AKUT

Selfie als Schocktherapie

Sarah Wetzlmayr

Ein britischer Fluggast macht mit dem Entführer des Air Egypt Fluges ein Handyfoto

But first, let me take a selfie

Ein Selfie kann oft unangenehme, manchmal sogar tödliche Folgen haben. Aber kann es einen auch aus unangenehmen und vermeintlich tödlichen Situationen befreien? Ben Innes dachte ja und ließ ein Foto von sich und dem Entführer des Egypt Air Fluges knipsen. 

von Sarah WetzlmayrEs ist mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass Selfies ein gewisses Gefahrenpotential bergen. Gar nicht so sehr das des Social-Media Todes und der Verachtung im Netz, sondern manchal eine ganz reale Bedrohung des „first“ und nicht des „second life’s“ darstellen. Als bekannt wurde, dass im Durchschnitt mehr Menschen durch Selfies sterben als in Folge von Hai-Angriffen staunten erstmal alle ein wenig und besorgten sich ein wenig später einen Selfie-Stick um die möglichen Gefahrenquellen die durch spektakuläre Selfie-Stunts entstehen zu bannen.


Was aber wenn man sich ohnehin nicht sicher ist, ob auf diesen Tag noch ein weiterer folgen wird? Beispielsweise wenn man sich als Passagier eines Linienflugs plötzlich in einem Entführungsszenario befindet? In genau dieser Situation fanden sich nämlich etwa 80 Passagiere am vergangenen Dienstag auf einem Flug vom ägyptischen Alexandria nach Kairo wieder. Die Egypt Air Maschine wurde von einem Entführer mit vermeintlichem Sprengstoffgürtel gekapert und der Pilot des Airbus gezwungen in Larnaka auf Zypern zu landen. Glücklicherweise wurden die meisten der Passagiere dort freigelassen und der Sprengstoffgürtel des Entführers stellte sich auch als Atrappe heraus. Seine Forderungen waren wirr und persönlichen Ursprungs – er wollte den Kontakt zu seiner Ex-Frau herstellen die auf Zypern lebt,Die Reaktion des 26-jährigen Briten Ben Innes, der bis zum Schluss in der Maschine bleiben musste entspricht nicht unbedingt der die man sich von einer Geisel auf einem entführten Flug erwarten würde: „Ich bat eine Stewardess, mir beim Übersetzen zu helfen und dann fragte ich ihn einfach. Er nickte und dann stellte ich mich neben ihn und lachte in die Kamera.“, erklärte er gegenüber der britischen Boulevardzeitung The Sun. Nachdem er sich selbst aus der Schockstarre befreit hatte war es ihm sehr daran gelegen die Situation mit dieser Aktion ein wenig aufzulockern. Ziemlich dumm, wie Sicherheitsexperten befanden, denn die Reaktion des Entführers sei nicht wirklich abzuschätzen gewesen. Falls sich jetzt jemand fragt ob es sich hier um denselben Briten handelt der kürzlich bei einem außerplanmäßigen Zwischenstopp wegen Trunkenheit aus dem Flieger geworfen wurde, dem sei dieser Kurzschluss verziehen – aber es ist wohl eher sehr unwahrscheinlich.

„Ich bin nicht ganz sicher, warum ich es getan habe. Aber am Ende habe ich die Bedenken weggeschoben. Ich dachte mir, wenn die Bombe echt ist und er uns alle in die Luft jagen will, habe ich ohnehin nichts zu verlieren. Also habe ich die Chance genutzt, um mir das Ding genauer anzusehen“.

Mit dem Foto selbst ist Innes sehr zufrieden. Es sollte schließlich das beste Selfie aller Zeiten werden und das wurde es nach eigener bescheidener Aussage für ihn auch. An welcher Stelle von Ben Innes Reisetagebuchs sich das Selfie befinden wird, findet die britische Boulevardpresse bestimmt noch heraus – bis dahin erinnern wir uns an den Mann der der Gefahr zwar nicht ins Auge geblickt hat, aber mit der Gefahr gemeinsam in die Kamera.

Um einer Diskussion ber die genaue Definition des Selfies vorzubeugen – es handelt sich bei diesem Handyfoto nach strikter Armlängen-Definition nicht um ein Selfie im eigentlichen Sinn. In diesem Artikel wurde der Begriff Selfie aber als Synonym für den anhaltenden Trend das eigene Gesicht überall und jederzeit in die Kamera zu strecken gebraucht.

 

Fotos: Don-vip CC BY SA 3.0
Paul Smith/Twitter