Martin Grubinger:Der Trommelwirbel

„Music Monday“ auf wienerpost! Percussionist Martin Grubinger geht mit seinen Performances regelmäßig an die Grenzen des Machbaren. Im WIENER-Interview spricht er über die Faszination Schlagzeug, sein politisches Engagement und erklärt, was ihn an den Salzburger Festspielen nervt.

Wunderkind, Ausnahmetalent, Jahrhundertmusiker. Wer Martin Grubinger live erlebt hat, staunt nicht länger darüber, dass Kritiker des 27-Jährigen nur mit Superlativen habhaft werden können. Denn der Salzburger verzaubert sein Publikum nicht nur mit virtuoser Perfektion, sondern vor allem mit funkensprühender Leidenschaft für sein Instrument, das Schlagwerk. Hochkonzentriert und dennoch auf eine charmant-bubenhafte Art und Weise steht er auf der Bühne und schwingt die Sticks so schnell, dass sie nur noch schemenhaft wahrzunehmen sind. Noten braucht er nicht. Ihm sind die Rhythmen längst in Fleisch und Blut übergegangen. Kein Wunder also, dass der 27-Jährige ein Kassenmagnet ist, bei dem selbst schwer zugängliche zeitgenössische Musik zum Publikumsrenner wird. Und das längst nicht nur in Österreich. Die Marke Grubinger füllt die Konzertsäle von Japan über Argentinien bis in die USA.

Sie kommen gerade vom Training. Wie wichtig ist körperliche Fitness für einen Percussionisten?
Die ist enorm wichtig, weil wir Schlagzeuger eine relativ hohe körperliche Beanspruchung haben. Das dreht sich um 165 Pulsschläge und ist vergleichbar mit der Belastung eines Marathonläufers. Um das über drei, vier Stunden durchstehen zu können muss man sich einfach vorbereiten. Deshalb arbeite ich mit einem Sportmediziner zusammen und versuche mich mit Radfahren, Laufen, Krafttraining, aber auch mit mentalem Training wie Qi Gong fit zu halten.

Sie haben einmal gesagt: „Wir Schlagzeuger sind ein bisserl verrückt.“
Absolut!


Wie äußert sich das?
Das äußert sich darin, dass wir fanatische Prober sind. Wenn wir unter uns sind, kommen wir vor fünfzehn, sechzehn Stunden nicht aus dem Probenraum heraus. Da spritzt der Schweiß quer durch den Saal, es ist hitzig, wir schreien uns an, wir streiten, aber natürlich in einer freundschaftlichen Art und Weise. Bei uns ist alles ein bisserl lockerer, es ist in dem Sinn vielleicht auch natürlicher, weil wir nicht aus diesem klassischen Betrieb kommen wie die Geiger oder Pianisten.

Was ist für Sie das Faszinierende am Schlagwerk?
Zum einen ist es ein sehr junges Instrument. Wir haben nicht wie die Geiger, die Cellisten oder die Pianisten eine 300-jährige Tradition und ein Repertoire von den größten Komponisten. Wir beziehen unsere Tradition erst aus den letzten 50 Jahren, und die Entwicklung ist noch lange nicht ausgereizt. Es kommen immer wieder neue Instrumente dazu, neue Arten der Komposition, neue Arten der Zusammenstellung. Es ist auch ein Instrument, das ein sehr junges Publikum hat und es ist ein ganz-körperliches Instrument. Das heißt, man hat mit Rhythmen zu tun, die man spürt und in die man mit der gesamten Muskulatur und Körperstatur versinken kann. Außerdem bietet es unendlich viele Möglichkeiten Musik zu machen: Von Klassik über Salsa bis Rock und Pop.

Wie viele Instrumente besitzt ein Multipercussionist wie Sie?
Genau kann ich das gar nicht sagen, aber ich schätze so zwischen fünf- und sechshundert. Während wir hier sprechen, sind meine Instrumente in Depots und Lagern auf vier Kontinenten verteilt.

Sie haben sehr jung angefangen in einer Profi-Liga zu spielen. Hatten Sie nie das Gefühl etwas zu verpassen?
Eigentlich nicht. Ich bin nach der 5. Klasse Gymnasium von der Schule gegangen und habe nur mehr geübt wie ein Verrückter, zehn bis fünfzehn Stunden am Tag. Wenn man so einen Schritt macht, muss man schon ziemlich sicher sein, dass man das durchziehen will. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl gehabt, dass ich etwas versäume oder versäumt habe, weil ich nebenbei auch immer andere Dinge gemacht habe, die mir Spaß machen: Sport, Bücher lesen, Fußall. Ich habe zum Glück nie dieses Eislauf-Eltern-Syndrom erlitten.

Fakten

Der 27-jährige Salzburger Martin Grubinger erhielt schon mit vier Jahren Schlagzeugunterricht von seinem Vater und verließ mit 15 die Schule, um am Brucknerkonservatorium und am Mozarteum Schlagzeug zu studieren. Spätestens seit seinem vierstündigen Konzertmarathon im Wiener Musikverein im Jahr 2006 ist er in die Riege der Superstars aufgestiegen und absolviert Auftritte vor tausenden Menschen in aller Welt. Aktuelle CD: „Drums ’n’ Chants“ (www.universalmusic.at)