Der Streif-Film „One Hell of a Ride“: Den Berg hinunter heizen

Kitzbühel bietet die gefährlichste Abfahrtspiste der Welt. Regisseur Gerald Salmina bringt sie mit „Streif – One Hell of a Ride“ ab 25. Dezember als atemberaubendes Doku-Spektakel auf die Kino-Leinwand. Das Sportmagazin traf ihn zum Interview.

wiener-online.at: Was fasziniert Sie so an der Streif?

Gerald Salmina: Sie gilt als schwerste Abfahrt der Welt, sie ist der Höhepunkt des Skiwinters. Wenn du selber einmal da oben an der Mausefalle stehst, denkst du dir nur: „Wow! Wie soll man da mit Skiern hinunter kommen?“

Was ist Ihre erste Erinnerung an Kitzbühel?

Wie Franz Klammer 1975 in seinem gelben Rennanzug zum Sieg gerast ist. Ich war damals zehn und Klammer für mich eine Weltmacht. Es war mein Kindheitstraum, so Ski zu fahren wie er, aber dieser Traum hat sich nicht erfüllt. Es hat mich mehr in den Sommersport gezogen und ich wurde mit 20 zum Windsurfprofi.

Der Filmtitel bezieht sich auf ein Zitat von US-Skistar Daron Rahlves, der als einer der Kommentatoren durch den Film führt und die Siegesfahrt von Stephan Eberharter 2004 als „One Hell of a Ride“ bewundert.

Ja, bei Stephan hat an diesem Tag alles gepasst: die Linie, die Kraft, die Aggressivität, der Rhythmus. So ein Rennen fährst du nur am Höhepunkt deiner Karriere und in der Form deines Lebens.


Wie müssen Männer ticken, die sich dem Mythos Streif stellen?

In erster Linie lieben sie es, einen Berg hinunter zu heizen. Eric Guay stellt im Film für mich aber eine entscheidende Frage: Ist dir der Preis das hohe Risiko wert? Natürlich müssen sie auch alle ziemlich egozentrisch sein, aber andererseits wissen die Fahrer: Wenn ihnen etwas passiert, dann betrifft das nicht nur sie, sondern auch ihre Familien. Eine Versicherung kann vielleicht Geld, aber nicht den Verlust eines Menschen abdecken.

Wo lagen für Sie als Regisseur die größten Herausforderungen in Kitzbühel?

Die Streif ist 3,2 Kilometer lang und jeder meiner Kameramänner entlang der Strecke musste praktisch selbständig wie ein Regisseur denken, um die richtigen Entscheidungen zu treffen. Es ist nicht einfach, ein Objekt zu filmen, das sich mit 100 Stundenkilometern oder noch schneller an dir vorbei bewegt – während du selber lange Zeit in der Kälte herumstehen musst. Schwierig war auch, das Equipment jeden Tag ab- und wieder aufzubauen. Der Hang ist schon sehr steil, eisig und die Kamera wiegt 30 Kilo. Wenn du stürzt, ist sie kaputt.

Und was ist der größte Unterschied zu Ihrem Vorgängerwerk, dem Extremskifilm „Mount St. Elias“ (2009)?

Am Mount St. Elias hatten wir bei jeder Szene nur eine einzige Chance zu drehen. Kein Mensch riskiert dort für eine zweite Aufnahme ein weiteres Mal sein Leben. In Kitzbühel konnten wir mehrere Trainingsläufe und das Rennen selbst filmen. Trotzdem war es keine g´mahte Wies´n. Im Gegenteil. Die Streif ist eine organische, sehr enge Strecke. An manche Stellen, wo du super Aufnahmen generieren könnten, kommst du mit der Kamera gar nicht hin. Es wäre zu gefährlich.

Wegen Schneemangels war lange nicht klar, ob überhaupt gefahren werden konnte, dann wurde die Streckenführung kurzfristig geändert. Wie sind Sie mit diesen Problemen umgegangen?

Ja, ich will nichts beschönigen: Das Wetter hat uns leider ordentlich reingeschissen. Aber als Dokumentarfilmer lernst du, dass du nie genau weißt, was passiert. Du musst die Handlung geschehen lassen. Dass die Strecke nicht über den Hausberg geführt wurde, war aber sehr schade: Wir hatten drei Tage gebraucht, um eine spezielle Kamera auf einem Seil zu installieren, die mit einer Geschwindigkeit von bis zu 140 Stundenkilometer über die Läufer hinweg geflogen wäre.

Gab es die Überlegung, die Aufnahmen abzubrechen und die Dreharbeiten um ein Jahr zu verschieben?

Als ich von der Streckenänderung gehört habe, war ich tatsächlich nahe dran aufzugeben. Es ist an diesem Donnerstag vor dem Rennen nicht nur eine der spektakulärsten Passagen weggefallen, sondern mit Eric Guay auch ein potenzieller Hauptdarsteller! Wir hatten den Kanadier, der für mich zu den engsten Favoriten gezählt hätte, ein Jahr lang mit der Kamera begleitet – und dann merkt er bei der Streckenbesichtigung, dass er doch nicht hundertprozentig fit ist und deshalb nicht starten wird. Andererseits: Selbst wenn wir um ein Jahr verschoben hätten, hätten wir keine Gewissheit gehabt, dass die Bedingungen wirklich besser wären. Also habe ich mit meinem Team beschlossen, das Ding durchzuziehen.

Dass letztendlich mit Hannes Reichelt ein Österreicher gewonnen hat, wird Ihnen nicht ganz unrecht gewesen sein …

Das war ein Geschenk an die Dramaturgie des Films! Wie sich zwei Tage Später herausstellte, waren seine extremen Rückenschmerzen die Folgen eines Bandscheibenvorfalls. Und trotzdem gewinnt er das Rennen! So eine Geschichte kannst du bei einer Doku weder planen noch erwarten. Vielleicht ist es Karma, vielleicht Schicksal, was weiß ich. Aber wenn man sich mit voller Kraft auf so ein Projekt einlässt, dann passieren eben gewisse Dinge …

Die große Story zum Film mit Stephan Eberharter, Matthias Mayer, Max Franz, Benjamin Raich und Fritz Strobl findet sich im neuen Sportmagazin