Pharrell Williams live in Wien: Alles wird gut

Exakt eineinhalb Stunden lang brauchte Produzenten-Genie Pharrell Williams dafür, knapp 8000 Fans in der ehemaligen Rinderhalle St. Marx davon zu überzeugen, dass letztlich doch alles gut wird. Die meisten haben ihm geglaubt.

Zunächst einmal sei ein wenig geunkt. Der Sound in der ehrwürdigen Schlachthof-Halle von einst war miserabel, wenn auch von einer ziemlich tollen Stimmung wett gemacht. Es sind halt die richtigen Leut beisammen – diesfalls derer rund 8000 – wenn einer wie Pharrell Williams aufspielt. Da wird sich mehr Party erwartet, denn geistreiche Darbietung. Und mehr Wert auf Beats gelegt, die in die untrigsten Körperregionen wummernd einfahren, als etwa auf ausufernde Soli an der Gitarre oder der Hammond Orgel.

Und wer Party feiern will, bringt Stimmung mit. Die der kongeniale US-Produzent mit der einprägsamen Falsett-Stimme und der scheinbar unbrechbaren Fähigkeit, jede Art von Popsong durch sein Mitwirken – egal ob an Drums, Mischpult oder Mikrofon – zur Nummer Eins in diversen Charts zu machen, von der ersten Sekunde an mitnahm. Ebenso wie ab der ersten Sekunde der Basston das Soundgeschehen beherrschte. Auch in den oberen Klangsphären war lautes Klirren (Gitarre!) deutlich vernehmbar. Bloß die Mitten verschluckte das historische Gemäuer scheints ganz. Nuancenreichtung war soundmäßig nicht zu erwarten. Schade.

Einprägsamer Bass

Hauptsach, der Bass wummert, könnte man hier nun klarstellen. Was aber Mr. Pharrell von diversen One Hit-Wonders, die ihre Pop-Hits am R’n’B-Reissbrett zimmern, wohltuend unterscheidet, ist dieser wahnsinnige Wiedererkennungswert seiner Musikstücke. Zu einem zunächst erstaunten „Was, das ist auch von dem?“ gesellt sich nach ein paar Takten schnell ein „Klar, eigentlich.“, weil all die Nummern, dei der 41järige Sohn eines Afroamerikaners und einer Phillippinin produziert, mitsingt oder selbst schreibt, doch eine unverkennbare Handschrift tragen. Irgendein Element sticht heraus, macht die Songs einzigartig. Klemmt sich im Frontallappen fest, lässt sich jederzeit abrufen, wenns es im Radio spielt. Und lässt uns stets noch ein Weilchen nachsummen, obwohl die Format-Radio Playlist längst anderen Kauderwelsch nachgeschoben hat.


Format-Star

Einem wie Pharrell nehmen wir es übrigens nicht übel, wie die Faust aufs Auge ins Formatradio-Gsturl zu passen. Williams‘ Songs sind hittig, gefällig, gehen gleichermaßen ins Ohr wie in die Fiaß‘ und tun niemandem weh, ebenso wie sie höchst unanstrengend zu rezipieren sind. Dass der Kerl ausserdem ein ziemlich exakt abgestepptes Eineinhalbstunden-Programm mühelos mit Hits, die allesamt einstellig in den Hitparaden rangierten, füllen kann, liegt  auf der Hand. Dass einem dabei kaum fad wird, liegt neben dem allgegenwärtigen Wiedererkennungseffekt auch an einer ausgetüftelten Bühnenshow mit zahlreichen Tänzerinnen und gelegentlich Spontan-Einlagen mit Nebenerwerbs-Publikum, das sich der Meister spontan für ein Tänzchen auf die Bühne holt.

Girls, girls, girls …

Klar wird bei Pharrell auf der Bühne viel von Frauen geredet. Durchaus in sexueller Konnotation, allerdings nie bösartig, nie kompromitierend. „Pharrell ist der wahre Feminist, sorry Madonna“ ist etwa noch während der Show auf Instagram zu lesen, getippt von Frauenhand, die offenbar ebengerade vom Winken in St. Marx pausierte. Und auch wenn Hadern a la „Drop it like its hot“ (Zusammenarbeit mit Snoop Dogg) nicht gerade die Planung eines internationalen Pfadfindertreffens zum Inhalt haben – niemand würde hier einen Zeigefinger zur Mahngeste erheben. Da können sich die Mädels mit den engen Tanzkostümen gerne im Zurschaustellen von Eindeutigkeiten überbieten.

Hitfeuerwerk

Pharrell Williams werkte in diversen Musik-Funktionen mit vielen Stars, seit er anno 1992 mit seinem kongenialen Partner Chad Hugo das Produzententeam „The Neptunes“ sowie die Band N.E.R.D (mit Sänger Shay Haley, der auch in Wien bei drei Nummern mit dabei war) gründete. So liest sich die Kundenliste der Company ziemlich flüssig, von Madonna über eben Snoop Dogg, Kelis, Jay-Z bis hin zur Swedish Housemafia kennen und schätzen alle den Williams’schen Rat. Oder, noch mehr: seine Fistelstimme. Die Hitsongs aus dem Radio besonders in letzter Zeit so unverkennbar macht.

Ein besonderer Hattrick gelang dem zierlichen Mann aus Virginia mit den bemerkenswerten Gesichtszügen anno 2013. Die gesamte warme Jahreszeit über dominierte Pharrell die internationalen Charts; Zunächst mit seinem Sanges-Part bei der Daft Punk feat. Nile Rodgers-Hitsingle „Get Lucky„, dann durch seine Produzenten- wie ebenfalls Vokal-Skills beim Robin Thicke Club-Stomper „Blurred Lines„. Beide Songs bedienten perfekt ihre Zielgruppen, bei beiden glücklicherweise höchst massentauglich. Als Williams Ende des Jahres dann mit „Happy“ seinen bislang erfolgreichsten Solo-Hit landete, war er das Jahr über schon mehr Wochen in den Charts gewesen, als die meisten anderen Chartstürmer des Jahres zusammen. Sowas gibt Rückenwind, man denkt sich irgendwann mal „Eh klar, Pharrell“ als Konsument und wundert sich nicht weiter. Ebenso wie es wenig verwunderlich blieb, dass die fröhliche Nummer mit dem eingängigen Refrain und dem netten Video bald tausende Menschen rund um den Erdball zum Nachstellen des letzteren animierte. Plötzlich war man in Dubrovnik happy, in Rio happy, auf Mallorca happy und sogar die Freunde der neuen, Wienerischen Mariahilferstraße inszenierten im Novembergrau der Baustelle ein angebliches Freudentänzchen, weil die bösen Autos die nunmehr unbelebte Einkaufsstraße endlich verlassen hatten.

Drei Hits am Stück also mehr oder minder. Wie bringt man derlei in einem Konzert-Set unter, ohne peinlich zu wirken? Oder aber auf einmal sein Pulver zu verschießen? Nun, liebe Leute, schaut Euch bei Pharrell Williams ab, wie man derlei macht. Zunächst startet der Aktuell-Hitreigen mit „Blurred Lines„, perfekt umgesetzt, witzig getanzt. Das Ende der Nummer ist gleichzeitig der Einsatz für ein a cappella vorgebrachtes „We’ve come to far to give up who we are“ – und schon befinden wir uns mitten in „Get Lucky„, mit dem die Band gleich kräftig weiterrumpelt.

Finale Grandioso

Endlich dürfen die Mitmusiker auch ein wenig aus sich heraus, der Bassist imitiert den genialen Nathan East (Studioaufnahme, Grammy-Awards), man ist sich stellenweise sogar nicht sicher, ob er wirklich spielt oder der gute Nathan vom Band winkt. Der Gitarrist hat bei der ausgewiesenen Funk-Scheibe sowieso alle Händ‘ voll zu tun. Und Pharrell hält die Groove, mit dem Publikum, behände und geschickt. Bis er exakt nach einer Stunde und 15 Minuten zum ersten Mal die Bühne verlässt. Was ihm alle Tänzer gleichtun und schließlich auch die Musiker.

Dass da noch was kommen mußte, war klar. Schließlich war „Happy“ noch nicht erklungen. Schließlich staret Pharrell mit einem eklektisch konfigurierten Drei-Songs-Set, fürs Grande Finale selbst holte er sich wieder Grils aus dem Publikum.

Girls? Naja, eines eigentlich. Und jenes ist eine erwachsene Lady ohne Topfigur oder sonstigen R’n’B-Totems. Sondern ne ganz normale Frau, die sich für eine, für die letzte Nummer des Abends in die Choreografie der Profis einfügt, als täte sie dies jeden Abend.

Good News machen Happy

Es sind die Nachrichten, die uns jeden Tag furchbare Neuigkeiten übermitteln, sagt Pharrell. Die uns Angst machen. Und was ist das Gegenteil davon, fragt er hierauf, Angst zu haben? Richtig: Happy zu sein.

Sie finden nun, diese Überleitung zur letzten Nummer sei platt gewählt, vorhersehbar, einfallslos? Stimmt, alles wahr. Aber Pharrell Williams bringt sie derart überzeugend von der Bühne, dass es einem die Message heiß ans Herz fast. Und wenn zum Um-Tschak-Funk des Ohrwurmes dann auch noch Konfettikanonen den Schlachthof und seine Gäste unter Streusel setzen, die Vidi-Walls indianisch-inspirierte Fantasie-Figuren in faszinierende Rythmik zeigen und letztlich jeder, wirklich jeder in einem Umkreis von einem Kilometer nachdrücklich das Tanzbein schwingt, ist es Zeit, zu gehen. Glücklich, mit einem Grinsen, das irgendwie ansteckt, bis auf weiteres. Und die ZiB 2 mit ihren Greuelnachrichten haben wir ebenfalls versäumt, Pharrell sei Dank.