Gröbchen: Die Kritiker-Kaste

Einst gefürchtet als Grossinquisitoren im Namen von Geschmack und Kultur, sind Musikjournalisten heute in der Defensive. Denn die Kritiker der Kritiker werden mehr, lautstärker und zudringlicher.

„Posting sind der neue Punk!“ bekam ich neulich zu lesen. Und zwar in der neumodernen Selbsterkenntnis-Arena „Facebook“, mithin halb unter Freunden, halb öffentlich. Der Absender der Botschaft war einer der hauptberuflichen Pop-Kritiker des „Standard“, der offensichtlich gerade ein paar Watschen im Online-Forum seines Mediums ausgefasst hatte. Natürlich nur virtuell. Aber der gewollt originelle, bisweilen deftig-derbe Ton des Herrn – wenn ich mich recht erinnere, hatte er einige treffliche Anmerkungen zum Line-Up des „Frequency“-Festivals gemacht – schien nicht bei allen Lesern auf Begeisterung gestossen zu sein. Im Gegenteil. Die Empörung brach sich in dutzenden, wenn nicht gar hunderten Postings Bahn. Ihr Tenor (Ausnahmen bestätigten die Regel): böse alte Männer verstehen die Welt nun mal nicht mehr, der Kritiker sei taub, geschmacklos oder generell unfähig (eventuell auch alles zusammen), derlei sei eines Qualitätsmedums nicht annähernd würdig… Und so weiter. Und so fort. Knapp, dass nicht Lynchjustiz angedroht wurde. Einige der Kritiker-Kritiker wüteten absichtsvoll unter der Gürtellinie, andere versuchten es ihrem Haßobjekt gleichzutun und wohlgesetzte Worte zu finden. Worte, die wie Nadelstiche pieksen. Oder wie Axthiebe treffen. Ein kurzweiliges Schlachtfest insgesamt, diese Expertenerregung samt postwendender Publikumserregung.

Business as usual? Faktum ist, dass Journalisten heute nicht mehr im einsamen Kritikerkammerl vor sich hin werken. Oder einen exklusiven Blick aus den Höhen ihres Elfenbeinturms geniessen. Der Leser, Hörer, Seher – kurzum: der Medienkonsument – redet mit. Gibt seinen Senf dazu. Reagiert, exzerpiert, kommentiert. Egal, ob gefragt oder ungefragt. Die one-to-many-Kommunikationswege der Vergangenheit gehören mittlerweile wirklich der Vergangenheit an. Und wurden durch einen elektronischen Wirtshaus-Stammtisch ersetzt, an dem jeder zu Wort kommt, der meint, etwas zu sagen zu haben. Oder zumindest etwas sagen zu müssen. Publikumsbeschimpfungen ohne Publikumsbeteiligung sind aus der Mode geraten. Kritiker, sagen Kulturwissenschafter, haben ihre Deutungshoheit verloren. Immerhin haben die meisten ihren Job noch.

Den geifernden Unmut, der einem bisweilen in dieser Rolle entgegenschlägt, halte ich für demutsfördernd. Und so heil- wie unterhaltsam. Ich zähle nicht zu jenen Schreiberlingen, die trotzig behaupten, es sei unter ihrer Würde (oder jedenfalls nicht gut für’s Seelenheil), auch nur einen Blick in die Online-Foren des „Standard“, des ORF oder des Zwerg Bumsti-Magazins zu werfen. Und die vox populi solchermassen mit Verachtung strafen. Und beinharter Ignoranz. Kurioserweise dringen dann auf verschlugenen Wegen doch immer wieder Stimmen, Kommentare und Meinungsbrocken zu den sensiblen Geistern vor. Und machen sie ganz unrund. Selten, dass Kritiker auf ihre Kritiker so cool reagieren wie der eingangs erwähnte Kollege. „Postings sind der neue Punk!“, das hat doch was. Für sich. Eindeutig.


Aber wie in einem M.C.Escher-Vexierbild gilt es auch dem p.t. Publikum einen Spiegel vorzuhalten. Und die eine oder andere sinnentleerte Fratze zu entlarven. Denn, meine Damen und Herren Leser, Künstler, Fans und Privatexperten: warum lassen Sie sich gar so leicht provozieren? Irritieren? Zu emotionsgeladenem Feedback hinreissen? Es ist ja wohl nicht die Aufgabe eines kritischen Journalisten, alles und jede(n) gut zu finden. Ausschliesslich Fakten zusammenzutragen. Oder Seriosität mit Todeslangweile gleichzusetzen. Eine unterhaltsame Kritik – Unterhaltsamkeit ist wohl die erste Tugend jeglicher Zeilenschinderei – muss auch nicht (pseudo-)objektiv, konstruktiv oder apodiktisch sein. Ein krachender Verriss kann weit erregender, erkenntnisbringender und kurzweiliger ausfallen als das streichelweiche Gegenteil. Lernen wir, uns daran zu ergötzen. Lernen wir zumindest, damit umzugehen. So wie es die Kaste der Kritiker lernen muss, das sie nicht mehr allein auf weiter Flur regiert. Sondern hinter jeder Ecke Stachelköpfe und Nadelträger rumlungern. Insbesondere online. Postings rule OK!