragwürdige auszutauschen, weil sie bei irgendeiner Community gut ankommen. Im erbarmungslosen Sammeln elek­tromagnetischer Sympathiebekundungen wird man schnell so sehr zum Opfer der eigenen ­Eitelkeit, dass man nicht mal mehr dem Bade­zimmerspiegel daheim die frühmorgendliche Wahrheit glaubt. Zur hemmungslosen Realitätsverweigerung ist es da nicht mehr weit, was einen vom vermeintlich selbstbestimmten Gestalter ­seines Lebens zum Trittbrettfahrer auf den ­Begehrlichkeiten anderer macht. Und wenn der Bus des Zeitgeistes dann mal eine scharfe Kurve macht, fliegt man in jenen Gatsch der Entfremdung, aus dem einen keiner mehr herausliked.

(c) Christina Noélle

Das gute, alte Bauchgefühl
Zurück zu Papier und Bleistift also? Lies ein gutes Buch, Rotzbub, und leg das blöde Handy weg? Also das kann anno 2017 nun wirklich nicht die Lösung sein. Es geht wie so oft und bei eigentlich eh allem um die vernünftige, intelligente Nutzung der zur Verfügung stehenden Ressourcen. Schließlich glaubt hier ja auch keiner mehr ernsthaft an den plötzlich auftauchenden Millionensegen, weil man die Erbschaft irgendeines Spam-Barristers aus Zentralafrika kurz mal über das eigene Konto laufen lässt. Vielleicht ist es ja auch ein ganz richtiger Weg, die ehrliche Eigenwahrnehmung über den Umweg der virtuellen Visitenkarte zu tunen, sozusagen das Beste aus beiden Welten zu vermengen und die Kommunikation der eigenen Persönlichkeit mit der Außenwelt vor Gebrauch ein wenig abzutesten. Am allerwichtigsten erscheint uns dabei, die Sensorik des Machbaren, das gute alte Bauchgefühl, auf keinen Fall verkommen zu lassen. Erst wenn wir mit serienmäßigen USP III-Ports in der Lendengegend zur Welt kommen, wo man ­unseren aktuellen Gemütszustand per Multitester abfragen und bei Bedarf die neueste Software ­raufspielen kann, wird es die hyperscharf nach­justierbare Sensorik „Black Panther Super Cat ­Stomach V. 3.7“ im App-Store für fast lau zu kaufen geben. Bis dahin müssen wir halt der inneren ­Stimme vertrauen.

P.S.: Hey, ihr Macher von „Black Mirror“: Das wäre doch ein toller Plot für die erste Folge der nächsten Staffel – findet ihr nicht?

Styling: Hairdreams