Stermann: Der Gehilfe mit der Gehhilfe

Unser Kolumnist macht sich Gedanken über das Altern.

Unser Kolumnist macht sich Gedanken über das Altern, seinen Opa, den es in eine Gletscherspalte besonderer Art verschlagen hatte, und einen ehemaligen Mitschüler, der schon mit 16 aussah wie ein schlampig gerupftes Billig-Hendl.

„Ich möchte niemals so alt werden, wie du aussiehst“, hatte ich einem Mitschüler gesagt, der in der Schule der Gesichtsälteste war. Michael war erst 16, hatte aber das Gesicht eines verkniffenen Greises. Große Opaohren, unheimlich geformt, wie Ohrenzeugen einer längst vergessenen Zeit, mit haarigem Strubbelgewächs, das aus ihnen wuchs, wie Spinnweben aus dem Hirn winkend, tattergreisig. Er ging gebeugt, als wir alle vor Potenz strotzten und einer aufrechter als der andere wie ein Hahn über den Schulhof stolzierte. Da kroch er bereits wie ein gerupftes Billighuhn vom Hofer lahmarschig an uns Jungen vorbei. Im Blick grauen, grünen, blauen und schwarzen Star, während wir grüne, blaue und schwarze Gürtel im Judo machten. Wir schulterten einander mit großem Vergnügen gegenseitig und er eine Last, die ihm überlegen war. Er sah aus wie der neue alte Freund meiner Oma, die wieder solo war, nachdem mein Opa „in die Gletscherspalte gefallen war“, wie man in meiner Familie sagte. Damit meinte man, mein Opa sei emotional derart vergletschert gewesen, dass die Oma ihn irgendwann aus ihrem Leben schmiss.

Hugh Hefner und die Frauen


 

Wenn man 16 ist und wie 160 aussieht, kommt man sexuell sehr schwer in die Gänge. Kaum eine Frau liebt einen alten Mann, noch dazu, wenn er das Einkommen eines 16-Jährigen hat. Hugh Hefner hätte auch weniger Frauen in seiner Nähe, wär’ er 12 und säh’ so aus wie er aussieht. Nämlich wie etwas, das aus den Regalen zu nehmen vergessen wurde. Abgelaufen. Kaum jemand beißt herzhaft in schimmliges Brot, das mit ranziger Butter bestrichen ist.

 

In den Ohren mindestens 2.000 Haare

 

Wer heute auf die Welt kommt, hat statistisch eine Lebenserwartung von um die 80, bald schon werden die Menschen im Schnitt 90 oder 100, es sei denn, die Gewalt in den U-Bahnen und S-Bahnen bekommt man nicht in den Griff. Das aber heißt, wir alle werden irgendwann so aussehen wie mein armer 16-jähriger Mitschüler. Mit nach vorn gewölbten Hängeschultern und verwachsenen Zehennägeln irren wir durch die Stadt und versuchen unsere Gehhilfe einzuholen. Mein vergletscherter Opa übrigens hat einen Gehilfen, der auch schon in die Jahre gekommen ist und sich auch eine Gehhilfe zugelegt hat. Der Gehilfe mit der Gehhilfe. Beide schauen aus wie die jüngeren Brüder meines damaligen Schulkollegen. Zusammen haben sie 20 aschfahle, durchsichtige Haare auf dem Kopf. In den Ohren mindestens 2.000. Opa und sein Gehilfe mit der Gehhilfe haben knöchrige, von Gicht zerfressene Finger, die aussehen, als wären sie aus Wachs oder Holz sehr schlecht nachgebaut worden.

 

Opas traurige Altersgurke

 

Vor kurzem stand mein gefühlskalter Opa neben mir am Pissoir eines Lokals, blickte an sich hinunter und sagte: „Mein armer alter Herr Gesangsverein. Mann, hängt der verzweifelt da rum!“ Und dann blickte er mich an und sagte: „Mann, du bist aber auch alt geworden. Weißt du wie du aussiehst? Wie dieser Schulfreund von dir, der so alt aussah. So alt siehst du aus! Mann, du siehst wirklich alt aus!“ Mein Opa lachte laut, schüttelte den Kopf und sein Gemächt und packte seine traurige Altersgurke gemächlich wieder ein.

 

Michael sah noch älter aus

 

Meine Oma hatte Recht. Mein Opa war wirklich in die Gletscherspalte gefallen. Ich kam auch aus dem Klo und da standen sie. Er, der Gehilfe mit der Gehilfe und Michael, mein ehemaliger Schulkollege. Alle drei lachten und zeigten mit dem Finger auf mich. Ich hatte Michael mehr als 20 Jahre nicht mehr gesehen. Er war der Enkel des Gehilfen meines Opas. Er sah unverändert, aber noch älter aus. Ich nickte ihm zu. Er sah mich feindselig an. „Blödmann“, murmelte er. Und: „Blöde Sau!“ Offensichtlich hatte er nicht vergessen, wie gemein ich damals zu ihm war. Manche Leute merken sich so etwas ein Leben lang. Deshalb war sowieso schon alles egal. „Ich möchte niemals so alt werden, wie du aussiehst“, wiederholte ich meinen gemeinen Satz nach über 20 Jahren noch einmal – und zwar ohne mit der Wimper zu zucken. Ich sah mir die drei Knallchargen vor mir an. „Du bist sogar hier der Gesichtsälteste!“ sagte ich, nahm meine Sporttasche und verließ das Lokal. Ich ging zum Judotraining und schulterte einen 16-Jährigen.