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WIENER des Monats: Michel Reimon – Last Man Standing

Es fällt schwer, Michel Reimon einzuordnen. Der 46-jährige Burgenländer ist Autor, Kommunikationsberater, studierter Organisationsmanager und Journalist. Die Headline da oben bezieht sich allerdings vor allem auf seine Tätigkeit als EU-Parlamentarier der Grünen.

Text: Franz J. Sauer / Fotos: Maximilian Lottmann

Weil als solcher ist Reimon seit dem desast­rösen Abschneiden der Bundespartei bei der Nationalratswahl das letzte Bundesvorstands­mitglied der Grünen, das ein internationales ­Mandat führt. Last Man Standing eben. „Der Zeitpunkt, für die Grünen im EU-Parlament zu sitzen, ist allerdings nicht der schlechteste“, vermittelt Reimon ernst zu nehmenden Optimismus, der ziemlich viel mit dem EU-Ratsvorsitz Österreichs im kommenden Herbst zu tun hat. „Es stehen, während Österreich den Vorsitz hat, einige wichtige Richtungsentscheidungen an. Insbesondere im Bereich der Verschärfung von Steuerfluchtgesetzen. Der Vorsitz verhandelt mit dem Rat, wir verhandeln mit dem Ratsvorsitz. Und den hat im zweiten Halbjahr 2018 eben die österreichische Bundesregierung. Auf diese Weise können wir durchaus auch innenpolitischen Druck aufbauen, was die Position der Grünen ­insgesamt stärken wird.“

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(c) Maximilian Lottmann

Generell sieht es Reimon als seine vornehmlichste Aufgabe, Druck aufzubauen. Die Mittel seiner Wahl reichen dabei von exzessiver Social-Media-Arbeit bis zur Live-Berichterstattung aus dem Kriegsgebiet im Nordirak, als dort die Jesiden verfolgt wurden und sein Vlogbericht aus einem Hilfstransport-Hubschrauber von zahlreichen internationalen Medien übernommen wurde. Dagegen sind die Aufgaben des kommenden Herbstes von fast schlafwandlerisch ruhiger Natur, wiewohl inhaltlich mehr als brisant.

Es geht dabei um das fixfertige Konzept einer neuen, gerechteren Steuergesetzgebung auf EU-Ebene, das derzeit noch keine Mehrheit findet und unter anderem auch von der österreichischen Regierung boykottiert wird. Und genau hier sieht Reimon seinen Kampfgeist gefragt. Bislang sind das erfolgreiche Ankämpfen gegen Freihandelsabkommen wie TTIP oder auch die Abschaffung der Roaminggebühren als erfolgreiche Meilensteine seiner EU-Arbeit zu verbuchen, als essenziell bezeichnet Reimon selbst die Mitarbeit in den Untersuchungsausschüssen zu den Affären der Panama- und Paradise-Papers.

Die nächsten EU-Wahlen stehen im Mai 2019 an. Ein Erfolg der Grünen auf europäischer Ebene würde auch der Bundespartei wieder entsprechenden Aufwind geben. Allerdings steht Michel Reimon himself nur dann für eine Wiederkandidatur zur Verfügung, wenn sich die Grünen klar zu einem scharfen linken Kurs gegen den Konzernlobbyismus bekennen. „Sonst bin ich weg.“ Ist die Bundespolitik eine Option? „Ich fühl mich wohl im EP, da möcht ich bleiben.“

Michel Reimon (46)
ist Autor, Blogger, Journalist, PR-Profi, Social-Media-Phänomen und EU-Politiker, Reihenfolge irrelevant. Wenn der gebürtige Burgenländer seine bisherigen Lebensstationen verortet, nennt er „Siegendorf – Wien – Brüssel“. Die mittlere davon ist durchaus mit dem WIENER verquickt, dessen Redaktion Reimon einst angehörte, auch als Chef vom Dienst. Der Vater einer Tochter pendelt zwischen Wien und Brüssel.