KULTUR

„Im Sommer ist Wien um einiges schöner“ – ImPulsTanz-Intendant Karl Regensburger im WIENER-Interview

Gegenüber vom Odeon-Theater, wo Karl Regensburger mich empfängt, liegt ein Kaffeehaus, dessen Toast er über alle Maßen schätzt. Dort erklärt er mir an einer Kreuzung, an der es laut seiner Aussage immer wieder zu schweren Kollisionen kommt, wie er das ImPuls Tanz Festival seit nunmehr 30 Jahren unfallfrei leitet.

Interview: Manfred Rebhandl / Fotos: Maximilian Lottmann

Als ich in den 80er-Jahren nach Wien kam, gab es nicht viel in der Stadt, ­außer überall die Plakate mit Ismael Ivo drauf, mit dem zusammen Sie das ImPulsTanz Festival gegründet haben. Wie geht es ihm?
Es geht ihm hervorragend. Er ist jetzt ­Ballettdirektor in São Paulo geworden und ich freue mich schon, wenn er im Sommer wiederkommt, dann werden wir sein kommendes Programm besprechen …

Ich hab schon wieder ein paar Nackerte auf der Homepage ­gesehen … ts ts ts.
Na geh, schon wieder Nackerte?

Ja. Muss das sein?
Na ja, es kommt auf die Sinnhaftigkeit des Nacktseins an. Nacktheit nur um der Nacktheit willen ist natürlich nichts, was man unbedingt auf die Bühne bringen muss.

Gab’s wegen der vielen Nackerten oft Ärger?
Immer wieder werden wir ­deswegen kritisiert, natürlich. Aber es ist ja nicht so, dass wir seit dreißig Jahren die Tänzer nackt über die Bühne stürmen lassen, das hat sich, glaube ich, erst in den letzten Jahren als Trend verstärkt.

Ich denke beim Wort „Tanzperformance“ mittlerweile nur noch an nackte Frauen, die sich auf der Bühne ­herumwälzen.
Und was ist mit nackten Männern?

Auch.
Und was ist mit dem dritten Geschlecht, das sich auch ­herumwälzt?

Das wälzt sich auch schon herum?
Aber natürlich. Ganz wichtig! Noch nichts von Queer gehört?

Tanz ist also auch Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen?
Absolut.

Versucht sich Karl Regensburger als Performer? Oder ist er schon am Weg zur diesjährigen Eröffnung? Der Leiter des ImPulsTanz-Festivals auf der Stiege des wunderschönen Odeon-Theaters. Foto: (c) Maximilian Lottmann

Ich habe mich ein bisschen schlau ­gemacht: Wenn sich Körper auf dem Boden herumwälzen, nackt oder angezogen, nennt man das oft Contact Improvisation, richtig?
Es gibt sehr interessante Contact ­Improvisations, da steckt ja schon das Wort Improvisation drinnen. Das kann halt manchmal gut sein und manchmal auch missglücken, zu ­verurteilen ist es deswegen nicht.

Ein weiteres Wort, das oft vorkommt auf Ihrer Homepage, ist „Performance“. Wie unterscheidet sie sich vom Tanz?
Der Begriff der „Performance“ ist ein bisschen irreführend. Was wir anbieten, sind Tanzvorstellungen, die halt mit dem englischen Wort Performance angekündigt werden. Aber was ist eine klassische Per­formance? Marina Abramovic hat ­einmal gesagt: Wenn du dich bei ­einer Performance schneidest, fließt ­wirkliches Blut, während bei einem Bühnenstück Theaterblut fließt.

Anderes Stichwort „Workshop“: Wie viele der Teilnehmer gehen da objektiv betrachtet sehr selbstüberschätzt hinein? Oder ist das auch ein Klischee, dass sich da in so einem Workshop das durchschnittlich ­bewegliche Yogagirl ein bisserl ­tänzerisch „ausdrücken“ möchte?
Das ist natürlich auch ein Klischee. ImPulsTanz ist das größte Workshopfestival der Welt, wir haben über 9.000 Kursbuchungen mit über 3.000 Teilnehmern, wovon die Hälfte aus über 100 Ländern anreisen wird, da sind ja auch viele Profis dabei.

Dann erhöht sich das Aufkommen gut aussehender Menschen in Wien signifikant während dieser Zeit? Denn kein Klischee ist, dass Tänzer und vor allem Tänzerinnen wirklich unfassbar gut ausschauen, oder?
Absolut. Die schauen auf ihren Körper, beschäftigen sich mit ihrem Körper, müssen das auch tun, da sie ja von Berufs wegen mit ihm arbeiten, also das sind wirklich uuuunglaublich hübsche Menschen.

„Alles, was dazu beiträgt, dass die Leute sich bewegen, kann man doch nur begrüßen. Denken Sie an die ganzen armen, übergewichtigen Kinder.“

Die heimische Frau sucht während des Festivals nach dem Juan aus Kuba oder dem João aus Brasilien, der mit ihr eng tanzt, bevor sie ihn fragt: „Zu dir oder zu mir?“ Auch ein Klischee?
Das kann ich schwer beurteilen, weil ich mich nur am Rande damit beschäftige, was die heimische Frau sucht. Aber in den Workshops geht es darum, dass die Teilnehmer besser werden, für alles andere sind die Partys da. Dass jedoch während des ImPulsTanz Festivals viele, viele Kinder gezeugt wurden, das kann man, glaube ich, schon sagen, wir haben die Welt mit Sicherheit schöner gemacht.

Kann man auch sagen, den Tango lernt ein durchschnittlicher ­heimischer Holzfuß nicht mehr?
Das kann man so nicht sagen. Dass natürlich ein Südamerikaner, der mit dem Tango aufwächst, im Vorteil ist, ist klar. Aber auch ein Wiener kann den Tango lernen, und umgekehrt ein Argentinier den ­Walzer, den wiederum auch nicht jeder Wiener kann, obwohl das ­Klischee genau das behauptet.

Dass man gewisse Sachen im Blut hat, stimmt dann also auch nicht?
Ich glaube, das stimmt schon ein bisschen.

Ist dann jeder, der schuhplattelt, ein Nazi?
Eben nicht. Darum findet sich diese Tanzform auch bei unserem Festival. Der österreichische Choreograf Simon Mayer nimmt sich dieses schönen Brauchtums an und holt es so aus der verstaubten rechten Ecke.

Watschen sich die Männer beim Watschentanz am Land vielleicht für ihre latent unterdrückte ­Homosexualität ab?
Was heißt unterdrückt????

Freuen sich alle Götter, wenn zu ­ihren Ehren getanzt wird, oder ­denken sich manche Götter vielleicht: Bitte hört’s endlich auf!
Ich denke doch, dass sich die ­meisten Götter freuen, manche tanzen ja selbst auch. War es nicht Nietzsche, der sagte: Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde.

Karl Regensburger: „Haben´S schon wieder Nackterte auf der Homepage gesehen?“ Dabei sind die erst seit ein paar Jahren ein Trend im internationalen Tanz. Manchmal bereiten ihm die Reaktion darauf Kopfzerbrechen. Foto: (c) Maximilian Lottmann

Wie wichtig ist die Musik, gibt es da Vorlieben Ihrerseits?
Speziell beim heurigen Festival ist die Verbindung Tanz und Musik sehr wichtig, am Burgtheater wird die große Anne Teresa De Keersmaeker zu den sechs Cellosuiten von Bach tanzen lassen. Oder François Chaignaud, der ein ­Performer im besten Sinne ist und zum Tanz auch Gesänge aus dem Spanien des 16. Jahrhunderts darbieten wird.

Wie wählt man aus? Indem man viel herumreist, nehme ich an?
Ich liebe meinen Beruf, aber das Reisen wird mehr und mehr anstrengend. Es ist ja nicht so, dass ich nach Paris fliege und dann drei Tage bleibe. Ich komme um 17 Uhr an, hetze in die Stadt zur Performance, am nächsten Tag in der Früh fliege ich weiter nach Brüssel oder Madrid oder wo auch immer ich hinmuss. Ich reise immer sehr eng getimt, von Termin zu Termin.

Dann trifft man die Performer und macht den Vertrag?
Na ja, zuerst spricht man mal, versucht, die Company kennenzulernen, wobei es nach dreißig Jahren natürlich so ist, dass wir sehr viele dieser Companien schon persönlich kennen, die dann wiederum Empfehlungen aussprechen. Dann versucht man sich zunächst mithilfe von Videos ein Bild zu machen, und wenn einen das anspricht, versucht man, den Act live zu sehen. Alles, was nach Wien kommt, haben wir zuvor live gesehen, mit Ausnahme der Uraufführungen natürlich, von denen
wir heuer 15 bringen werden.

Vermutlich wird Ihnen viel angeboten?
Viel. Sehr viel! Ich glaube, heuer an die 600 Produktionen.

Das nimmt man alles ernst?
Ja.

Weil es manchmal überraschende Entdeckungen gibt?
Genau. Wir haben, denke ich, diesbezüglich eine gute Quote, nicht zuletzt wegen unserer Young Choreographers’ Series, zu der wir ganz bewusst Künstler einladen, die am Anfang ihrer Karriere stehen. Da gab es schon große Entdeckungen wie Akram Khan oder Salva Sanchis, die mittlerweile Weltstars sind.

1989 dachte die ganze Welt plötzlich, dass sie Lambada tanzen ­könne.
Ein wunderschönes Beispiel, wie Tanz die ganze Welt erfreuen kann, so wie auch Hip-Hop oder Breakdance …

… oder Headbangen.
Auch Headbangen, richtig.

„Diesen ganzen Trance-Sachen stehe ich ein wenig kritisch gegenüber. Du kannst, glaube ich, Trance nicht gewollt auf die Bühne bringen.“

Wenn man sich die Füße der ­Balletttänzer ansieht – sollte man Ballett nicht verbieten?
Das nicht, aber man sieht es den Füßen durchaus an, dass mit ihnen getanzt wird. Das Training im klassischen Ballett wird jedoch heute nicht mehr so militärisch gehandhabt wie früher, Gott sei Dank.

Nurejew oder Baryschnikow?
Na ja, sind oder waren beide sehr sympathisch, Nurejew war vielleicht noch eine Spur schillernder.

Wie oft haben Sie ihn live gesehen?
Sicher zehn Mal, in den 60er-Jahren damals in Wien, aber auch an der Pariser Oper. Er hätte ja das Ballett in Wien übernehmen sollen, bevor er in einem mittlerweile berühmten FS-Interview beklagte, dass man ihn irgendeine Sequenz nicht hatte fertig proben lassen. Mit seinem Käppi am Kopf sagte er sinngemäß: Ihr Österreicher seid faul und langweilig! Tatsächlich könnten die Probezeiten in manchen Staats­theatern mehr den Künstlern angepasst werden, dort geht der Vorhang runter, wurscht, ob noch vier Takte zu spielen sind.

Fred Astaire oder Ginger Rogers?
Beide waren große Tänzer.

Josephine Baker im Bananenrockerl: eine wegweisende Performance?
Ja, ich denke schon, das war eine sehr wichtige Künstlerin, auch als Sängerin hat sie durchaus ihre Spuren hinterlassen.

Gibt es Gesellschaften oder Nationen, die wirklich überhaupt nicht tanzen können?
Die Nation, die nicht tanzen kann, gibt es nicht. Eher die Nation, die nicht tanzen darf. In Saudi-Arabien, Iran oder Afghanistan ist es wahrscheinlich bisweilen schwierig, zu tanzen.

Was kann so Angst machen an tanzenden Menschen, dass man Tanzen verbietet?
Tanzende Menschen können vielleicht Situationen erzeugen, die nicht so leicht zu kontrollieren sind.

Wie oft haben Sie erlebt, dass es richtig ekstatisch wird?
Also in meinem Leben ständig (lacht), auf der Bühne seltener. ­Diesen ganzen Trance-Sachen stehe ich ein wenig kritisch gegenüber. Du kannst, glaube ich, Trance nicht gewollt auf die Bühne bringen. Es kann schon passieren, aber du kannst nicht sagen, bei jeder der 150 Vorstellungen gerate ich in Trance, das geht, glaube ich, nicht.

Einer meiner Lieblingsfilme ist „Blades of Glory“ mit Will Ferrell, in dem er einen Eistänzer spielt …
Hab ich leider nie gesehen, aber heuer in den Hofstallungen im Mumok haben wir eine Veranstaltung auf Rollschuhen und in Kanada gab es neulich ein sehr schönes Stück mit sechs Leuten, die auch bei uns schon zu Gast waren, und die haben jetzt ein Stück gemacht mit Schlittschuhen.

Kann man sagen, dass der Moonwalk eine großartige Tanzinnovation war?
Eine Innovation nicht, denn Michael Jackson hat ihn ja nicht erfunden, sondern nur perfektioniert und in die Popwelt herübergeführt. Er wurde schon in den 20er- und 30er-Jahren in New York gezeigt.

Verstehen sich gut: WIENER-Autor Manfred Rebhandl und ImPulsTanz-Leiter Karl Regensburger. Foto: (c) Maximilian Lottmann

Wie schaut die politische ­Akzeptanz Ihres Festivals aus?
Der Bürgermeister Ludwig ist ein regelmäßiger Gast, der neue Landtagspräsident Ernst Woller ist ein großer Fan.

Minister Blümel wird auch an­wesend sein?
Na hoffentlich! Der scheint ja hervorragend trainiert zu sein! Und da ja mit unserem Festival auch die österreichische EU-Ratspräsidentschaft beginnt, könnten ja alle miteinander ein bisserl zu uns kommen, das würde uns freuen. Und dann ­gehen wir alle in die Lounge und haben’s dort noch schöner, wichtig ist ja: immer relaxt bleiben.

Im Auftrag der Chefredaktion muss ich Ihnen die Frage stellen: Wie schwul ist Tanzen? Ist man automatisch ein bisserl schwul, wenn man tanzt?
Das ist ein kompletter Blödsinn, aber das Vorurteil hält sich hartnäckig. Schön langsam kommen wir jedoch drauf, dass es sogar im Fußball Schwule gibt. Und wie schaut’s beim WIENER aus?

Keine Ahnung! Wie gefallen Ihnen V­eranstaltungen wie „Dancing Stars“?
Find ich sehr schön! Alles, was dazu beiträgt, dass die Leute sich bewegen, kann man doch nur begrüßen. Denken Sie an die ganzen armen, übergewichtigen Kinder!

Wird am Ende McDonald’s schuld sein, wenn es kein Ballett mehr gibt, weil als Letzte sogar die Ballett­tänzer zu fett geworden sind?
Aber geh. Dann gibt es halt Ballett von Fetten für Fette.

Gesponsert von McDonald’s?
Warum nicht!

Als großer Fan von Go-go- und ­Tabledance, bin ich da Außenseiter?
Überhaupt nicht, da sind Sie ­mainstream! Poledance, der Tanz an der Stange, wird sogar bei uns unterrichtet.

Auch für Männer?
Natürlich.

Da würde ich mich dann bitte gerne noch anmelden.
Wir freuen uns.

 

Karl Regensburger
maturierte 1973 am Bundesrealgymnasium Laa an der Thaya und studierte anschließend Betriebswirtschaft. Anfang der 1980er-Jahre begann er beim damaligen Tanzforum Wien zu arbeiten, dorthin holte er den brasilianischen Tänzer Ismael Ivo als Gastlehrer. Gemeinsam gründeten sie 1984 die Internationalen Tanzwochen Wien,1988 wurde die Veranstaltung in ImPulsTanz Festival umbenannt und ist seither eines der größten Tanz- und Workshopfestivals der Welt. Diesen Sommer findet das ImPulsTanz Festival vom 12. Juli bis 12. August statt. Mehr Infos unter: impulstanz.com

Unsere Highlights des diesjährigen ImPulsTanz-Festivals haben wir hier zusammengestellt!

Im Jahr 2016 haben wir eine exklusive Modestory mit Startänzer Ismael Ivo produziert, hier geht es zu den Fotos und zum Interview.