Stermann: Laetitia Pizzis Aschenbecher

Was machte unser aller Dirk im Sommer, als er noch ein kleiner Dirk war?

Was machte unser aller Dirk im Sommer, als er noch ein kleiner Dirk war? Er urlaubte im hollywoodbeschaukelten Senegallia und badete im arschkalten Balaton. Er traf zwei Prinzessinnen und eine Sandalenbraut. Von einer lernte er, wie man sich unglücklich verliebt. Von der zweiten lernte er Rauchen und von der dritten: Demut.

Mit 13. Und 14. Und 12. Und 11. Und 10. Da fuhren wir in den Sommerferien nach Italien, an die Adria, nach Senigallia, ins Hotel Excelsior. Mit Hollywoodschaukel und eigenem Strand. In dem Hotel wohnten überwiegend Italiener. Ganze Familien. Ohne Väter, die arbeiteten in der heißen Stadt. Die Mütter und ihre Kinder verbrachten den Sommer am Meer. Auch Laetitia Pizzi. Ihr Vater war Schuhfabrikant, vielleicht auch nur Schuhverkäufer in Perugia. Ich fand, die 12-jährige Laetitia sähe aus wie die damals schönste Frau der Welt, Prinzessin Caroline von Monaco.

Caroline von Monaco, mein Mädchen


Das fand ich mit 11. Das fand ich mit 12. Und mit 13 fand ich das auch. Sie brachte mir mein erstes italienisches Wort bei: portacenere – Aschenbecher. Nicht sehr romantisch, aber praktisch. Mit der Zeit lernte ich von ihr immer mehr Wörter. Schon bald konnte ich am Strand beim Kicken zu den Italienern sagen: „Lascia il mio fratello!“ „Lass meinen Bruder in Ruhe!“ Laetitia saß auf der Promenadenmauer und nickte mir zu. Das schönste Mädchen der Welt. Eine Freude. Ich hab mit 11 und 12 und 13 italienisch gelernt, weil ich in Laetitia Pizzi verknallt war. Als ich 14 war, kamen wir an einem heißen Julitag im Hotel Excelsior an. Mittags: keine Laetitia Pizzi. Beim Abendessen: keine Laetitia Pizzi. Also fragte ich meinen vermeintlich Vertrauten, den langjährigen Barmann, mit meinem schlechten Laetitia-Pizzi-Italienisch, wo Laetitia Pizzi sei, ob die Pizzis dieses Jahr etwa nicht da wären? Leise fragte ich ihn. Vertraulich. Von Mann zu Mann.

 

Und er? Schrie durchs ganze Foyer zum ganzkörperbehaarten Rezeptionisten: „Weißt du was? Der Kleine ist verknallt in Laetitia Pizzi! Weißt du, ob sie schon da ist?“ Mit knallroter Birne lief ich zum Aufzug. Um 20 Uhr legte ich mich ins Bett. Der Barmann war ein Arschloch, der Rezeptionist auch und ich konnte in diesen Ferien unmöglich das Bett verlassen. Ich hab das Bett dann doch verlassen. Die Pizzis kamen nicht.

Stephanie von Monaco, mein Trost

Ich lernte Sara Ninno kennen. Sie kam aus Perugia. Ihr Vater war auch in der Schuhbranche, aber sie sah leider nur so aus wie Carolines Schwester Stephanie. Sie war beeindruckt, dass ich wusste, was Aschenbecher auf Italienisch heißt. Von ihr hab ich kein italienisches Wort gelernt. Aber Rauchen. Ich war 14. Und es war das letzte Mal, dass ich mit meinen Eltern und meinem kleinen Bruder nach Italien fuhr.

Philippe Junot, das Arschloch

Caroline von Monaco heiratete in diesem Sommer das Arschloch Philippe Junot. Ich war fassungslos. Ich fühlte mich betrogen. Ich zündete mir eine Zigarette an und schluckte den Rauch hinunter, wie ich es von Sara Ninno gelernt hatte. Deshalb war sie also nicht ins Hotel Excelsior gekommen. Weil sie dieses Playboyschwein geheiratet hatte. Ich wünschte dieser Ehe nur das Schlechteste. 2 Jahre später wurde die Ehe zwischen Caroline und Philippe Junot geschieden. Ich war 16 und im Sommerurlaub in Ungarn. Ich lernte Dzsenifer kennen. Sie kam aus Györ und trug Sandalen. Sie sah aus wie die damals schönste Frau der Welt, Nasstasja Kinski.

Wir sprangen gemeinsam nackt in den arschkalten Balaton. Mein 16-jähriges Gemächt zog sich erschreckt zusammen. Als ich auftauchte, lachte sie. Und brachte mir mein erstes ungarisches Wort bei: Törpe. Seit damals warte ich darauf, dass ich irgendwann einmal gefragt werde, was Zwerg auf ungarisch heißt. Ich weiß es.