Stermann: Ein Lippenknall

WIENER-Kolumnist Dirk Stermann trifft Frau Börne, die mindestens 10.000 Dinge prickelnder findet als ihren Mann und Schnaps am liebsten im Dreivierteltakt trinkt.

Wie ein platzender Frosch klang es, als ihre Lippe platzte und Silikon ins Schaumsüppchen plumpste. Sie hatte ihre Lippe riskiert und verloren. „What shalls?“, murmelte sie tapfer und aß weiter.

Schnell sammelte sich Kresse in der offenen Lippe. Manche Frauen sind sehr hart im Nehmen. Frau Börne war hart. Sie hatte sich erst mit 80 von ihrem Mann getrennt, weil sie hatte warten wollen, bis die Kinder tot sind. Frau Börne hatte ich kurz nach ihrer Scheidung in der Loos Bar kennengelernt. Sie trank gern „Schnapserl im ¾-Takt“– erst 3 Schnäpse und dann 4. Sie hatte nie geraucht, jetzt fing sie an. Rauchverbote in U-Bahnen oder Zügen ignorierte sie. Sie fand sich zu alt, als dass sie sich noch an Gesetze hielt.

Herr Börne hatte ein Vermögen gemacht mit einem Patent-Computerprogramm, das er sich patentieren ließ. Wann immer jemand etwas erfunden hatte, benutzte er Börnes Programm, um die Erfindung offiziell zu machen. Ein Bastlerhit, mit dem Börne sich blöd verdiente. Er selber hatte außerdem noch einen Regenmantel für Tabakpfeifen erfunden. Ihm war aufgefallen, dass viele Pfeifenraucher bei Regen ihre Pfeife einsteckten, damit das edle Teil nicht nass wird. Mit dem Pfeifenmantel aus Ostfriesennerz konnte man auch bei sintflutartigen Regenfällen rauchen. Eine geile Idee, aber sonst war der alte Börne stinkfad und so erotisch wie ein Brillenetui. „Ungeil, alt und ungeil, reich aber nicht sexier als eine überfahrene Taube“, sagte Frau Börne. Und sie zeigte mir ihr Tagebuch, in das sie schon wenige Tage nach ihrer Hochzeit 1952 geschrieben hatte: „Liebes Tagebuch. Was ist prickelnder als mein Mann? Da fallen mir spontan mindestens zehntausend Dinge ein: ein benutztes Wattestäbchen, eine Trockendattel, ein leeres Glas Milch, Schneeregen, ein leeres Blatt Papier, der Gedanke an ein leeres Blatt, sogar die langatmige Erzählung eines anderen Menschen über ein leeres Blatt Papier ist geiler als mein Mann. Der alte Schnarchschädel raucht Pfeife und umwickelt sie dann mit alten Knirpsregenschirmen! Muss ich mehr sagen? Ich hatte einmal eine Magen-Darm-Grippe, die war mir beim Oarscherl lieber als dieses fade Flascherl!“


Auf meine nicht ganz unberechtigte Frage, warum sie ihn denn geheiratet hätte, erklärte sie mir, der Schnaps sei Schuld gewesen. Eine Bar, sie an der Theke im ¾-Takt, den Mann hätte sie nur ganz verschwommen wahrgenommen. Unscharf wirkte er deutlich besser, erinnerte sie sich. In der Nacht entstanden die Zwillinge. Sie waren hässlich und sahen einander ähnlich. „Das sah ihm ähnlich, dass er nur schiache Kinder zeugen konnte“, sagte mir Frau Börne, wenige Stunden nach der Scheidung. „Sie waren in den Twin Towers, als die irren Moslems da reingeflogen sind. Haben Sie nichts davon gelesen? The Twin-Towers-Twins? Ich hab gleich danach die Scheidung eingereicht und mir die Brüste vergrößern lassen. Und die Lippen. An meinem 80. Geburtstag. Dann hab ich mir über eine Agentur einen Afroamerikaner besorgt, mit einem Schwanz so groß wie das Empire State Building. Mit dem hab ich zwei Jahre in einer rein sexuellen Beziehung zusammengelebt. Als er 25 wurde, hab ich mir einen Jüngeren gesucht. Ich bin jetzt 84, er wird im Dezember 20. Im Dezember 2013!“ Sie lachte und trank einen schnellen Walzer. Damit sie zumindest eine ehrbare Grundlage beim Trinken hätte, schob ich ihr mein Schaumsüppchen rüber. Sie griff mir in den Schritt und schnalzte mit der Zunge. Sie beugte sich über die Suppe, da platzte die Lippe. „Soll Schlimmeres geschehn. I am a lucky woman. Da Glück is a Vogerl, und ist bei denen, die vögeln“, sagte sie und aß meine Suppe mitsamt den Silikonresten auf.

Erschienen im WIENER 346 / Juni 2010