KULTUR

PAUL FABER SUPERSTAR/Teil 1

Christian Jandrisits

Paul Faber Superstar – Rechtzeitig zur Herbstsaison ­liefert der WIENER einen großen Fortsetzungsroman, dessen erste, hinreißende Seiten wir hier bringen. Der Autor: Einer der ganz Großen. Kurt Molzer.

Ganz viele Menschen, die so gut wie nichts erleben, außer dass sie morgens aufstehen und sich abends
wieder hinlegen und zwischendurch einer stupiden Arbeit nachgehen und was essen und es dann wieder rauskacken, behaupten von sich: „Was ich schon alles erlebt habe, ich könnte ein Buch schreiben.“ Aber natürlich werden sie außer Einkaufslisten und Whatsapp-Schwachsinn nie was schreiben, denn abgesehen davon, dass ihr Leben tatsächlich nichts anderes ist als die von Arthur Schopenhauer beklagte Leere – „Es ist wirklich unglaublich, wie nichtssagend und bedeutungsleer, von außen gesehen, und wie dumpf und besinnungslos, von innen empfunden, das Leben der allermeisten Menschen dahinfließt. Es ist ein mattes Sehnen und Quälen, ein träumerisches Taumeln durch die vier Lebensalter hindurch zum Tode, unter Begleitung einer Reihe trivialer Gedanken.“ –, abgesehen davon also kriegt ein Großteil dieser Möchtegern-Autoren ja keinen geraden deutschen Satz gebacken. 

Ich hingegen, Paul Faber, geboren am 23. Juni 1970 in der Ignaz-Semmelweis-Frauenklinik im 18. Wiener Gemeindebezirk, kann wirklich außergewöhnlich gut schreiben, und ich habe Sachen erlebt und aufgeführt, ich sage es Ihnen, ich wäre doch der größte Trottel, habe ich mir oft genug gesagt, würde ich das nicht alles irgendwann zu Papier bringen! Und lassen Sie mich an dieser Stelle doch bitte gleich den Beweis antreten, dass ich kein Angeber und Dampfplauderer bin: Passen Sie auf, am 30. Juli 2007 druckte Europas größte Tageszeitung, die deutsche „Bild“ nämlich, in riesigen Lettern folgende Schlagzeile: „SCHICKSAL IMPOTENZ“. Die Unterzeile lautete: „Männer brechen ihr Schweigen“.

Es war eine der erfolgreichsten „Bild“-Schlagzeilen aller Zeiten, die Auflage erreichte Rekordhöhen. Fünf Männer, die sich sogar fotografieren ließen, erzählten in dieser Serie frei von der Leber weg und in allen Einzelheiten und noch dazu unter ihremrichtigen Namen, dass sie keinen hochkriegen und wie verzweifelt sie sind und wie ihre Frauen damit umgehen und überhaupt – mein Leben als Schlappschwanz halt. Der Ansturm auf die Kioske und Zeitschriftenläden und das Echo waren so enorm, dass die Redaktion sich zur Einrichtung einer Hotline entschloss. Betroffene und deren Frauen konnten anrufen, Urologen und Psychologen gaben Ratschläge. 

Der Autor dieser Serie war – ich. Und wissen Sie was? Die Serie war erstunken und erlogen von der ersten bis zur letzten Zeile! Die ach so armen Impotenten waren Arbeitslose und Geringverdiener, die ich in leicht verlotterten Kneipen an der Reeperbahn ansprach. Ich zahlte jedem ein sogenanntes Informationshonorar in Höhe von 500 Euro – dafür durfte ich dann schreiben, was mir beliebte. In besagtem Jahr 2007 war ich sechs Monate lang freier Mitarbeiter in der Hamburger Zentralredaktion der „Bild“-Zeitung. Sie blätterten mir 9.000 Euro hin, pro Monat. Ich kannte den Chefredakteur von früher und wollte die Zeit bis zum Antritt eines neuen Jobs in München überbrücken. Als die sechs Monate fast um waren, hatte ich immer noch keinen richtigen Knüller abgeliefert. Eines Abends saß ich mit einem Redaktionskollegen schon ziemlich betrunken in einem Lokal in der Kaiser-Wilhelm-Straße, schräg gegenüber vom Springer Verlag. Nach dem fünften Bier sagte ich zu ihm: „Ich mach eine Story über Impotente, über Typen, die ihre Pimmel nur zum Pissen gebrauchen können, schwebt mir schon lange vor, hab ich noch nirgendwo gelesen. Ich werde fünf Typen auftreiben, und die sollen mir alles erzählen über ihre Hardwareprobleme. Mega-Story, ganz Deutschland wird darüber reden! Schlage ich morgen in der Themenkonferenz vor.“ Der Kollege blickte nur gelangweilt von seinem Bier hoch: „Kriegst du nie rund, redet doch keiner über sowas Peinliches.“ – „Wetten?“ – „Okay, wieviel?“ – „Tausend Euro, Handschlag.“ Er schlug ein, und am nächsten Tag lachten sie mich alle aus im großen Konferenzraum. „Na klar“, meinte einer aus der Riege der Chefredaktion, „und nächste Woche interviewst du Elvis Presley, weil der lebt ja angeblich noch.“

… und nächste Woche interviewst du Elvis Presley …

Zwei Wochen später hatte ich sie dann doch rund, meine Story. „Also ich muss zugeben“, lobte mich der mit dem Elvis Presley-Sager, „Herr Faber hat Unglaubliches geleistet, Gratulation!“ Ich wurde als gefeierter Superstar nach München verabschiedet, und von den gewonnenen tausend Euro kaufte ich mir in einer Kunstgalerie eine Nackte in High Heels von Helmut Newton.

Ach so, bevor ich’s vergesse: Die Serie veröffentlichte ich, weil es ein Schwindel sondergleichen war und ich mir meinen Namen nicht versauen wollte, unter dem Pseudonym Kurt Molzer. Den Kerl gibt’s in echt, und der scheint ja, ganz im Gegensatz zu mir, wirklich ein angeberischer Dampfplauderer vor dem Herrn zu sein, der hat früher Kolumnen über seine angeblichen Bettgeschichten und auch ein paar schweinische Bücher geschrieben, der muss ein ziemliches Arschloch sein, vielleicht ein noch größeres als ich, wobei ich mir jetzt gerade gar nicht so sicher bin, ob man ein Arschloch ist, wenn man die „Bild“ bescheißt, von der man doch so viel Böses schon gehört und gelesen hat. Freilich, man könnte sagen, dass ich nicht nur die Chefredaktion, sondern auch die Leser beschissen habe, wobei sich hier einwenden ließe: „Wer die ‚Bild‘ liest, will beschissen werden.“ 

Kurt Molzer

Stimmen Sie mit mir überein? Diese Geschichte ist doch wahrlich erzählenswert, nicht? Sie mag schmierig sein, widerwärtig, degoutant, durch und durch amoralisch, ja, aber – nicht langweilig, oder? Und ganz egal wie Sie dazu stehen, so möchte ich Sie gerne fragen: Fühlen Sie sich durch die Geschichte reingezogen in dieses Buch? Ich erlaube mir die Dreistigkeit, für Sie mit einem Ja zu antworten. Und jetzt erzähle ich Ihnen was: Vor etwas mehr als zwei Jahren hatte ich einen Termin bei einem namhaften Buchverlag in Berlin. Die Cheflektorin von denen hat mir ein E-Mail geschrieben. Sie habe, teilte sie mir darin mit, schon viel von mir gelesen, meine Reportagen in „GEO“, meine Kolumnen in der Schweizer „Weltwoche“ und so weiter, und nun sei die Zeit überreif für das erste Buch Paul Fabers, einen Roman, darauf würden doch alle sehnsüchtig warten! Ob ich denn womöglich nicht schon eine Idee hätte und ein Exposé verfassen könnte? Zwei DIN-A4-Seiten würden völlig ausreichen, ach was, eine! Na gut, ich muss zugeben, ich fühlte mich gebauchpinselt, hockte mich also auf meinen Hintern, schrieb ein paar Gedanken nieder – Exposé wäre weit übertrieben –, schickte es der Dame vorab und flog nach Berlin. Wir saßen dort in so einem sterilen Konferenzraum – hätte auch das Besprechungszimmer der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft sein können, es standen trockene Kekse und Mineralwasserflaschen auf dem Tisch, ich krieg ja grundsätzlich Brechreiz in Konferenzräumen, das habe ich noch gar nicht erwähnt, schon in meinen frühen Jahren als Redakteur bei der „Süddeutschen Zeitung“ spürte ich immer wieder den Brechreiz hochkommen in dieser Atmosphäre der aufgesetzten Geschäftsmäßigkeit, der Eitelkeiten der Vorgesetzten und der Angst der Untergebenen vor dem Sichselbstlächerlichmachen und Vorgeführtwerden coram publico. Außer der Cheflektorin waren noch der Boss des Verlagshauses höchstselbst – er trug eine irritierend feminine Brille – und der Programmleiter für Belletristik anwesend, dessen Föhnfrisur sein wichtigtuerisches Gehabe noch zusätzlich betonte. Von Anfang an fielen mir die skeptischen Mienen der beiden Männer und eine nervöse Anspannung im Gebaren der Cheflektorin auf, an der ich übrigens alles sexuell erregend fand bis auf die zu kleinen Augen. Ich trug dann also die Idee für meinen Roman vor, und als ich geendet hatte, fuhr sich der Programmleiter für Belletristik durchs geföhnte Haar und fragte mich: „Schön und gut, aber wo ist der Konflikt am Beginn des Buches? Und wo ist der Spannungsbogen? Ohne Konflikt am Beginn und ohne Spannungsbogen ist es kein Roman. Sorry.“ Das Sackgesicht brachte mich gleich auf 180! War es vielleicht meine Idee, hierher zu kommen? Hab ich mich etwa aufgedrängt? Ich spürte es brennend heiß werden in der Magengegend. „Es gibt keinen Konflikt am Anfang, und einen Spannungsbogen schon gar nicht“, sagte ich. Und dann duzte ich Monsieur Programmleiter schon: „Ich würde sagen, du schiebst dir deine ganzen Konflikte und Spannungsbögen hübsch in den Arsch.“ Sodann erhob ich mich unter den entsetzten Blicken der Anwesenden, empfahl mich, wünschte noch einen angenehmen Tag und verließ den Konferenzraum. 

… und von den gewonnenen tausend Euro kaufte ich mir in einer Kunstgalerie eine Nackte in High Heels von Helmut Newton …

Es dauerte keine zehn Minuten, bis mein Handy klingelte. Die Lektorin war dran, völlig aufgebracht fragte sie mich, ob ich vom wilden Affen gebissen und mir denn hoffentlich darüber im Klaren sei, dass ich hiermit zur Persona non grata erklärt wurde, was ihr ungemein leid tue, da sie mich nämlich für ein „fucking big talent“ halte. „Es ist mir egal, ich will mir diesen Blödsinn nicht anhören, bei einem Roman kommt es nur darauf an, ob ich vom ersten Satz an reingezogen werde und immer weiterlesen will – oder eben nicht. Alles andere ist graue Theorie und interessiert mich einen Scheißdreck“, hielt ich ihr unmissverständlich entgegen. „Machen Sie doch, was Sie wollen“, sagte sie verärgert und legte einfach auf. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich setzte mich ins Taxi, fuhr zum „Cafe Einstein“ unter den Linden, bestellte mir marinierten Tafelspitz mit steirischen Käferbohnen und Kürbiskernöl, dazu ein Glas Grauburgunder, packte meinen Laptop aus und fing an, dieses Buch zu schreiben.

EINSTEIN

Ich dachte mir: Okay, du hast jetzt zwar keinen renommierten Verlag im Rücken – na ja, um die Wahrheit zu sagen: gar keinen –, aber dafür kannst du ganz uneingeschränkt drauflos tippen, ohne dir über einen Konflikt am Beginn und einen Spannungsbogen Gedanken machen zu müssen. So ein Bucherfolg würde mir halt schon guttun, und meinen Gerichtsvollzieher würde es auch freuen. Der tanzt, nur falls es Sie interessiert, regelmäßig bei mir an und fragt mich immer, ob ich nicht wenigstens mal fünfzig Euro an einen meiner Gläubiger zahlen will, nur um guten Willen zu zeigen. Kommt doch überhaupt nicht in Frage, lehne ich stets brüsk ab, was hätten denn läppische fünfzig Euro für einen Sinn bei rund einer halben Million an Schulden,Finanzamt und Banken und so, und mach dem Mann ein Bier auf um acht in der Früh und mir auch eins und er ist zufrieden und hält das Maul. Ja, so ein richtiger Bucherfolg, mit Übersetzungen in andere Sprachen und einer Verfilmung gar, mein Gott, wär das schön! Wär das schön! 

Der geneigte Leser fragt sich womöglich verwundert: Wie kann denn ein ehemaliger Redakteur der hochangesehenen „Süddeutschen Zeitung“, ein Autor von Publikationen nicht minderen Ranges wie „GEO“ und der „Weltwoche“ („Bild“ lassen wir jetzt mal schön weg), ein „fucking big (Schreib)talent“, ständig Besuch von einem Gerichtsvollzieher bekommen und mit selbigem auch noch in aller Herrgottsfrühe Bier saufen? Das geht ganz einfach, sage ich Ihnen, man muss nur rechtzeitig damit anfangen, über seine Verhältnisse zu leben. Ich verdiente zwar schon am Beginn meiner sogenannten Karriere überdurchschnittlich viel Geld. Das hatte mehrere Gründe. Erstens war ich zweifellos hochbegabt, mit Anfang zwanzig schrieb ich Sätze wie diesen: „Der stolze, an die zwei Meter große Häuptling vom Stamm der Cherokee, der mir mit seinem beeindruckenden und in den buntesten Farben leuchtenden Federschmuck plötzlich an der Flussmündung gegenüber-stand und den Weg nach Alabama erfragte, war in Wahrheit Frau Helene Pospischil, meine kleine verhutzelte 86-jährige Wiener Nachbarin mit den braunen Stützstrümpfen und dem Haarnetz, und sie stand vor meiner Wohnungstür und überreichte mir mit ihren zittrigen Händen ein Einmachglas mit Bügelverschluss, worin frisch gemachtes Apfelkompott hin und her schwappte, und sie sagte: ‚Wohl bekomm’s, Herr Faber.‘“ Die Passage entstammt einem LSD-Selbsterfahrungsbericht, erschienen Anfang der 1990er Jahre in einem überaus populären Zeitgeist-Magazin. Zweitens konnte ich mich blendend verkaufen. In sehr gewähltem Deutsch, Bühnen-Deutsch fast schon möchte man sagen, erzählte ich in Bewerbungsgesprächen von meinen ersten Schritten im Journalismus – ich verantwortete den Inhalt der Schülerzeitung des Bundesrealgymnasiums in der Hegelgasse, welche während meines Wirkens als die Beste ihrer Art galt – und artikulierte profund und präzise meine Vorstellungen von einem guten Text. Drittens wirkte ich älter, was in erster Linie meiner Bekleidung geschuldet war. Schon in jungen Jahren trug ich englische Zweireiher mit Goldknöpfen und Seidenkrawatten sowie rahmengenähte Schuhe. Wenn ich mir heute meine alten Fotos ansehe, denke ich allerdings: zum in die Fresse schlagen, der aufgeblasene Wichser.