Stermann: Tabaktrinken auf Ex

WIENER-Kolumnist Dirk Stermann über die seltsame Unterhaltung zweier Raucher. Besser als jedes faktendichte Plädoyer fürs Nichtqualmen – lesen und nie wieder tschicken.

„Passivsaufen gibt’s ja leider nicht”, sagte der transpirierende Herr, der aussah wie Karl Lagerfeld mit offenen Haaren nach einer Darmspiegelung. An jedem Finger steckte ein massiv-silberner Ring. Weil er dicke, kurze Finger hatte, sah man die Nägel kaum, der Ring reichte bis übers abgekaute Weiß der Nägel. „Du hast so kurze Finger, du kannst dir abgeschnittene Handschuhe kaufen und die oben zunähen. Ist billiger”, sagte sein Nachbar, der aussah wie eine Darmspiegelung. Irgendwie verschlammt, faltige Wangen, wie die Innenwand eines hingeschissenen Dünndarms. In seinem Mund steckte eine Zigarette wie der Endoskopieschlauch im Popo.

Es qualmte aus der Popo-Öffnung, scheinbar brannte der Darm. Die sprechende Darmspiegelung zog an der selbstgedrehten Zigarette. Lagerfeld konnte mit seinen Dickfingern nicht drehen und er rauchte Smart, um intelligent zu wirken. Ich stand da und las einen Artikel über den Nichtraucherschutz in Nordkorea, der angeblich inzwischen besser sei als in Österreich. „Ich muss selber saufen, von deinem Getränk werd ich nicht fett”, sagte er und zündete sich eine weitere Smart an. Sein Sohn lag in einer Babytrage auf dem Tresen und hustete sich blau. „Der Kleine sollte mal eine Bronchioskopie machen”, sagte der Dünndarm und zündete sich eine weitere Selbstgedrehte an der Smart von Lagerfeld an. Lagerfeld, die Smart im Mund, beugte sich in die Trage und Asche fiel aufs Kind. Der Rauch sammelte sich in der überdachten Trage. Es schien, als würde das Baby brennen.

Der Dünndarm hustete und beugte sich auch zum Kind hinunter. Die Selbstgedrehte berührte versehentlich Lagerfelds Wange. Lagerfeld schrie auf. Er tunkte seinen dicken, kurzen Zeigefinger in sein Bier und behandelte so die Brandwunde. „Alkohol desinfiziert”, sagte er und steckte sich eine weitere Smart an. „Sie haben sich doch gerade erst eine angezündet”, sagte ich. „Was?” Lagerfeld war kurz verwirrt. Der Dünndarm meldete sich triumphierend. „Hier ist sie. Sie liegt auf deinem Nachwuchs”, lachte er. „Die Tschick ist dir rausgefallen, als ich dich verbrannt hab!” Jetzt lachten beide. Die Babydecke der Gemeinde Wien, in die das Kind gewickelt war, hatte ein großes Loch. Das Kind selbst hustete nicht mehr, sondern gab leise, pfeifende Geräusche von sich. Ich bemerkte, dass der dünne Flaum auf dem Kopf des Kindes ein merkwürdiges Gelb hatte. Rauchergelb und auch die Fingerkuppen wiesen Nikotinflecken auf. „Raucht Ihr Kind?” fragte ich. „Nein, das ist noch zu klein. Noch nicht”, sagte Lagerfeld. „Aber ich geb’ dem kleinen Scheißer manchmal meine Tschick zum Spielen. Wenn ich beide Hände brauch’.”


Die Finger des Kindes waren auch kurz und dick. Vater und Sohn husteten und der Dünndarm spuckte seinen Auswurf in sein leeres Bierglas. Er bemerkte meinen Blick. „Ich hab soviele Tabakinhaltstoffe in meinem Auswurf, dass ich mir jeden Morgen aus meinem Auswurf eine neue Zigarette drehen kann”, sagte er stolz. „Das ist jetzt ein Witz, oder?” fragte ich. „Nein. Wieso? Das ist doch überhaupt nicht witzig, sondern billiger. Wie ein Wiederkäuer. Ein Wiederraucher bin ich. Da verkommt nichts bei mir. Wird wiederverwendet. Smoking and recycling.” Lagerfeld hatte inzwischen den Kleinen aus der Trage genommen und hielt ihn im Arm. Der Kopf des Kindes war im Rauch des Vaters kaum zu erkennen. „Wie alt ist Ihr Kind?” fragte ich. „2 oder 3 Monate?”„Na, der Kleine ist fast 1 Jahr. Ist etwas kleiner, weil die Mama während der Schwangerschaft ordentlich was weggequarzt hat. Sie hat sogar während der Geburt noch geraucht. Jetzt ist er etwas kleiner. Wurscht. Wird er halt Jockey!” Das Kind hustete wieder. Es klang wie eine explodierende Mischmaschine. Ich zahlte und ging. Nordkoreanisch essen.