Vulkan auf Java: Der härteste Job der Welt am Tor zur Hölle

Es brodelt, es donnert, es stinkt. Wer in den Krater des Kawah Ijen hinabsteigt, wäre nicht erstaunt, Beelzebub persönlich zu treffen. Die Schwefelarbeiter auf Java haben den härtesten Job der Welt. Mit DIASHOW.

Prolog

Der Kawah Ijen ist ein Vulkan im Osten der Insel Java. Im Krater des 2.386 Meter hohen Vulkans befindet sich ein türkisfarbener Kratersee, der aus Schwefelsäure besteht und von Geologen und Mineralogen als „das größte Säurefass der Erde“ bezeichnet wird. Durch ständige Gasaustritte entsteht laufend Schwefel im Krater, der von indonesischen Arbeitern unter geradezu archaischen Umständen abgebaut wird. Angeblich werden die Menschen bei der härtesten Arbeit der Welt wie Sklaven behandelt. Die Schwefelbrocken werden unter lebensbedrohenden Umständen in Handarbeit von riesigen Blöcken gebrochen und dann zu Fuß aus dem Krater getragen. Manche Arbeiter hieven bis zu 100 Kilo schweres Gestein auf ihre Schultern, viele von ihnen sind dabei barfuß unterwegs. Kann das im 21. Jahrhundert Realität sein? Ich fliege nach Jakarta, durchquere Java per Bus und bin nach einigen Tagen am Kawah Ijen, dem Berg der Schwefelarbeiter.

Es stinkt zum Himmel….

Was für ein gottverdammter Gestank. Die Gaswolke, die soeben noch in weiter Ferne schien, hat mich voll erwischt. Ich sehe nichts mehr. Ich bin völlig orientierungslos. Meine Augen brennen und tränen, als hätte man mir mit einem Haarspray direkt auf die Netzhaut gesprüht. Das Atmen zerreißt mir jetzt fast die Lungenflügel. Kaum mehr Sauerstoff in der Luft, keine Sicht, keinen Plan. Ich drücke mich in eine Felsspalte, presse meine Augenlider so fest wie möglich zusammen und ziehe ein feuchtes Tuch, das ich – bereits vorgewarnt – mitgebracht habe, vor meinen Mund, um etwas Luft durch den Fetzen hindurch einzusaugen. Und natürlich verfluche ich meine Nachlässigkeit, denn beide Ratschläge, die mir abends zuvor ein Schwefelarbeiter gegeben hat, habe ich missachtet. Erstens bin ich alleine unterwegs, zweitens habe ich keine Gasmaske mit dabei. Zusammengekauert und leicht panisch hocke ich somit hustend in einer Felspalte und warte -irgendwo in der Mitte des Kraters, irgendwo im Kegel des Kawah Ijen, einem der aktivsten Vulkane Indonesiens, ganz in der Nähe der Schwefelmine. Sekunden später lichtet sich die Giftwolke, und der schmale, steinige und steile Abstieg, direkt zur Quelle des gelben Goldes wird wieder erkennbar.

Im Vulkanschlund bebt und grollt dann die Erde unentwegt. Zwei Drittel des Kraterbodens bedeckt ein türkisfarbender See. Das Wasser ist ein tödlicher Cocktail aus Schwefel-und Salzsäure, das jegliches Leben vernichtet. Gelber Dampf quillt aus der Erde, 200 °C heißes, ätzendes Schwefelgas entweicht aus dem aufgerissenen, zerfurchten Boden. Roter, flüssiger Schwefel fließt über steinigen Untergrund. Überall liegen Rohre und Schläuche herum. Feinster Schwefelstaub bedeckt den Boden. Mittendrin steht ein Arbeiter, der einzige mit einer Gasmaske auf dem Kopf, und schlägt Rohre in den Boden. Meterhoch schießen giftige Dämpfe aus den Leitungen, dann rinnt eine rote Brühe heraus, die schnell zu gelbem Gestein erstarrt. Schwefelgestein. Mit Eisenstangen stoßen die Männer in das Gestein, bis es zerbricht. Die einzelnen Brocken werden in Bambuskörbe geladen und geschultert. Bis zu 100 Kilo Schwefelgestein tragen einzelne Arbeiter den steilen Pfad hinauf. Der Großteil des Schwefels wird mit Lastkraftwagen zum Hafen in Surabaya transportiert und von dort in die Welt verschifft. Schwefel benötigt man zur Bleichung von Zuckerrohr, auch die pharmazeutische und die chemische Industrie sind Abnehmer.


Explosionen und Ekel

Die Arbeitsbedingungen hier unten sind extrem. Ständig kleine Explosionen irgendwo in der Nähe. Überall zischt, faucht und donnert es. Es stinkt erbärmlich. Solange der Geruch noch an verfaulte Eier erinnert, ist alles palletti. Man kann atmen, ohne Ekelgefühl aber nicht. Aber immerhin liegt noch genug Sauerstoff in der Luft. Nicht so, wenn wieder eine giftige Nebelschwade über uns hereinbricht und die Luft um uns in ein ätzendes Gemisch verwandelt. Dann heißt es Luft anhalten, so lange wie nötig. Zumeist lichtet sich die Wolke wieder innerhalb weniger Sekunden. Wenn nicht? Dann hat man ein Problem. „Fast jede Woche kommt es vor, dass aufgrund überraschend austretenden Gases und ungünstigen Windverhältnissen Arbeiter für Minuten das Bewusstsein verlieren“, hat man mir am Vortag erzählt. Grund für einen Arbeitsstopp sei das aber nie, die meisten Arbeiter würden bereits wenige Minuten nach dem Zusammenbruch wieder arbeiten, hieß es weiter.

 

Mittlerweile ist mir schwindlig, weil ich bereits zu viel Gift eingeatmet habe. Deshalb klettere ich den steilen Pfad etwas hinauf. Etwa hundert Höhenmeter über der Mine setze ich mich auf einen Stein und beobachte das Treiben mit Respektabstand. Da es nur einen Weg hinunter zur Mine gibt, müssen alle Arbeiter an mir vorbei. Die Schwefelarbeiter scheinen eine eigene Gehtechnik entwickelt zu haben, mit schnellen Schritten schusseln sie an mir vorüber. Irgendwie erinnert ihr Gang an Geher, welche man von Sportveranstaltungen kennt. Bei vielen sind eitrige Wunden und wildes Fleisch und Schwielen im Schulterbereich erkennbar. Sie sind klein und zäh und wirken abgearbeitet. So wie Buana. Ein kleiner, drahtiger Mann, so um die 50 Jahre. Schwer schnaufend kämpft er sich den steilen Pfad hinauf. Jeder Schritt scheint eine Qual. Die beiden mit einer Holzstange verbundenen Körbe sind randvoll mit Schwefelbrocken gefüllt. Er geht gebückt, ein zerrissenes, zusammengerolltes Handtuch liegt zwischen Schulter und Bambusstange, es soll den Druck der Last abfedern. Er trägt ein altes graues Jackett, eine abgetragene graue Anzughose und viel zu große Gummistiefel. In der rechten Hand hält er einen nassen Lappen, diesen drückt er fest auf Nase und Mund, wenn die Giftdämpfe über ihn hereinbrechen. Sein Körper wirkt ausgemergelt und in sein sonnengegerbtes Gesicht haben sich tiefe Furchen gegraben. Er hustet ständig. Etwa fünf Meter vor mir bleibt er stehen und deutet mir zu, dass ich ein Foto von ihm machen soll. Na gut, warum nicht? Er posiert, wie ein Schauspieler, lacht gequält. Dann kommt er auf mich zu und fordert einen Dollar von mir. „What is your name?“, frage ich und „Do you speak English?“ Er aber streckt mir bloß seine Hand entgegen und wiederholt seine Worte: „Give me money“. Aus seinen tiefen Augenhöhlen starren jetzt Augen voller Wut. Ich drücke ihm einige 1.000-Rupiah – Scheine in die Hand, und er verrät mir dafür seinen Namen. Mehr nicht. Kein Wunder, verständliches Englisch sprechen nur wenige der Arbeiter.

Welcher Stress?

Aber dann steht Eko vor mir. Seine Augen strahlen, sein Gemüt wirkt lebensfroh. Er stellt seinen Korb auf den Boden, bietet mir eine Zigarette an und sagt: „Welcome to Indonesia, Mister.“ Eko ist 30 Jahre alt, arbeitet seit mittlerweile sieben Jahren hier, raucht wie ein Schlot und sieht aus wie das blühende Leben. Anders als die meisten anderen hier, scheint er keinen Stress zu haben. Eko erzählt mir von seinem Leben. Er wohnt in einer kleinen Holzhütte in einem Dorf ganz in der Nähe des Vulkans. Neben seiner Frau und seinen Kindern leben auch noch seine Eltern und ein unverheirateter Bruder seiner Frau in der kleinen Hütte. Eko ist der einzige, der Geld verdient. Er ernährt die gesamte Großfamilie. Umgerechnet rund 10 Euro verdient er an einem Arbeitstag, sofern er rund 200 Kilo Schwefelbrocken ins Tal schafft. Für indonesische Verhältnisse ist das viel Geld. Landarbeiter oder Erntehelfer verdienen gerade einmal die Hälfte, wenn überhaupt. „Wir sind Großverdiener in unseren Dörfern“, sagt Abdul und streckt zwecks Untermauerung seiner Worte beide Daumen hoch. Ich beschließe ihn auf seinem Weg nach oben zu begleiten.

Schritt für Schritt schmeckt die Luft wieder sauberer. Wir brauchen etwa 30 Minuten bis zum Kraterrand. Und wer erwartet uns hier oben? Touristen. Überall Schaulustige. Vor meinen Augen tut sich ein groteskes Schauspiel auf. Hier schwer arbeitende, schwitzende, drahtige Arbeiter mit schlechter Ausrüstung und da Touristen, allesamt mit Fotoapparat, Funktionskleidung, viele auch mit Atemschutzgerät ausgestattet. Arbeiter wie Zuschauer haben einen mitleidigen Blick aufgesetzt, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Interessen. Die indonesischen Arbeiter bessern dadurch ihren Lohn auf, Touristen punkten mit Empathie und ernten für ein paar Dollar Fotomotive, die daheim niemanden unberührt lassen. Eine symbiotische Verbindung mit schalem Beigeschmack.

Eko erzählt mir, dass er mittlerweile zumeist von Touristen mehr Geld erhält als für seine eigentliche Arbeit und dass er hofft, dass die Minenbesitzer deshalb nicht seinen Lohn kürzen. Rechte haben die Schwefelarbeiter nämlich keine. Zwar sind sie fix angestellt, Geld bekommen sie aber nur für getane Arbeit und streng nach Gewicht des abgebauten Schwefels. Wer länger krank oder verletzt ist, wird ausgetauscht. Und wie oft arbeitet Eko in der Woche? „Immer dann, wenn ich Geld brauche“, sagt er. Rund 150 Schwefelarbeiter arbeiten in der Mine. Der Job ist begehrt. Und das obwohl die langfristigen Folgen dieser schweren Arbeit dramatisch sind. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Schwefelarbeiter liegt bei 50, die der indonesischen Allgemeinheit immerhin bei 60 Jahren.

Im Tal wird der Schwefel gewogen. Eko hängt seine beiden Körbe an einen Haken. Die Waage zeigt 71 kg an. 48.000 indonesische Rupiah (rund 3,5 Euro) erhält er für seine Arbeit. Am Parkplatz kratzt er dann weitere 38.650 Rupiah aus seinen Hosentaschen. Geld von den Touristen. „Das reicht für heute“, sagt Eko, „vielleicht auch für morgen „

Epilog

Wenn man es allerdings genau nimmt, braucht niemand diesen Schwefel. Ihn abzubauen tut sich außer Indonesien kein Land mehr an, weil es ihn ohnehin im Überfluss gibt. Immerhin ist Schwefel auch ein Abfallprodukt aus der Erdgas-und Erdöldestillation, das am Weltmarkt fast verschenkt wird. Genau genommen quälen sich die Schwefelarbeiter in Indonesien umsonst. Aber sollte man deshalb die Mine stilllegen? Wohl kaum. Für die meisten Minenarbeiter würde das den Ruin bedeuten. Und miserabel bezahlte Tätigkeiten ohne tieferen Sinn sind doch in allen Ländern der Welt en vogue. Auch bei uns in Europa. Nüchtern betrachtet muss man sinnfreien Jobs sogar eine gewisse Systemrelevanz zusprechen, so bitter dies auch erscheinen mag.