AKUT

Opernball leeres Parkett

OPERNBALL – Mit anderen Augen

Franz J. Sauer

Ja, auch der WIENER war am Opernball. Und betrachtete das scheints berühmteste Gewalze der Welt mit etwas anderen Augen als jenen des Boulevard. Entwarnung: die kommenden Zeilen sind garantiert fast lugnerfrei …

Von Franz J. Sauer

Die Trennung zwischen Promi (und als solchen bezeichnen wir hier frank und einfach jeden, der über den roten Teppich stolziert) und Working-Class-Hero (diesfalls: ich) erfolgt schon, bevor man die Oper betritt. Meine „Dienstkarte“ ermächtigt zum Betritt der Oper über den hochsympathischen Seiteneingang. Vorbei an gefühlt hunderten ORFlern in schlecht sitzenden Fräcken (ebenso wie meiner, übrigens) und ebensolcher Laune (die meine war bestens). Und ein paar zivilgefrackten Polizisten, die sich ihre „Polizei“-Schildchen am Revers (also dort, wo die wirklich Wichtigen ihre Orden hängen haben) hätten sparen können – auch sie sind auf den ersten Blick zu erkennen. Was sie sympathisch macht …

Jeder hat so seine persönlichen Opernball-Erinnerungen. Die einen waren auf der Demo, als diese noch was hergab (also in den Jahren 1987 bis 93, lustigerweise inklusive dem Jahr 1991, als ein paar Hanseln sogar gegen den Opernball demonstrierten, als dieser gar nicht stattfand), die anderen haben irgendwann eröffnet (der hier Schreibende anno 1999, doch dazu komme ich noch), die Dritten durften manchmal sogar am nächsten Tag von der Schule daheimbleiben, weil sie mit Mama und Papa daheim vorm Fernseher ausnahmsweise einmal im Jahr champagnerisierten. Und die Vierten, ja, das sind jene, die sich dem Opernball stets auf der Hasswelle näherten, warum auch immer.

Alle waren sie da. Udo Proksch (mit Imelda Marcos, seinerzeit), FALCO, Niki Lauda, die zahlreichen Lugner-Gäste (nebst den von ihm erhaltenen Spitznamen, Highlight nach wie vor: „Förtschiiie„) und freilich alles, was in Österreichs Innenpolitik einst und jetzt Rang und Namen hat und hatte. Doch davon berichten diesfalls eh alle anderen. Allen voran der ORF, der sich heuer an Sondersendungen, Vorschauen, Live-Berichten und Nachberichterstattungen nebst historischer Aufrolle auf wirklich allen Kanälen selbst überschlug.

 

Ich dreh' gerade den Fernseher auf – und es ist immer noch Opernball. Oder schon wieder? Und täglich grüßt das Lugnertier.

Posted by Walter Gröbchen on Freitag, 9. Februar 2018

Der WIENER nahm sich diesmal, mit einer der seltenen wie schwer zu ergatternden Akkreditierungen für Online-Medien betraut, vor, hinter die Kulissen zu blicken. Also jene Orte und Plätze der ehrwürdigen Staatsoper zu beleuchten, wo sich keine Promi-Kameras tummeln. Nur um bald draufzukommen: es gibt hier keine Kulissen. Die gesamte Veranstaltung ist Kulisse. Und mit ihr, sozusagen in einer stillen Hauptrolle: die Wiener Staatsoper selbst.

L1010342 L1010314 L1010315 L1010290 L1010281 L1010289
<
>
Kunstwerk oder Fall für den Elektriker? Jedenfalls mitten im Weg.

Dieses Haus, in all seiner Pracht 149 bzw. 63 Jahre alt, glänzt jede Nacht in unveränderter Würde, ganz egal ob auf der Bühne Klassisches geschmettert wird, oder aber Zuschauerraum und Bühne zu einem großen Tanzsaal verschmelzen und auch alle Gänge, Wegerln, Abstellräume und Kantinen in den Showbetrieb mit eingschlossen werden.

Und damit sind wir auch beim Kern des Opernballes, den sowohl all jene, die sich selbst durch das Einladen internationaler Stars selbst promoten, als auch den Ball der Bälle als „Plattform für wirtschaftliche Kontakte“ nutzen, mißverstehen und dank tatkräftiger Unterstützung von Boulevard-Medien und TV-Berichterstattung mißinterpretieren.

Showtime dreiviertel neun

Gegen 20h40 beginnt die große Show. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt sollten sich alle Wichtigkeiten, also vor allem die Vertreter der Bundesregierung (heuer alle zusammen ungefähr so alt wie der WIENER) nebst dem Bundespräsidenten in ihren Logen eingefunden haben. Um schließlich dem beizuwohnen, was Kammersänger Kurt Rydl letzthin als „etwas zu langgezogen“ bezeichnete. Der Eröffnung.

Am Parkett, bis dahin leer, versammeln sich langsam Bystanders, die per rotem Absperrstrick, den die „Livrierten“ (also Chorsänger, Statisten und sonstige Opern-Mitarbeiter, die hierfür einen Abend lang abkommandiert werden) hochhalten, von der erweiterten Saalmitte ferngehalten werden. Diese wird sich schließlich, wenn die Chose losgeht, mit den DebütantInnen füllen. Hinten, dort wo später die Jazzband spielt, versammeln sich die sogenannten „Freunde des Hauses“, also nicht diensthabende Balleteusen, SängerInnen, BetriebsmitarbeiterInnen und die wunderbare Barbara Rett, der man die auch abseits des Kameralichtes manifeste Bekanntschaft mit all den Kunstschaffenden anmerkt, für ihren ersten Live-Einstieg. Auch der Direktor, Dominique Meyer, tut sich gut mit den Mitprotagonisten seines Hauses, man respektiert ihn und er erwidert derlei gerne. Ob das der etwas menschenscheue Bogdan Roscic künftig auch tun wird? Beziehungsweise – ob man ihn aus den selben Gründen respektieren wird, wie Meyer?

Irgendwann ertönt Orchester. Unbekanntes hebt an. Eine Hymne. Möglicherweise die ukrainische, es gibt schließlich einen Staatsgast. Dann aber schon: die Österreichische. Mein Mit-Bystander ganz vorne, ein Amerikaner, attestiert der unsrigen die schönere Melodie – danke. Wir sind in Blicknähe zur Präsidentenloge. Van der Bellen, Blümel, Kurz, alle blicken sie staatstragend in die Ferne. Nur Kurz‘ Gast, Waris Dirie, lässt erfreut ihre Blicke schweifen. Auch Petro Poroschenko, sozusagen Van der Bellens Gast, blickt in die Runde. Unsere Blicke treffen sich, selten so viel Eisberg im Gesichtsausdruck eines Menschen verspürt.

Dann aber die Jungdamen und -herren. Anmutig mit erhobenem Blick und schweißnass vor Aufregung laufen sie ein. Formieren sich nach den gebotenen Regeln. Fast militärisch wird in Reih‘ und Glied Aufstellung genommen, als Spalier für die künstlerischen Darbietungen, die nun folgen. Als da wären: Ballett, Tenor (Pavol Breslik), Sopran (Valentina Nafornita), tatsächlich gedehnt in Dauer und Dings. Erst dann wirds ernst für die DebutantInnen.

L1010245 L1010243 L1010273 L1010266 L1010272 L1010280 Opernball 2018 - Roter Teppich
<
>
Hier wird gewalzt - der heißeste Moment des Abends. Wenn einer stolpert, fliegen alle. Live im TV.

Zuerst die eingelernte Quadrille, eine Formsache, weil keinerlei Tanzerfahrung voraussetzend. Das muss man bloß halbwegs geschickt abhandeln. Die wahre Herausforderung – ich spreche aus Erfahrung – folgt hernach. Wenn es nämlich heißt, den beschwingten Linkswalzer zu inszenieren. Jene Institution, die das Ballwesen der Österreicher bewegungsmäßig auf den Punkt bringt. Und von der neuen Regierung bislang noch nicht in Frage gestellt wurde, trotz des eindeutigen Namens.

Linkswalzer tanzt hier freilich keiner der Debutanten. Vielmehr nimmt er nach Möglichkeit seine Partnerin fest in oder auf den Arm (er hebt sie also hoch) und dreht sich schnell im Kreis, völlig gleich welchen Schrittes. Die Herausforderung dabei ist es, nicht auf die Schnauze zu fallen. Weil dann fallen nämlich alle. Und das live im Fernsehen. Man dreht sich also und dreht sich und dreht sich, um die Achse und auch durch den Saal, bis endlich die erlösenden Worte fallen: „Alles Walzer!“. Ab da drehen sich alle und man kann sich aus dem Fokus verdünnisieren. Eine Erleichterung der unbeschreiblichen Natur …

Durch die Gänge, in den Keller

Damit ist der offizielle Teil des Abends vorbei, die Ballgesellschaft verteilt sich. In die Logen, in den Keller, in die Bars, quer durchs Haus. Ab da gilt: Andrang am Gang. In den Geschossen hinter den Logen mit Kamerabegleitung, im Erdgeschoß und im Keller bei eher ungünstigem Licht. Und auf Linoleum-Treppen.

L1010310 L1010311 L1010325 L1010305 L1010353 L1010313 L1010281
<
>
Hier das bewegliche Wandbild in der Kristall-Bar.

Das ungünstige Licht stellt Schminke und Co auf harte Proben. Aber auch die langen Roben laden dazu ein, hinten drauf zu treten, was schon früh zu lautstarken Auseinandersetzungen zwischen Tanzpaaren führt. Nach ungefähr einer Stunde löst die Jazz-Bigband im Hauptsaal das Orchester ab. Und es ist nicht irgendeine Big-Band, die hier Klassiker des Genres intoniert. Richard Österreicher leitet eine Kombo, der hier die Crème de la Crème der heimischen Musikerszene angehört. Namedropping: Walter Grassmann (d), Aaron Wonesch (p), Rens Newland (git), Thomas Kugi, Martin Fuss (sax,) und so weiter. Auch in allen anderen, bespielbaren Räumen herrscht eine Profimusiker-Dichte, die sich sonst auf mehrtätigen Festivals nicht versammelt. Kathi Kallauch beschäftigt etwa Drummer Markus Adamer und Bassist Jojo Lackner, Christina Uikiza spielt mit Keys-Größe Roland Guggenbichler und Gitarrist Thomas Hechenberger. In der Kristallbar geigen die Shootings-Swing-Stars Marina and the Kats auf, im Dachgeschoß, am Ö1 Jazzfloor spielt Stella Jones mit Ausnahme-Keyboarder Dieter Kolbeck. Alles hochkarätige Musiker, die hier den besten „Kommerz“, den es wohl europaweit gibt, angrooven und dafür hoffentlich gute Gagen bekommen. Aus dieser Sicht sollte jeden Abend Opernball sein.

L1010256 L1010264 L1010357 L1010298 L1010300 L1010304 L1010316 L1010319 L1010327 L1010328 L1010317
<
>
Christine Uikiza rockt den Marmorsaal mit Thomas Hechenberger an der Gitarre ...

Der Putz bröckelt ab, die Disco rockt

Im Laufe des Abends, als sich schließlich immer mehr an (sauteuren) Würstln, an Sushi, Brötchen oder frischem Beinschinken laben, wird auch vermehrt deutlich, das Champagner in gewissen Mengen nicht jedermanns oder jederfraus Sache ist. Einige schicke Ladies straucheln über Gebühr orientierungslos durch die Gänge, einige Jungs werfen zunächst Frack, dann bald auch alle weitere Etikette über Bord, polnische Anwältinnen werden gleichzeitig unwählerisch wie anlassig („Hi there.Where is your wife? Do you have one?“) und das Ehepaar Dichand lässt in der Discothek (gehostet vom wunderbaren Roberto Pavlovic sowie der Comida unter der Leitung von Salar Gerami) alle Hemmungen fallen, wenn es den guten Seventies-Funk spielt.

L1010321 L1010339 L1010293
<
>
Noch viel früher kippt es dort die ersten Ladies aus den hochhackigen Latschen.

Ein paar Quadrillen später spielen alle Bands wie auf Falcos Titanic; ganz alleine, aber fesch. Die Lugners, Griffiths, Kurzs, Van der Bellen, Poroschenkos, Glööcklers und Konsorten haben da schon längst den Ball verlassen. Übrig bleiben Kenner und Liebhaber, die es als Ehre ansehen, in diesem Haus zu Gast sein zu dürfen. Auf dem Hauptparkett trennt sich langsam der Spreu vom Weizen, man erkennt, wer wirklich Goldstar-Tänzer ist und wer simuliert. Touristinnen wie Ehefrauen wechseln ihr Schuhwerk artig auf die Damenspende,  ein Paar Ballerinas von Humanic. Und ein paar Helden trösten verweinte Schnaps-Drosseln, die zu viel des Sprudels intus haben und hier quasi auf Schritt und Tritt Gefahr laufen, über irgendeine Ballustrade zu stürzen.

Die wirklich hartgesottenen verbleiben bis zum „Brüderlein fein„, stets und mit Tradition die letzte Nummer am Ball, gegen 5h früh. Vorher schon stürzen einige, je nach Lust und Veranlagung, entweder im Casino ab oder in der Kantine unter den Tisch. Letztere bleibt übrigens einer der gemütlichsten Orte in der Wiener Staatsoper. Hier sollte man öfter dinieren, finden wir.

L1010277 L1010295 2 L1010285 L1010332 L1010329 L1010351 L1010250 L1010312 L1010343 L1010322
<
>
Ebenfalls gemütlich haben es diese Beiden Damen aus Asien. Sie haben es sich in einer ruhigen Ecke im Dachgeschoß gemütlich gemacht. Die Schuhe sind allerdings noch keine Ballerinas. Hier ...