Stermann: Osterhasen-Freakshow

Ist der Osterhase ein Freak? Eine Laune der Natur? Diese Frage ist natürlich an den Haaren herbeigezogen, aber so ist das nun mal im Showbusiness. Immer schon.

Wann immer ich Osterhasen sehe oder streichle – und ich sehe und streichle Osterhasen ganzjährig, nicht nur zu Ostern -, denke ich unweigerlich an Barbara Ursler. Wer jemals einem Hasen sein Fell über die Ohren gezogen hat oder mit der Nase so nah ans Hasenfell gekommen ist, dass das Hasenfell die Schleimhäute kitzelt, für den wird das Hasenhaar unvergesslich bleiben. Stellen Sie sich einen Hasen ohne Fell vor. Wen sehen Sie? Stellen Sie sich den Hasen ohne Fell, aber mit Seitenscheitel und randloser Brille im grauen Anzug vor. Jetzt stellen Sie sich vor, er steht auf zwei Beinen vor Ihnen und hat sich die Ohren operativ verkleinern lassen. Er war beim Kieferorthopäden und hat jahrelang eine Klammer getragen, er sagt Dinge wie “Ach, Sie wissen nicht, was die Abkürzung ,asap’ bedeutet? As soon as possible, mein Herr.”

Sie merken schon: Sie selber sind der Osterhase, beziehungsweise: Der Osterhase steckt in jedem von uns. Sie müssen kein Freak sein, um das zu begreifen. Freak bedeutet im Englischen Einfall oder Laune. Barbara Ursler war, was Engländer “freak of nature” nennen, eine Laune der Natur, wie der Osterhase, wie die roten Haare von Boris Becker oder die Ortstafelmanie von Jörg Haider oder der Schal von HC Strache, der operativ entfernt werden müsste.

Barbara Ursler wurde 1633 in Augsburg geboren und sie war mit dem Schausteller Van Beck verheiratet, der sie in ganz Europa zeigte. Warum er sie zeigte? Warum die lieben Europäer zahlten, um sie zu sehen? Warum sie sowohl beim Publikum als auch bei Wissenschaftlern für großes Aufsehen sorgte? Könnte ich jetzt auch einmal antworten oder wird das Ganze hier zu einer ostereiersuchartigen Rätselrallye?


Soll ich Ihnen erzählen, was ein gewisser John Evelyn 1657 in sein Tagebuch schrieb? Ja. “Ich hatte die behaarte Frau schon vor 20 Jahren gesehen, als sie ein Kind war. Ihre Augenbrauen waren nach oben gekämmt und ihre Stirn war so dicht und gleichmäßig mit Haaren bedeckt, wie es sonst auf dem Kopf einer Frau wächst. Sie war nett gekleidet, eine sehr lange Locke kam aus jedem Ohr. Sie hatte auch einen sehr langen Bart und lange Locken wuchsen ihr aus der Mitte der Nase, genau wie bei einem Island-Hund in hellem Braun, fein wie gesponnener Flachs. Sie war sehr gut gebaut und spielte gut auf der Zither.”

Sie wurde 35 Jahre alt. Barbara Ursler war ein Haarmensch. Sie wissen, dass die Überbehaarung dadurch entsteht, dass das embryonale Wollhaar nicht, wie sonst üblich, abgestoßen wird, sondern zu wachsen beginnt. Vielleicht kennen Sie auch die Geschichte von Jo-Jo? Jo-Jo der Pudelmensch hieß eigentlich Fedor Petrov und galt, wie alle Haarmenschen um die Jahrhundertwende, als Missing Link zwischen Mensch und Tier. Und als Wiener kennen Sie sehr wahrscheinlich die traurige Geschichte der Julia Pastrana. “Ein warm empfindendes, denkendes, geistig sehr begabtes Wesen mit gefühlvollem Herzen, sinnend und zartfühlend, wissbegierig.”

Die mexikanische Kreolin mit dem Affengesicht wurde 1832 geboren und starb 1860. Sie führte auf Jahrmärkten spanische Tänze vor und sang mexikanische Lieder, eine frühe Form von Starmania. Um den Effekt ihres Auftritts zu erhalten, ließ ihr Entdecker und Manager sie wenig unter Menschen. Sie litt unter der Einsamkeit, während ihr Manager reich wurde. Sie wurde, wohl von ihm, schwanger. Mutter und Kind starben bei der Geburt. Er ließ sie einbalsamieren und stellte sie dann mehrere Wochen in seinem Museum in Petersburg aus, bis die Körper zu faulen begannen. Nun ließ er Frau und Kind skalpieren und ausstopfen und verkaufte sie an den Wiener Prater. Ein Besucher erinnerte sich an sie: “In einem rotseidenen Flitterkleidchen stand sie da, mit dem schrecklichen Leichengrinsen auf dem Gesicht, ihr Kind in einem ebensolchen Flitterkleidchen auf einer Stange neben ihr, wie ein Papagei.”

Denken Sie an Julia Pastrana, die unglücklich und ausgestopft im Wiener Prater stand, still und stumm. Behaart, wie der Osterhase, der vielleicht eine Frau ist. Denken Sie daran. Und schenken Sie sich mal zu Ostern keine Schokohasen, sondern das Buch “Show Freaks & Monster” von Hans Scheugl.

Na, dann. Frohe Ostern.