Veit Heinichen:Morden mit Genuss

Starautor Veit Heinichen und sein Commissario unterwegs in geheimer Mission. Im brandneuen Krimi spüren sie in Triest Verbrechen, die besten Cafés und Trattorien auf – der WIENER war dabei.

Das Verbrechen ist seine Welt. Veit Heinichen legt seine Finger in die gesellschaftlichen Wunden unserer Zeit. Bestechung, Menschenschmuggel, historische Spannungen, Organhandel, Industriespionage, illegale Mülltransporte, Grundstücksspekulationen, verbotene Hundekämpfe, Drogenhandel, Wirtschaftskrise – sehr globale Themen, die Veit Heinichen und seine Bücher antreiben. In seinem neuen Werk „Keine Frage des Geschmacks“, richtet er den Blick auf Korruption, Manipulation und Ausbeutung. „Diese Art von Roman ist Spiegel eines Raumes und einer Epoche. Das kann kein Sachbuch und keine Reportage in dieser Klarheit leisten“, sagt er, während die aufkeimende Bora am Hafen durch seine grauen Haare fährt.

Das Herz schlägt jedes Mal höher, wenn man auf der Strada Costiera nach Triest tuckert. Endlich, nach der nächsten Kurve füllt das blau schimmernde Meer plötzlich den ganzen Horizont. Unten in der Bucht breitet sich die Stadt aus. Als ob einer mit Bauklötzen gespielt hätte, eine bunte Mischung aus pulsierendem Hafen mit Ozeandampfern und Kränen auf dünnen Spinnenbeinen. Daneben thronen die majestätischen Paläste aus der Kaiserzeit, das schneeweiße Traumschloss Miramare, an die steilen Küstenhänge klammern sich ehrwürdige Villen und dann ragen wieder wuchtige Industriebauten auf. Immer wieder berauschend. Und mitten drinnen ist Heinichens Commissario Laurenti gerade auf Verbrecherjagd. Obwohl es mit Kriminalität in Triest nicht weit her ist. Kaum eine gestohlene Handtasche wird gemeldet, mit Morden kann die Hafenstadt noch viel weniger dienen. „Triest hatte eine andere Funktion, war riesengroße Geldwaschanlage für die internationalen Geheimdienste, als die Welt noch in zwei Blöcke geteilt war. Wir haben neun Stasi-Agenten hier gehabt. Das ist irre, das weiß kein Triestiner.“ Genauso fein verlaufen die Linien des Verbrechens auch heute. „Die Balkanmafia vereint sich mit der italienischen, deutschen und österreichichen in Triest, einem Kreuzungspunkt, der direkt nach Klagenfurt führt“, sagte er vor sechs Jahren. Wie recht er schon damals hatte, wir sehen es heute alle.

Lebendiger Meltingpot
Triest ist nicht nur eine Guckkastenbühne in Heinichens Fantasie, sondern Protagonist mit seiner eigenen Biografie. Realität und Fiktion verschmelzen. Die beschriebenen Orte gibt es wirklich, genauso wie die Wirte oder Galeriebesitzer. „Warum sollte ich sie umbenennen, Insider würden sie ja doch erkennen.“ Das ist auch eine der Qualitäten von Heinichens Literatur. Die Fakten stimmen. Man lernt die Stadt von innen kennen, vom Polizeihauptquartier bis zu den Restaurants. „Ich habe eine Verantwortung gegenüber dem Leser, er muss sich auf die Inhalte verlassen können.“ Auch Proteo Laurenti verkehrt in den gleichen Osterien und Bars. „Wenn ich hereinkomme, geht er allerdings gerade hinaus.“


Triest ist der Prototyp einer europäischen Stadt. Ein Ort mit 90 Ethnien, eine einmalige Kombination aus untergegangener Weltstadt und lebendigem Meltingpot. „Für Neugierige ein nie enden wollendes Terrain, weil es hier so viele Grenzen gibt und gab. Manche alte Menschen hier erzählen, dass sie nie gewusst haben, mit welchem Pass sie am nächsten Morgen wieder aufwachen – einem österreichischen, jugoslawischen, italienischen oder slowenischen.“ Diese Vielfalt schlägt sich auch in den Kochtöpfen nieder. Triest ist ein Ort der Genüsse, der Geruch des Meers dringt durch alle Ritzen und entfaltet sich in frischem Fisch, Muscheln, Algen, panierten Sardinen, aber auch in Kutteln und Schinken mit Kren. Der Wein wuchert hier sogar in den Vorgärten, wie bei Heinichens Nachbarn. Würziges Olivenöl wird vor den Toren Triests, im Karst, gepresst. Und die Küche ist eine wunderbare Melange aus slawischer, mediterraner, böhmischer und k. u. k.-Küche.

 

Info

Veit Heinichen: Eine Frage des Geschmacks. Eine Leiche, Korruption, Manipulation, Erpressung und Ausbeutung sind die Elemente, mit denen sich Veit Heinichens Commissario im 7. Proteo Laurenti-Krimi in Triest, London und Äthiopien beschäftigen muss. Niveauvolles Sittengemälde des deutschen Starautors. Verlag: Zsolnay, 368 Seiten, € 20,50.