KULTUR

Manfred Rebhandl friert für Stuckrad-Barre

Es ist eine kalte Welt

Rebhandl ist ein großer Schalko-Fan: „Dieses Polyvalente!, wie man im Fußball sagt, diese vielseitige Verwendbarkeit! Bei Schalko heißt das: Kino, TV, Literatur mit links! Und dann mal eben Theater in Köln! Schreibt er auch Gedichte? Weiß ich jetzt gerade gar nicht, aber wahrscheinlich schon. Jedenfalls: Grandios! Was er anfasst, wird zu Gold!“

Text: Fred Mann

Rebhandl zieht die rechte Hand aus der Tasche seines Mantels, während er friert und wartet, dann hebt er respektvoll den Daumen. Ich wage kaum einzuwenden: „Naja. Köln war nicht soo geil.“

Aber Rebhandl lacht meinen Einwand verächtlich weg. Er schiebt die schlechten Kritiken in Köln genervt auf das Publikum, das noch nicht reif „dafür“ gewesen wäre, und auf die Kritiker, die wahrscheinlich besoffen waren. „Wie immer! Diese Scheiß-Kulturkritiker sind einfach immer besoffen!“, schreit er. „Wenn sie nicht überhaupt Koksen!“

Und lässt in der Folge nichts über Schalko kommen, verteidigt ihn im Gegenteil wie ein Fan sein Idol: „Ich meine, haben Sie mal sein Haar gesehen? Nicht seine Haaare! Sein Haar! Und seine Anzüge! Und die Brille! Da passt einfach alles, der könnte auch in Berlin leben, wirklich! Dazu sein Facebook-Auftritt! Wenn jemand die Rechten noch aufhalten kann, dann Schalko!“

Rebhandl zieht nun auch die linke Hand aus seiner Manteltasche, steckt sie aber sofort wieder zurück, bevor er auch den Daumen dieser Hand heben kann. Er friert wie ein Finne nach der Sauna, zittert trotz warmer Unterhose, Decke und Flüchtlingsschutzfolie wie ein Lammschweif, hustet, reibt sich die Ohren, die Nase, die Oberschenkel. Er steigt von einem Fuß auf den anderen, hüpft, dreht sich im Kreis. Aber es nützt alles nichts.

Rebhandl friert.

Seit nunmehr drei Tagen und Nächten wartet er nämlich hier vor dem Asia Cook im 7. Bezirk, einem angesagten Asiaten. Er steht da wie ein 12jähriges Mädchen vor der Stadthalle, wenn dort Justin Bieber auftritt. Tatsächlich fühle er sich noch einmal wie vierzehn, hat er mit Tags zuvor versichert, endlich wäre er noch einmal Fan. Dabei sieht er mittlerweile, nach 72 Stunden ohne Schlaf und in der Kälte, aus wie ein Hundertvierjähriger, und mit Sicherheit will niemand – niemand! – einen solchen Fan haben.

Ich überreiche ihm die Ohrenwärmer, die er mich gebeten hatte ihm mitzubringen, sowie die Thermoskanne mit heißem Tee, die er mich angefleht hatte ihm mitzubringen. Er greift gierig danach und fragt: „Mit Rum?“

Ich sage: „Natürlich.“

Er sagt: „Danke.“

Nachdem er sich ein wenig gestärkt und sich die Ohrenwärmer auf dem Schädel montiert hat, frage ich ihn: „Warum genau sind Sie hier?“

„Eine Freundin“, erklärt Rebhandl ohne Umschweife, hätte ihm vor kurzem erzählt, dass wiederum eine Freundin von ihr vor kurzem Schalko und Stuckrad-Barre beim Speisen in diesem Lokal beobachtet hätte. „Und da ich am Mittwoch nicht zu Stuckis Lesung gehen kann, weil sie ausverkauft ist und die dort im WUK bei einer so genannten Sitzveranstaltung keine zusätzlichen Stühle hinein schieben können, schaue ich, ob ich ihn vielleicht hier treffen kann, damit er mir mein Buch signiert. Habe ich Ihnen schon gesagt, dass ich Stuckrad-Barre beinahe ….“

„Ja, ja!“, unterbreche ich ihn genervt, während ich versuche, ihm Tee in den Becher, den er in seiner zitternden Hand hält, nachzuschenken „Das haben Sie mir weiß Gott schon oft genug erzählt!“

Dass er Stuckrad-Barre nämlich beinahe noch mehr verehre als Schalko. „Kein Facebook-Account!“, wiederholt er sich. „Das ist schon mal die halbe Miete! Und kein Haar, das er nicht im Griff hat! Und die Anzüge sitzen bei ihm wirklich tadellos!“

Ein ums andere Mal zieht Rebhandl nun ein schon völlig zerfleddertes Exemplar von Stuckrad-Barres Buche Panikherz (Kiepenheuer und Witsch) aus der Manteltasche, in der auch die rechte Hand mit dem Daumen drin steckt. Er blättert darin, als handle es sich um seine Bibel, befeuchtet den Daumen, schlägt nach, fährt mit den Fingern über die Seiten und zitiert aus dem Stehgreif: „Beim Dachboden ist uns das Geld ausgegangen!“ Rebhandl kichert. „Oder: ‚Wer sagt, das müssen wir unbedingt wiederholen, der will nach Hause!’ Das ist alles so wahr!“, ruft er. Die Seiten 124 bis 128, versichert mir Rebhandl, könne er mittlerweile auswendig, er nenne sie „Die Maturatreffen-Seiten!“

„Das ist große Literatur, ganz große! Du musst ein vollkommener Menschenkenner sein, um große Literatur zu schreiben, und Stucki ist ohne Zweifel ein solcher! Wie sonst nur noch Dostojewski!“ Aber gut, fährt Rebhandl fort, zur Menschenkenntnis hätte ihn wohl sein vollkommen verrücktes Leben geprügelt.

„Wissen Sie, dass er Pastorensohn ist und in Göttingen gelebt hat?“ fragt er mich. „Dass er bei einer Architektentochter nicht landen konnte und bei einem Fanzine zu arbeiten anfing? Dass er beim Rolling Stone Deutschland war und Sven Regener betreut hat? Dass er durch Bukowski auf Fante, Hemingway, Hamsun, Celine, Kerouac, Borroughs und Henry Miller gekommen ist und ich – jetzt passen Sie auf! – durch Miller auf Borroughs, Kerouac, Celine, Hamsun, Hemingway, Fante und Bukowski, also genau umgekehrt!“

Rebhandls Versuch, sich auf diese Weise mit Struckrad-Barre gemein zu machen, wirkt natürlich peinlich und stößt ihm selbst sofort sauer auf. Er schämt sich dafür und wechselt sogleich das Thema, kommt auf „die reine Poesie in diesem Buch!“ zu sprechen: „Das Feuer wäscht die Seele rein, und übrig bleibt dein Mund voll – Asche!“

„Ist eigentlich von Rammstein, wende ich ein.“

„Ja, scheißegal!“, sagt Rebhandl. „Es gefällt Stucki, und es gefällt mir! Oder: ‚He du, he du, mich drückt der Schuhe, he du, he du!’ Das ist einfach großartig! ‚Die Kernaussage aller bedeutenden Lieder der Weltgeschichte!’ nennt Stucki diese Zeilen, und wissen Sie was? Er hat recht!“

Rebhandl verlangt nach der Wurstsemmel mit Gurkerl, die ich ihm mitgebracht habe. Er packt sie aus und schlingt sie gierig hinunter, will noch eine, aber ich habe keine mehr.

„Da fällt mir ein!“, sagt er, als er die letzten Brösel in seinen Mund hinein schiebt. „Stuckis Magersucht! So traurig! So berührend! ‚Hundert Prozent Lesesaalauslastung, und ein Prozent Fett – das ist Glück’, schreibt er. Ist das nicht zum Weinen?“

Rebhandl weint nun beinahe.

„Oder: Als Schlingensief sich in Berlin über den Lärm im Pogo-Keller aufregt – fantastisch! Oder: ‚Angetrunken, aber nie besoffen, zuweilen druff, aber nie drüber, alle fröhlich, liebevoll, lustig, ohne Arg.’“

Rebhandl lacht nun wieder, weint dazwischen aber auch.

„Oder: ‚Ach, das Meer. Schon einfach immer wieder die Antwort auf alles.’ Was soll ich sagen? Richtig! Und so zärtlich! Oder: ‚Man merkt der Skandinavierin an, dass sie aus Schönheitsgründen seit Jahrzehnten keinen interessanten Satz mehr sagen musste’ – Wunderbar! Oder: Wie er Brett Easton Ellis beschreibt und seine mittlerweile sagenhafte Stumpfsinnigkeit und vollkommene Verblödung durch Drogenabusus – unübertrefflich!“

„Stucki!“, schreit Rebhandl. „Stucki! Wo bist du? Ich lieb dich! In deinem Buch ist mehr Wahrheit drin als in jedem österreichischen Wein! Gib mir endlich ein Autogramm!“

Rebhandl hat sich in eine rauschhafte Begeisterung hineingesteigert, er möchte Stuckrad-Barres Buch jedem ans Herz legen, der auf der Burggasse an ihm vorbei geht, möchte seine Freude darüber in die Nacht hinausschreien und mit allen teilen. Aber die Leute „haben alle kein Herz mehr!“, klagt Rebhandl, „nicht einmal ein Panikherz! Auch kein Angstherz, kein Liebesherz, kein Zärtlichkeitsherz! Alle sind ohne Herz!“

Rebhandl verliert nun selbst jede Euphorie, und plötzlich versinkt er überhaupt in tiefes Nachdenken. Mit gesenktem Kopf geht er besorgt vor dem Asia Cooking auf und ab, verliert sich in panischen Gedanken.

„Was ist jetzt los?“, frage ich ihn, und Rebhandl stammelt: „Was ist, wenn Schalko und Stucki sich hier getroffen haben, weil Schalko dessen Buch verfilmen möchte?“

„Gefällt ihnen nicht, dieser Gedanke?“, frage ich.

„Um Gottes Willen!“, schüttelt sich Rebhandl. „Da kriegt mein Herz Panik! Palfrader als Stucki? Das kann ich mir jetzt echt nicht vorstellen!“

„Und Sunny Melles?“, frage ich.

„Schon eher!“, sagt er.

Noch einmal betrachtet er voll zärtlicher Zuneigung das Buch, öffnet es und schiebt sich die Ohrenschützer auf seinem Schädel zurecht. Dann liest er. „Die Mütze voran und frisch ihr nach, kommst du über den bösen Bach.“

Er schlägt es zu und sagt: „Können Sie mir bitte eine Mütze bringen? Mir ist echt kalt!“Benjamin von Stuckrad-Barre liest am Mittwoch, den 30. November 2016 im Wiener WUK aus seinem Buch „Panikherz“.