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FALCOS neuer Höhenflug

Im Dezember 1996 gab FALCO dem WIENER sein letztes Interview und erzählte recht frei vom Herzen der langjährigen Textchefin Andrea Fehringer, was ihn bewegt und warum er Österreich verlässt. Außerdem erwähnt er das neue Album „Egoisten”, das posthum unter dem Titel „Out of the Dark” durch die Decke ging. Das Vertrauensverhältnis zu der journalistischen Doyenne des WIENER hatte er bei der Schule für Dichtung geknüpft, der damals beide als Vortragende angehörten. Here we go – Rückblende ins Jahr 1996.

Mit seinem Album Egoisten wird er 97 dort sein, wo er angefangen hat: ganz oben. Und außerdem weit weg. Knapp vor seinem 40er verläßt Hans Hölzel Österreich, um sich in der Dominikanischen Republik niederzulassen. Kurz vor seiner Abreise zieht er für den WIENER Bilanz über Erfolg und Abstieg, Frauen, Geld und Alkohol.

Interview: Andrea Fehringer

Früher wußte man nie, trifft man Jekyll oder Hyde. Wer sind Sie heute?
Schizophren war ich nur mit Alkohol, booze fucks me. Jeder hat sein Gift, und sei es Nöm Mix, auf das er auszuckt, ich bin allergisch auf Alkohol. Eines der unangenehmsten Dinge in der Medienlandschaft war a b’soffener Hoelzel.

Sie trinken nichts seit eineinhalb Jahren?
Es ist nimmer notwendig. Außerdem bin ich in einer einmaligen Situation, ich verlasse ein Land, von dem ich mir nie vorstellen hätte können, je mein Herz zu lösen. Seit sechs Jahren hackel’ ich daran.

Warum so lange?
Ich hab’ falsche Zeitungen gelesen und falsche Filme gesehen. Und geglaubt, Auswandern ist nie gut gegangen. Vorstufe war die Übersiedlung von Wien nach Gars am Kamp. Jetzt kommt mein 40er im Februar und ein Aufbruch in eine nicht ungewisse Zukunft.

Nämlich in die Dominikanische Republik.
Ich habe keine Familie, nie eine Firma gehabt, immer im Ausland Geld verdient und es heimgetragen zum Versteuern. Das Land hat mir als Arbeiterkind mit 25 ein Image ermöglicht, als wär’ ich mit dem goldenen Löffel im Mund im Taxi auf die Welt gekommen. Ich bin auf die Bühne gegangen, als tät’ ich alles dafür kriegen, nur ka Geld, und mit 18 hab’ ich den Kitt außekletzelt aus den Konservatoriumsfenstern. Ich verschwende keine Minute mehr, den Leuten zu sagen, daß i eh leiwand bin. Wenn man mich sehen will, komme ich gern, aber leben tu’ ich nicht da. Ich bin pari. ’81 bin ich angetreten mit an Schmäh, den keiner gepackt hat und der noch dazu erfolgreich war. Am wenigsten hab’ eam i packt. Die erste Platte „Einzelhaft” war wie bei jedem Künstler das Resultat der 25 Jahre davor. Dann hab’ ich mir die Haar naß g’macht und den g’streiften Anzug anzogen.

Falco WIENER

Falco Doppelseite WIENER 1996

Um was darzustellen?
Falco – eine Parodie aufs Establishment, was man aber nicht so verstanden hat und woraus mein präpotentes Image resultiert. Ich bin von den ”Drahdiwaberln” gekommen: nur kein Kommerz, ja net anbiedern! Wenn ich geliebäugelt habe mit der Gunst des Publikums, waren das peinliche Ausrutscher. „Einzelhaft” kam aus dem Bauch und ist g’fahren wie die Hölle, es war mein bestes Album.

Junge Römer war doch gleich darauf ein Flop?
Ein Totalflop. Mit Konzept: Ich zieh’ mir den Smoking vom Boubou Lang an und offenbare damit, daß ich mitspiele mit den Maßstäben des Establishments, aber nur , soweit i wü. Nur, die linke Partie, von der ich gekommen bin, hat gesagt: Na servas, der Oide, Oberkellner mit’n Mascherl, als hätt’ er a Platinader entdeckt, jetzt ist er nimmer kritisch, anti, anarchistisch, jetzt ist er wirklich das präpotente Arschloch. Durch den Riesenerfolg von „Amadeus” wurde „Römer” zum Kult, die alten Sachen sind immer leiwand und das Neue zum Vergessen. Das Album saumiserabel produziert, teils flach, teils aber sehr gut. Beim dritten entschiedet sich’s: Entweder die Band löst sich auf, oder sie fahrt. I bin g’fahren.

Die alten Sachen sind immer leiwand und das Neue zum Vergessen.

Dann kam ein Fünf-Millionen-Mark-Vertrag?
Fünf Millionen nimmt man, wenn man s’kriegt. Nur so schnell druckt des kana durch. Wenn du fünf Jahre heiß bist, bist Weltmeister, ich war heiß zwischen ’78 und ’84. Bei „Amadeus” schon nicht mehr, das war Alkohol, Exzeß. Aus dem Frust mit „Römer” war ich in Pattstellung, ohne Geld; was der „Komissar” verdient hat, hab’ ich durchgebracht, sieben Millionen Schilling, 3,5 in Österreich. Altbauwohnung, Mercedes, goldene Uhr, braucht man alles. Das hat man g’sehen im Film.

Im falschen, scheint’s
Nein, in dem hab’ ich gesehen, daß man mit 30 vernünftig wird, und es entkam mir der Satz: Ich habe Lust auf Bürgerlichkeit. Mehr hab’ i ned braucht. Am nächsten Tag haben 450.000 Fans ihre Platten z’ruckbracht. Gleichzeitig wird dir unendlich viel heiße Luft in den Arsch geblasen. Mit den Medien hat’s wunderbar geklappt, bis ’85 habe ich mehr WIENER-Stories gehabt als der Kanzler. Und ’90 hieß es: „Wenn wir auf die 80er zurückblicken: Falco war Star” Da wußte ich: jetzt beginnt mein Abschied.

War’s nicht viel mehr ein rasanter Abstieg?
Mit „Amadeus” begann das Ende. Nach Amerika gehen mit der Nummer eins war möglich, es waren Filmangebote da, ich wäre durch die Betten von Beverly Hills geschlafen worden und heute tot. Kokain, Heroin, Kodein, Koffein, Nikotin. Ich glaube nicht, daß ich eine Schwarzenegger-Karriere gemacht hätte. Ich wollte nur heim, hab’ aber eine Japan- und Deutschland-Tournee gespielt. ’87 habe ich 86 Kilo gehabt, hab g’soffen a Flaschen Whisky am Tag, eing’fallen ist mir nix, was die Leute bei „Wiener Blut” schon gespürt haben, und mittelmäßig ist bei eam leider vü zuwenig. Mir war’s zuviel. Privatleben ist mitg’rennt, i war froh, daß i an bachenen Leberkas kriegt hab’ daham, weil ich das japanische Futter nimmer vertragen hab’. Und Alkohol zur Betäubung, dazwischen das kleine Kind in der Wohnung, wo i net g’wußt hab’, was ist das für ein Marsmensch.

I war froh, daß i an bachenen Leberkas kriegt hab’ daham, weil ich das japanische Futter nimmer vertragen hab’.

Heiraten war da wohl auch keine gute Idee?
Ich habe gegenüber Isabellas Familie einen irrsinnigen Sozialen gehabt, Arbeiterkind, schnell was worden, in deren Augen aber mit an Lottotreffer. Hab’ i ma dacht, Tschapperln, sollt’s aa was haben. Deppert! Ein schlauer Scheidungsanwalt, an den meine Ex-Frau glücklicherweise nicht gekommen ist, hat gesagt: Sie können es sich nicht leisten zu heiraten. Hab’ i ma dacht, dir werd ich’s zeigen, dann hab’ ich mirs leisten müssen. Scheidung gegen drei Millionen. Daß sie mich auch weiter noch hat mit der Kleinen oder ihrer berühmten Fußnummer, hat’s halt nur glaubt.

Haben Sie noch Kontakt zu Katharina, obwohl sie nicht Ihre leibliche Tochter ist?
Sie war acht Jahre meine Tochter, ob es die eigene ist, ist ja Wurscht. Ich habe mich lang vorm Vaterschaftsprozeß von ihr gelöst, ans Kind kommst du nicht heran ohne Mutter, und die ist zum Vergessen. Ich wappne mich für den Tag, an dem die Klane in die Karibik fahrt und denkt: I besuch’ den Ex-Vater. Dann will ich ein guter Typ sein und g’sund im Kopf. Wenn ich besoffen am Strand lieg’, bin i genau das, was ihre Mutter immer g’sagt hat. Aber das war ich nie.

Hat sich Ihr Verhältnis zu Frauen gebessert?
Nach drei Wochen fühle ich mich ohne Frau unwohl, nach vier Wochen mit. Na, ich mach’s mir leicht: Ich verdien’ das Geld, kümmer’ du dich um die Infrastruktur, früher hat das geheißen Herd.

Das geht auch mit einer 22jährigen wie Ihrer neuen Freundin Caroline?
Fragt meine Mutter auch. Habts recht, die muß ich schnappen, viel jünger werden s’nimmer. Ich möchte nicht an einem Fleck mit meiner Frau angenagelt sein und wissen, was ich in drei Monaten mache. Ich lebe auf der Insel, Caroline ist aus Montreal und ist um 200 Dollar in drei Stunden da. Derzeit gibt’s nur Verständigungsprobleme, aber es laßt sich gut an, und die Kinder werden viersprachig aufwachsen. Nämlich bei ihr. Und Papa wird auf die Jagd gehen. Papa muß nach Europa fahren mit Pfeil und Bogen, muß wieder ein Rehlein erlegen, dafür bringt er ein Bambi heim. Mein Beruf hat so einen hemingwayesken männlichen Humanismus.

Zurück zu schlechteren Zeiten: abgesagte Tournee ’85, Tiefpunkt ’88 …
Das war der Startschuß für die „Wir finden jetzt, daß Falco fürn Arsch is”-Kampagne, wozu ich genug Grund gegeben habe. Also vier Monate weg und zurückkommen wie ein Marathonläufer. Ein neues Leben, drei Worte, lassen sich gut drucken. Ich hab’ die Süwerl kennengelernt, um die’s mir echt leid tut, sie hat an herrlichen Pascher. Die Liaison hat auch das mediale Leben aufrechterhalten. Sonst war’s ein Rückzugsgefecht bis ’90.

Das war der Startschuß für die „Wir finden jetzt, daß Falco fürn Arsch is”-Kampagne.

Das Comeback gelang aber erst heuer – mit „Naked”. Jetzt folgt das neue Album „Egoisten”.
Man feiert kein Comeback, man feiert einen Relaunch. Von „Egoisten” sind acht Nummern fertig und haben eine Kurve genommen in Richtung Qualität, daß ich die Füller nicht drauffurzen will. Ich fühle bei der Platte was von der Intuition der ersten und vom Kommerz der dritten, sie hat diesen kultivierten Rotz, ist aber angepaßt auch. Jetzt bemühe ich mich um einen „Kraftwerk”-Titel, die mir eher unsympathisch waren. Rock’n’Roll ist für mich kämpfen, besser sein und vü schimpfen auf den anderen. Leute wie Udo Jürgens, Peter Alexander haben auf meine Anpinkeleien nur großherzig reagiert, nie mit: Oida, du kummst in unsere Gassen. Ich gehör’ ja zu denen, die sagen: Was willst, Rotzbua, lern’ grad pinkeln. Der wirkliche Erfolg heuer war VIVA. Heike Makatsch oder Stefan Raab interessiert es am Arsch, wieviel der „Kommissar” verkauft hat. Die brauchen net so Schmähs, wer bin i, wer war i, was hab’ i. Damit hab’ ich vor 15 Jahren die Eltern gehabt mit dem „Kommissar”: Jetzt haben wir ihn neu aufgenommen, und was Wunderbares passiert: Ich hab’ auch die Kinder. Die Falco ja gar nicht kennen.

Kennen Sie T-MA, und wissen Sie, was es heißt?
„Too many assholes”, „Troubadour mit Alterserscheinung”, was man will. Erfunden von George Glück, Mentor der neuen deutschen Szene, der tut, was ein Verleger tun soll, er verschafft Künstlern Repertoire. Ich bin kein Schreiber, das Potential ist da, aber ich bin faul. Er weiß, welche Nummern zu mir passen. Am Falco-Relaunch liegt Druck, mit T-MA wollten wir dem ausweichen. Der Switch zurück zu Falco ist noch nicht gelungen.

Die Zukunft heißt: zurück zum alten Falco?
Wenn ich mir anschau’ das DoRo-Video von „Römer”: Bugsy Malone at his best. Ich bin mit der Kaltschnäuzigkeit eines 40-jährigen angetreten. Wenige haben duchschaut, daß er die Chance hat, zu werden, was er darstellt. Heute bin ich’s, dazu waren 40 Jahre notwendig. Oskar Werner hat gesagt: Ein Schauspieler möchte die Schatten seiner Träume verwirklichen. Mit 20 Prozent davon war er Weltmeister. Jetzt hat aber der g’lernt sein Fach, i net. Werd’ amal fertig damit, daß du eine Kunstfigur bist, von der du dir was vorstellst, aber nicht weißt, was genau, du weißt nur, du bist es. Da wirst deppert! Und das mit 24. Du bist in Teufels Küche im eigenen Schatten, die 20 Prozent schaffst du nie. Dann applaudieren 70.000 Leut’ am Rathausplatz, und du fragst di, was mach i richtig?

Der junge Falco

Falco in Canada, Foto: (c) Peter Noble/Redferns – Getty Images

Sie schauen aus, als wüßten Sie’s heute. Oder wirken Sie nur so ausgeglichen wie nie?
Hoelzel hat sich der Vorgabe Falco angenähert. Wenn ich das zeigen wollt’, brauch’ ich nur all die Einladungen anzunehmen bis RTL-Affenshow mit Tieren. Aber i wü net verklickern, wie geläutert ich bin.

Verklickern Sie aber.
Ja, mit der Platte, langsam, ja ned wieder auf Inflation, und jetzt zeigen wir euch, wie gut wir sind, ihr Schneebrunzer. Ich hab’ Zeit, vor 30 haben mich wenige Fotografen so derwischt, daß ich wie ein Mann ausschau’. Jetzt wird’s langsam, das merkt auch der Karl Spiehs: Im Jänner soll ich in Porto Plata einen Hafenarzt spielen mit Klaus Jürgen Wussow. Der Arzt hat ein Alkoholproblem, weil man sein Kind z’sammg’führt hat. Hab’ ich mir gedacht, des geht net. Das Buch wird gerade umgeschrieben: Jetzt sauft er, weil ihm die Alte gestorben ist.

Was haben Sie sonst vor auf der Insel?
Ich beantworte ständig die Fragen, woran ich jetzt arbeite, daran arbeite ich jetzt. Die Frage ist nicht, was ich den ganzen Tag tue, die Frage ist, was für Blödsinn ich hier auslass’. Österreich wird meine Heimat bleiben, der ich zurückgegeben habe, was ich geben konnte.

Die Frage ist nicht, was ich den ganzen Tag tue, die Frage ist, was für Blödsinn ich hier auslass’.

Keine Maßnahmen zur Steuerersparnis?
Meine Form des Steuersparens war: Investieren in Dinge, die man nie wieder los wird, sprich ein Penthouse um 20 Millionen Schilling. Grauzonen lass’ i aus. Was du nicht brauchst ist Kopfweh zu deinem Kopfweh dazu. Ich hab’ immer nur getan, als wüßte ich, wie’s geht, das ist auch Falco: Schlitzohr sein, sich auskennen überall. Wäre ich vor zehn Jahren auf die Kanalinseln gegangen – o weh, den Kanal hätt’s mi g’schwabt. Vor einem Jahr hab’ ich die Insel gesehen: anders als die Karibik, wie ich sie kenne. Nur, was mach’ ich dort ohne Frau? Die farbigen Madeln sind zwar süß, aber wir sind Gringos und da zum Zähne-Zahlen. Weil als erstes braucht man neue Zähne. Auf den Schmäh kann i net! Da lauft ma die Caroline über den Weg, als ob’s auf mi g’wart hätt’. Also habe ich für acht Monate ein Haus gemietet, ich weiß gar net, welches.

Sie emigrieren in ein Haus, das Sie überhaupt nicht kennen?
Ich gehe davon aus, daß es kein schlechtes sein wird um den Preis. Wir sind eine österreichische Inzüchtlerpartie, Geschäftsleute, die Trudl, eine 70jährige Emigrantin, sehr normale Leute. Meine Frau ist unten, die Mama nimmt sich, das ist meine Auflage, eine Freundin mit. Wenn mir was abgeht, flieg’ ich her und geh’ ins Haas-Haus auf Scampi um 300 Schilling, die kosten drüben nur 80

Wie wichtig ist ihnen Geld?
Ich glaub, es ist wesentlich wichtiger, als man zugegeben will. Also arbeite ich sechs Monate im Jahr. Und versteuere zu 15 bis 40 Prozent, wie es sich gehört für einen ordentlichen Dominikaner.

Sind Sie in Zukunft vor alten Fehlern gefeit?
Ich hoffe, ich habe nicht zuviel Gehirnzellen vernichtet. Ich kann jederzeit wieder scheitern, am ehesten mit der Frau. Ich weiß jetzt, daß es besser ist, fünf Kilo auf der Wampen zu verlieren, als 500.000 Schilling mehr zu verdienen. Kondition verbessern, nicht Zeit. Ich bin immer dieselbe Zeit gelaufen, da hat der Willi Dungl gesagt: Du wirft no fo b’foffen rennen, daff di der Hertfinfarkt trifft, i kumm net, def fag i da!

Und seither stoßen Sie mit Mineralwasser an?
Sonst wechsle ich die Identität. Aber Erfahrung nutzt gar nix. I tapp’ wieder rein volle Wäsch’ und sehenden Auges. Es muß nicht Alkohol sein, Hauptsache, es ruiniert einen. Wenn man auf Fußpilz sein könnte, wär ‘ ich auf Fußpilz.

Wir danken für das Gespräch.