KULTUR

WIENER Party-History: Aufbruchstimmung

So grau war Wien gar nicht, bevor das U4 aufsperrte – es war schon immer einiges los an der Donau. Wir bringen die Party-History in Wien ab den 1970ern.

Redaktion: Franz J. Sauer, Hannes Kropik, Anneliese Ringhofer

Die Wiener Szene in den 70ern war nicht sehr groß, aber qualitativ hochwertig und vital, erinnert sich Model-Macher Wolfgang Schwarz (Jahrgang 1952): „Okay, wir hatten nichts wie den Club 54 in New York, und wenn du schnell unterwegs sein wolltest, musstest du nach München fahren. Wien war ein verschlafenes Paradies. Aber es gab keine Paparazzi, du konntest wochenlang unterwegs sein, ohne dass es jemand mitbekommen hat.“ Das Voom Voom im 8. Bezirk war ein Fixpunkt, das Vanilla, die Tangente – und natürlich das Take Five. Die Gesellschaft war hierarchisch organisiert und jede Clique hatte ihre eigenen Lokale: „Nur im Take Five hat sich vom Grafen bis zu den Unterweltkönigen alles getroffen. Der beste Tag zum Ausgehen war der Donnerstag, denn da waren die Leute unterwegs, denen es egal war, ob sie am nächsten Tag aufstehen oder nicht.“

Eigentlich wollte Conny (Jahrgang 1952) Croupier werden, versäumte aber wegen der öden Bundesheer-Stellung den Herbst-Kurs 1980. „Also hab ich mir gedacht, geh ich auf ein paar Monate ins U4.“ Nun, dieser Tage halten wir bei Jahr 37 seiner Türsteher-Karriere, die den langjährigen WIENER-Mitarbeiter zu einer mittleren Berühmtheit machte. Und zum Synonym einer Zeit werden ließ, in der im „grauen Wien“ plötzlich alles möglich schien. „Schoko, U4, Vanilla, Move, Kennedys, überall war was los, die ganze Woche über konnte man weggehen. Das U4 hat nur am Samstag zu gehabt, das konnte man sich damals leisten.“ Als Geburtshelfer des New Wave gab der Meidlinger Discokeller nicht nur den Musik-, sondern mit U-Mode und Ähnlichem auch den Kleidungsstil der Zeit vor. Falco war Stammgast, „spielte aber nie live bei uns“. Das taten andere: Sade Adu, Les Rita Mitsuko oder Prince. Generell ortet Conny – heute wie damals Antialkoholiker und Nichtraucher – „einen herrlichen Mix der Szenen. Punks waren ebenso willkommen wie Adelige, Rocker oder Dragqueens, völlig unabhängig von Geschlecht, Alter oder Aussehen.“

In den 90er-Jahren herrschte Party-Aufbruchstimmung, was nicht bloß der neuen Partydroge Ecstasy geschuldet war. Elektronische Musik hielt Einzug in Wien, die DJ-Kultur entwickelte sich, das Internetzeitalter begann. Die jungen Techno-DJs veranstalteten die ersten Raves, während die Clubgeher in der „Soul Seduction“ im Wiener Volksgarten feierten. Parallel dazu entwickelte sich die House-Szene, gab es die Clubbings im Technischen Museum, in den Sofiensälen und auch im U4, wo ab 1993 Holger Thor (Jahrgang 1971) aka Miss Candy den Gayclub „Heaven“ hostete. „Meine erste Amtshandlung war, das ,Men only‘ aufzuheben.“ Das „Heaven“ wurde zum Hotspot der Partyszene, Stars wie Falco, Right Said Fred oder Boy George waren zu Gast. 1993 wurde der erste „Life Ball“ im Wiener Rathaus abgehalten, der „Rosenball“ etablierte sich, auf dem auch schon mal Grace Jones feierte. Das Flex am Donaukanal eröffnete Mitte der 90er seine Pforten, Rave wurde massentauglich und Kruder & Dorfmeister sorgten mit ihrem „Vienna Sound“ nicht nur in Wien für Lounge–Atmosphäre. „Die Stimmung war sehr ausgelassen, es knisterte so intensiv, wie ich es später kaum mehr erlebte.“

Die Rückkehr der Clubdiskotheken: Gehörten die 1990er den von Location zu Location wandernden Clubbings, so wurde man ab der Jahrtausendwende wieder sesshaft, als Club-Betreiber. Club Meierei, Flex, Babenberger Passage, Pratersauna oder Grelle Forelle hießen die – neben den Evergreens U4 und Volksgarten – neuen Fixsterne am Wiener Partyhimmel, die sich das heimische Ausgehpublikum quasi nach Musikstilen geordnet untereinander aufteilen. Die DJs Tibcurl und Baumeister H brachten ab 2003 Berliner Clubflair nach Wien: das „Icke Micke“ fand anfangs in der Künstlerhauspassage statt, später in wechselnden Locations. Es war damals die hippste Party der Stadt.

Fotos: Conny De Beauclair Archiv, Pedro Kramreiter, Wolfang Schwarz, E. A. Richter, Stephan Doleschal /doleschal.at, Icke Micke Archiv, Acts Group, Babenberger Passage, Susanne Rogenhofer