Stermann: Indonesische Orgien

WIENER-Kolumnist Dirk Stermann isst Komodowarangulasch und löffelt teilweise noch lebenden Eintopf. Eine Erfahrung, die ihm schlussendlich wirklich übel zu schaffen macht.

Komodowarangulasch gehört nicht zu meinen Lieblingsspeisen. Lustlos tauchte ich unter Aufbringung meiner gesamten Höflichkeitsreserven die Krabbenchips in die ätzende Masse, während ich auf die noch lebenden Sulawesi-Koboldmaki starrte, die der nächste Gang waren. Ich hatte Batman Suparman in einer Bäckerei auf der Argentinierstraße kennengelernt, wo er eine „Vanillebrille“ bestellte, ein mit Vanille gefülltes Blätterteiggebilde, das man sich auf die Nase setzen kann. Weil die Verkäuferin an Kinderlähmung litt (obwohl sie eine Greisin war) und sich in Superzeitlupe bewegte, kamen Batman und ich ins Gespräch. Er stellte sich mit seinem Namen vor und erklärte mir, er sei ein Singapurer mit javanischer Abstammung, sein Name sei in Indonesien so geläufig wie bei uns „Twtzsch“ oder „Schmdrer“. Ich erklärte ihm, dass weder „Twtzsch“ noch „Schmdrer“ sehr geläufige Namen seien, aber da hatte er mir schon seine Adresse aufgeschrieben und mich zu einem indonesischen Abendessen eingeladen.

Viele Freunde beneideten mich, bei Batman Suparman eingeladen zu sein, als Gastgeschenk brachte ich seiner Frau ein Catwoman-Comic mit. Seine Frau hieß Diah Permata Megawati Setiawati Soekarnoputri. Sie war entfernt verwandt mit Wage Rudolf Soepratman, dem Komponisten der indonesischen Nationalhymne. „Rudolf ist bei uns ein sehr häufiger Name“, sagte ich, aber meine Gastgeber mussten sich um die wild kreischenden Koboldmaki kümmern. Die zehn Zentimeter großen Primaten steckten in einem Topf und glotzten mich an. Ihr Kopf wackelte auf dem kurzen Hals hektisch hin und her. Die riesigen unbehaarten Ohren vibrierten wie die Flügel eines Kolibris. „Mögen Sie asiatisch essen?“, fragte mich Batman Suparman. „Ja. Sehr gerne. Japanisch. Am Naschmarkt“, antwortete ich. „Ach so, Sushi!“ Er lachte. „Nein, bei uns gibt’s echtes asiatisches Essen. Kein Maki wie beim Japaner, sondern unser Maki. Trockennasenaffen. Wir machen ein Bubur Manado, ein Eintopf. Köstlich!“ Batman leckte sich mit der Zunge über die Lippen. „Und woraus besteht der Eintopf?“ fragte ich. „Hund, Katze, Fledermaus. Und Koboldmaki“, verriet Diah.

Ich wollte die Krot schlucken. Man kann nicht ausländerfeindlichfeindlich sein und dann fremde Bräuche ablehnen, dachte ich mir. Wie kann ich gegen die FPÖ sein und dann hier versagen, wenn’s drauf ankommt? Nein, als aufgeklärter Mensch musste ich hier durch. Das Komodowarangulasch war als Hauptspeise mehr als mächtig und schmeckte bitter, wahrscheinlich weil Komodowarane fünf verschiedene tödliche Gifte absondern.


Meine Fähigkeit, an dem nun folgenden Gespräch teilzunehmen, ließ rapide nach. Mein Kiefer schwoll an und das Sprachzentrum war gelähmt. Meine Gastgeber schienen gegen den Warangiftcocktail resistent. Während sie den quietschenden Sulawesi-Koboldmaki die Köpfe händisch abrissen, erzählten sie mir, dass sie in Indonesien zu viel Geld gekommen seien mit Orang-Utan-Puffs. „Die Orang Utans werden am Körper rasiert und sind sehr beliebt. Diah und ich haben wie die Affen verdient, hahaha!“ Sein Lachen klang wie ein kurzer, trockener Keuchhusten. „Orang Utans sind nur 1 Gen von uns Menschen entfernt“, sagte er mampfend, während er mir Löffel um Löffel vom Eintopf einflößte, der sich teilweise noch bewegte. „Deshalb sind sie so beliebt im Puff. Orang Utans erreichen die Intelligenz eines vierjährigen Kindes und haben ein Gedächtnis, das das menschliche weit übertrifft. Und sie sind im Bett fantastisch!“ Seine Frau nickte eifrig und ich übergab mich auf den Korb mit den Vanillebrillen, die sie als Dessert vorbereitet hatten. Ich hatte den PC-Test nicht bestanden. Shame on me.