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Games: Rennsaison 2017

Das vergangene Jahr war für Games allgemein, speziell aber für Rennspiele, ein besonders ergiebiges. Die Big Four des rasanten Genres – „Gran Turismo“ „Forza“, „Project Cars“ und „Need for Speed“ – haben neue Versionen vorgelegt. Grund genug, in der letzten ­WIENER-Ausgabe des Jahres ausführlich Bilanz zu ziehen.

Text: Markus Höller

Rennsimulationen der Premiumklasse er­scheinen aufgrund der extrem komplexen Entwicklungs- und Lizensierungsarbeit selten im Jahresrhythmus, spezialisierte Rennklassen-­Franchises wie F1 oder WRC mal ausgenommen. Racer gehören trotzdem in jede gute Spiele­sammlung, und so rittern konsolenexklusive und plattformunabhängige Hersteller in diesem ­Segment regelmäßig mit großem Aufwand um die Gunst der Gamer. Dass dieses Jahr trotz der unterschiedlichen Erscheinungsweisen wirklich alle großen Renntitel fast gleichzeitig ihre lange er­warteten State-of-the-Art-Zugpferde auf den Markt geworfen haben, ist daher so selten wie eine Sonnenfinsternis. Nachfolgend sehen wir uns an, wo die Stärken und Schwächen der einzelnen Games liegen und welche Plattform/welches Game am meisten „Bang for Buck“ bietet.

Den digitalen Benzin-Reigen eröffnete im ­September „Project CARS 2“. Die Fortsetzung des Quereinsteigers von Bandai Namco aus dem Jahr 2015 ist ein technologischer Quantensprung, vor allem, wenn man sich an die vielen Probleme des ersten Teils erinnert. Mit über 180 Fahrzeugen
und über 60 Streckenlocations in mehreren Konfigurationen ist „PC2“ zwar mengenmäßig noch weit entfernt von Content-Monstern wie der „Forza“-Reihe oder (früheren) „Gran Turismo“-­Ausgaben, aber dafür sehr gut kuratiert. Klassiker wie ein 1984er Ferrari GTO oder der F1 Lotus der 70er-Jahre mit der unschlagbaren John-Player-­Lackierung lassen die Herzen von Enthusiasten ebenso heftig pochen wie aktuelle Autos. Grundsätzlich findet man keine Alltagsfahrzeuge wie einen ­Dieselgolf, denn Serienwagen sind immer in ihren jeweiligen Renn-Setups präsent.

Apropos Renn-Setup: Sollte der geneigte Leser eine ­Ausbildung zum Automechanikermeister absolviert haben oder im Brotberuf Rennfahrer bzw. ­-ingenieur sein: Hier sind Sie richtig. Die Optionen der Fahrzeugeinstellung entsprechen voll und ganz den realen Möglichkeiten und sind schier unendlich. Reifendruck links hinten um 0,1 bar verringern? Reifensturz vorne rechts um ein halbes Grad steiler? Flügelwinkel hinten? Tankinhalt? Alles machbar. Zu den ohnehin schon üppigen Einstellungen gesellen sich noch dynamisches Wetter und Tageszeit. Wer also unbedingt mit einem aufgebrezelten Bentley Continental bei Schneefall in die Abendämmerung am Nürburgring glühen will, nur zu! Die Witterungseffekte wurden bei „Project CARS 2“ speziell aus der Cockpitperspektive besonders gut umgesetzt – nicht so spektakulär wie bei dem etwas in Vergessenheit geratenen „Driveclub“, aber man bekommt eine gute Vorstellung, wie extrem schwierig das Rennfahren ist, wenn mal nicht die Sonne scheint.

Alles in allem ist „Project CARS 2“ also viel mehr Rennsimulation als Rennspiel, vor allem im Zusammenspiel mit einem Force-Feedback-Lenkrad und Pedalen eignet sich das Game sehr gut für realistisches Renntraining. Punkto Gaudi und Sammelwut freilich sieht es hier eher mau aus. Challenges, Pokale, Customisation und ähnliches Brimborium findet man kaum, auch die optische Präsentation verzichtet auf Showeffekte und wirkt nüchtern. Konsolen und PCs, die benzinschwangere Ergänzung zu partytauglichen Games suchen, sollten hier ihre Festplatte eher sauber halten.

 

Project Cars 2: Die ambitionierte Simulation überzeugt mit bedingungslosem technischen Realismus und ansprechender Optik.
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Project Cars 2: Die ambitionierte Simulation überzeugt mit bedingungslosem technischen Realismus und ansprechender Optik.

Nicht so beim Xbox-exklusiven „Forza 7“. Die ursprünglich als Gegenpol zum PlayStation-­Zugpferd „Gran Turismo“ entwickelte Serie hat
in der aktuellen Version nichts von ihrer Mächtigkeit eingebüßt. Mit über 200 Autos, von der Isetta bis zum Lamborghini Centenario, ist hier wirklich alles vertreten. Sogar ein 75er Ford Bronco. Technisch spielt „Forza 7“ alle Stückerl: Dynamischer Wetter- und Tageszeitwechsel, Unterstützung für 4K bei 60fps (auf der brandneuen Xbox One X) und der frische, Arcade-lastige Stil machen das Spiel auf modernen Fernsehern zum echten Showstopper. Lackierungsoptionen, Felgen, Aufkleber und weitere kleine Details erinnern stark an entsprechende Fernseh- und Filmerfahrungen, nicht umsonst gibt es die legendärsten Autos aus der „Fast & Furious“-Reihe hier schon lizensiert und fixfertig zur Auswahl. Arcade-Feeling hin oder her, „Forza 7“ ist aber natürlich schon ein richtig realistisches Rennspiel. Fahrphysik, Einstellungen und Streckenverhalten sind selbstverständlich auf dem hohen Niveau, wie man es sich von einem Premiumtitel mit Eignung für die neuesten Konsolengeneration erwarten darf. Wenn auch nicht so ziseliert wie bei „Project CARS 2“, aber „Forza“ war und ist seit jeher auf Zugänglichkeit und ­Casual-Gaming-Eignung gebürstet.

Forza 7: Das Xbox-exklusive Rennspiel macht auch in der 7. Generation einen schlanken Bleifuß. Im Bild: Forza Motorsport 7 Porsche GT2 RS 4K Front Forza Motorsport 7 Preview Wet Racing Forza 7 Lamborghini Cockpit 4K Forza 7 Challenger Headlights 4K
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Forza 7: Das Xbox-exklusive Rennspiel macht auch in der 7. Generation einen schlanken Bleifuß. Im Bild: Forza Motorsport 7 Porsche GT2 RS 4K Front

Casual Gaming und Arcade-Action stehen bei „Need for Speed Payback“ ganz im Sinne der Serie im Vordergrund. Obwohl ein technisch sehr hochwertiger Racer, versteht sich die „NFS“-Serie nicht als Simulation, sondern als lautes Actionfeuerwerk, das in erster Linie durch rauchende Reifen, coole Sprüche, einen fetten Soundtrack und nicht zuletzt eine sehr direkte „Fuck the Police“-Einstellung glänzt. Mit den deutlich wenigsten Autos – allesamt Serien- bzw. seriennahe Fahrzeuge – geht es bei „Need for Speed Payback“ auch gar nicht ­darum, auf diversen Rennstrecken die beste Linie in den Asphalt zu brennen, sondern um eine ­permanente Autoverfolgungsjagd im halblegalen Milieu. Diverse Rennen als Sidequest erfüllen dann die Funktion des Gelderwerbs zum weiteren Aufmotzen der Fahrzeuge. Technisch hat „NFS“ hier mit anderen Racern nachgezogen und bietet nun auch dynamische Tag- und Nachtwechsel. Im Segment „Action Driving“ mit spektakulären Verfolgungsjagden, Unfällen und generellem Blockbuster-Feeling kann auf jeden Fall nach wie vor niemand der „NFS“-Reihe das Wasser reichen. Der Realismus bleibt dabei großteils auf der ­Strecke, aber wer braucht den schon, wenn man mit Blaulicht und Hubschrauberunterstützung von den Cops über den Highway gehetzt wird? Niemand. Das ist ­Hollywood!

Need for Speed Payback: Der Vin Diesel unter den Rennspielen glänzt weniger durch technische Rafinesse, dafür mit viel Bums.
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Need for Speed Payback: Der Vin Diesel unter den Rennspielen glänzt weniger durch technische Rafinesse, dafür mit viel Bums.

Als hollwoodreif kann man auch die Entstehungsgeschichte von „Gran Turismo Sport“ bezeichnen. Der jüngste Ableger des mittlerweile schon 20 Jahre alten Sony-Goldstandards aller Rennspiele – übrigens der erste für die PS4 – steckte ganze vier Jahre in der Produktionshölle. Herausgekommen ist ein Rennsimulator, der vielen eingefleischten Gran-Turismo-Fans ein wenig Stirnrunzeln be­reitet. Denn im Gegensatz zu seinen Vorgängern handelt es sich um eine stark abgespeckte Version, die einen Schlussstrich unter die ausufernden Modell-, Strecken- und Trophäenorgien der Vorgängerversionen zieht. Mit etwas über 160 Autos und knapp 30 Strecken erscheint das Angebot geradezu karg, zumal es sich bei den Flitzern hauptsächlich um reinrassige Rennautos handelt. Die dutzenden Rennklassen und Cups wurden abgeschafft, ebenso die Werkstatt mit den Unmengen an kaufbaren Ausrüstungsverbesserungen. Stattdessen tritt man mit den vorhandenen Wagen zu kniffligen Prüfungen an.

Die Aussage von „Gran Turismo Sport“ scheint klar zu sein: Schluss mit lustig, du lernst jetzt richtig gut fahren. Tatsächlich macht sich die strenge Hand bemerkbar, schon nach wenigen Stunden verbessern sich auch am gewöhnlichen Controller die Fahrdisziplin und das Können ganz erheblich. Ersteres vor allem dadurch, dass Regelverstöße (rempeln, Kurven abschneiden) in offiziellen Rennen dank des Onlinezwangs (!) ins Logfile eingetragen werden und sich auf aktuelle und künftige Rennergebnisse empfindlich auswirken. Mit aller japanischen Härte wird man so zu einem fairen, aber guten Fahrer erzogen. Die Einstellungs­optionen sind mannigfach, hier kann man sich – wenn auch nicht so extrem wie bei „Project CARS 2“ – in den Schraubertiefen verlieren. Dynamische Wetterwechsel und Tageszeiten sucht man bei „GT Sport“ übrigens vergeblich. Wer sich fragt, wohin dann vier Jahre Entwicklungsarbeit geflossen sind: in die Präsentation. Denn kein anderes Rennspiel kann mit so atemberaubend realistischer Grafik, solcher Detailtreue und visuellen Brillanz überzeugen wie „Gran Turismo Sport“. Speziell in 4K HDR auf der PS4 Pro kommen Partikel- und Lichteffekte sowie die aufwendig programmierten Lackierungen der Autos unfassbar gut zur Geltung. Hörenswert ist auch die Soundkulisse: „GT Sport“ überzeugt mit distinktivem Klang der individuellen Motoren und sonstigen Geräusche. Nur mit der räumlich unterschiedlichen ­Darstellung von Front-, Mittel- und Heckmotoren im Inneren der Fahrzeuge hat das Spiel, wie alle anderen auch, noch ein wenig Probleme. „Gran Turismo Sport“ ist also nach langer Wartezeit nicht unbedingt das „Gran Turismo“, das alle erwartet haben, aber dafür das schönste Rennspiel aller Zeiten.

Gran Turismo Sport: Der Urmeter aller Konsolen-Rennspiele ist zurück – und das mit Wahnsinnsoptik und vielen Änderungen.
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Gran Turismo Sport: Der Urmeter aller Konsolen-Rennspiele ist zurück – und das mit Wahnsinnsoptik und vielen Änderungen.

Fazit: Im Halb-Generationensprung der Konsolen und Grafikkarten zur 4K-Qualität bieten alle Rennspiele echt überzeugende Performance.
Klar, die ultraorthodoxen Verfechter von Super-­Simulationen wie „Assetto Corsa“ rümpfen hier immer noch die Nase, aber für breitenwirksame Spiele gibt es wirklich viel unter der Haube. Letztlich ist es natürlich immer eine Angelegenheit des persönlichen Zugangs – technisches ­Setup, Simulation oder Arcade – und eine ­Geschmacksfrage, welchem der Spiele man fortan Stunden und Tage seines Lebens widmet. Als wahrscheinlich attraktivstes Paket für das Rundum-Rennvergnügen steht sicher „Forza 7“ in Kombination mit der fast schon obszön ­günstigen Xbox One S da. Als Posh-Variante sei „Gran Turismo Sport“ in Kombination mit der PS4 Pro und passendem TV nicht nur wegen der Optik hervorgehoben. Für Casual Gamer, Radaubrüder und Couch-Piloten bietet „Need for Speed ­Payback“ überall schöne Kurzweil, ebenfalls auf allen Plattformen ist wiederum „Project CARS 2“ die erste Wahl für alle Rundenstreber, Grip-­Ehrgeizler und KFZ-Berufsschüler. Ladies and gentlemen, start your engines!

 

Gran Turismo Sport
Entwickler: Polyphony
Publisher: Sony
Erschienen für: PS4
Grafik: 5 von 5 Punkten
Realismus: 4 von 5 Punkten
Spielspaß: 3 von 5 Punkten

 

 

 

Need for Speed ­Payback
Entwickler: Ghost Games
Publisher: EA
Erschienen für: PS4, Xbox One, Windows
Grafik: 3 von 5 Punkten
Realismus: 3 von 5 Punkten
Spielspaß:4 von 5 Punkten

 

 

 

 

 

Forza 7
Entwickler: Turn 10 Studios
Publisher: Microsoft
Erschienen für: Xbox One, Windows
Grafik: 4 von 5 Punkten
Realismus: 4 von 5 Punkten
Spielspaß: 4 von 5 Punkten

 

 

 

 

Project Cars 2
Entwickler: Slightly Mad Studios
Publisher: Bandai Namco
Erschienen für: PS4, Xbox One, Windows
Grafik: 4 von 5 Punkten
Realismus: 5 von 5 Punkten
Spielspaß: 3 von 5 Punkten

 

Fotos: (c) Hersteller

 

GEWINNSPIEL:

Wir verlosen 3x Forza 7 für Xbox One, 3x Porsche Automodell und 1x Need for Speed Payback für PS4 sowie ein gebrandetes Headset von Sennheiser!

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