KULTUR

Nur Frauen legen Eier

Manfred Sax

Dass Osterhasen keine Eier legen, weiß jedes Kind. Aber manchmal will es mehr wissen. Von „wie wird das Ei zum Frosch?“ zu „wie machen es zwei Onkels?“ ist es da oft nur ein Gedankensprung.

Julia Sweeney ist eine amerikanische Schauspielerin. In Pulp Fiction flirtete sie mit Harvey Keitel (siehe HIER). Aber vor allem hat sie als Komödiantin einen Namen. Ihr Sketch über die Sexualerziehung ihrer Tochter ist eines ihrer Glanzlichter.

Eines Tages saß ich mit meiner Tochter Mulan im Thai-Restaurant, und sie erzählte mir, dass sie in der Schule gerade über Frösche lernen.


„Die Frösche legen Eier“, sagte sie, „die Eier verwandeln sich in Kaulquappen und diese in Frösche, richtig?“

„Richtig“, sagte ich, „aber ich glaube, nur die Weibchen legen die Eier.“ –

„Ach, nur die Weibchen? Was machen dann die männlichen Frösche?“ –

„Die befruchten sie.“ –

„Was bedeutet befruchten?“ –

„Na ja, sie geben da so eine Substanz rein, eine Ingredienz zum Kaulquappenmachen, die träufeln sie über die Eier und so weiter.“ –

„Aha“, sagte sie. „Also nur die Weibchen legen die Eier. Ist das bei Menschen auch so?“ –

Ich muss die Szene an dieser Stelle kurz einfrieren. Obwohl ich mich für eine erleuchtete Sex-ist-kein-big-Deal Erzieherin halte, war ich für diesen Moment nicht vorbereitet. Ich hab einige Ratgeber gelesen und alle meinen, wenn dein Kind Fragen über Sex stellt, oder über komplizierte Dinge, beantworte nur die Fragen, die sie stellen und nicht mehr, werde nicht gesprächig, bleibe am Punkt. So gesehen war ich also vorbereitet. Ich würde nicht ihre Hand nehmen, wässrige Augen kriegen und erzählen, auf welch schöne Weise wir Kinder in diese Welt bringen. Das wollte sie auch nicht wissen. Sie wollte wissen, ob Menschenfrauen Eier hatten und die Antwort war klar.

„Ja“, sagte ich, in der folgenden Pause nachdenkend, wie ich am besten das Thema wechsle. Aber ehe ich dazu kam, fragte sie weiter.

„Aber wo lagern Frauen ihre Eier?“ –

Am liebsten hätte ich „in einer Grube“ oder  „in einer Plastikschüssel im Kühlschrank“ gesagt, aber ich sollte doch besser keine Witze machen, kein Knigge meint, ich solle Witze machen. Nur Fakten waren gefragt.

„Nun, seltsamer Weise haben wir uns so weit entwickelt, dass wir unseren eigenen Teich im Körper haben. Dort lagern wir unsere Eier.“ –

„Wo genau?“ –

„In unserem Unterleib. Unter dem Nabel.“ –

„Aber wie werden die Eier befruchtet?“ –

„Durch die Männer“, sagte ich, lächelnd, die Augen tief im grünen Curry, die Gedanken damit beschäftigt, wie ich das Gespräch wieder auf Frösche lenken könnte.

„Ich weiß“, sagte Mulan, „aber wie?“ –

„Na ja“, sagte ich hüstelnd, „die haben diese Substanz, die man Sperma nennt.“

Meine Augen begannen in der Gegend herum zu wandern, wie das meine Mutter machen würde. Zu meinem Horror erkannte ich, dass ich gerade im Begriff stand, mich in meine Mutter zu verwandeln, also fixierte ich Mulan mit einem Blick, der sogar den Teufel entnerven würde.

„Ich weiß, aber wie kommt das Sperma zu den Eiern, Mama?“ –

Ich atmete tief durch und bemühte eine beiläufige Pose. „Ach das, ja. Na, das Sperma kommt aus seinem … Penis und geht in die … Vagina der Frau – und so kommt es zu Babys. Ist dieser grüne Curry nicht köstlich?“ –

Mulan ließ ihre Gabel fallen, in ihrem Gesicht zeichnete sich Ekel ab. „Mama, meinst du die Stelle, die wir auf der Toilette brauchen? Damit machen wir Babys? Mama!“ –

„Ja“, sagte ich mit gedämpfter Stimme, die Augen musterten verschwörerisch die Umgebung ab. „Ich weiß, es ist unheimlich. Es ist unheimlich.“ –

„Abstoßend!“ –

„Ich weiß. Es ist ein wenig wie eine Abfallentsorgungsanlage gleich neben einem Vergnügungspark. Schreckliche Flächenwidmung. Aber das ist Evolution.“ –

„Aber Mama, wie konnte das passieren, Männer und Frauen können doch nie gemeinsam nackt sein?“ –

„Nun“, erklärte ich. „Wenn Menschen älter sind, wenn sie viel, viel, viel älter als ein Kind sind und wenn beide entscheiden, dass sie es in bestimmten Umständen so wollen, dann können sie gemeinsam nackt sein.“ –

„Aber wie wissen sie, wann das ist? Sagt da der Mann, es wäre jetzt Zeit, meine Unterhose auszuziehen?“ –

Wir sahen einander eine Weile in die Augen.

„Ja“, sagte ich. „Genau das.“ –

Zu meiner Erleichterung schien Mulan damit getröstet, und wir widmeten uns mit großem Appetit den Speisen und fuhren nach Hause, und die Straßen und Gehsteige waren voll mit Leuten und Mulan fragte:

„Was wäre … wenn da jetzt zwei Menschen auf einander zugehen und es ganz einfach machen, Mama?“ –

Ich blickte sie via Rückspiegel an, ihre Augenbrauen waren geschürzt, sie betrachtete ein paar Leute, die vor einem Joghurt-Shop standen.

„Das würde nie passieren“, sagte ich.

Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits fest entschlossen, so zu tun, als wär ich ein leidenschaftsloser Anthropologe, der das Paarungsverhalten irgendeiner Spezies diskutiert, die nicht die menschliche ist.

„Was, wenn wir auf einer Party sind und dort sind Männer und Frauen und die machen es plötzlich, kann das je passieren?“ –

„Neeiin, das könnte nie passieren. Weil Menschen sehr privat sind.“ –

„Mama, hast du es je gemacht?“ –

„Ja“, sagte ich wahrheitsgetreu.

„Aber du kannst doch keine Kinder mehr kriegen.“ –

„Das stimmt.“ –

„Also musst du es nie wieder machen!“ –

„Na ja“, sagte ich, „wenn du jemanden wirklich liebst und ein Erwachsener bist, dann möchtest du es eigentlich machen.“ –

Es gab einen Moment der Stille, Mulan blickte aus dem Fenster und schien tief in Gedanken.

„Aber Mama, wie können Menschen das machen, was ist mit den Beinen, ich meine, es schafft ja nicht jeder einen Spagat?“ –

Mulans Gedanken waren jetzt sehr beschäftigt mit Beinen und Sex. Sie konnte sich nicht erklären, wie es körperlich möglich war.

„Mulan, die Leute kriegen das mit den Beinen auf die Reihe, sie kommen zusammen.“ –

„Oh“, sagte Mulan. Sie wurde still und wir erreichten unser Haus. Als wir aus dem Auto stiegen, war da unsere Katze, die vor der Haustür saß und die letzten Sonnenstrahlen genoss. Als sie uns sah, rollte sie sich auf den Rücken.

„Wie machen es die Katzen?“, fragte Mulan.

„Ach, im wesentlichen steckt da die gleiche Idee dahinter“, sagte ich.

Wir betraten das Haus und stießen auf unseren Hund, der alsogleich meine Hände leckte.

„Wie ist das mit Hunden?“ –

„Weißt du, es ist mit allen Säugetieren ziemlich das gleiche.“ –

„Aber was tun die mit ihren Beinen?“ –

„Schau“, sagte ich, des Themas übermüde. „Lass uns auf Wikipedia gehen, vielleicht kannst du es dort sehen.“ –

Wir gingen in mein Büro mit dem großen Computer, tippten „Hunde, Paarung“ ein, und ich empfand Dankbarkeit, dass dies in unserer modernen Zeit möglich war, und selbstverständlich gab es auf YouTube tausende Videos von Hunden, die sich paarten und wir sahen uns das an und Mulan war fasziniert und ihr Gesich verschwand fast im Bildschirm.

„Wie ist das mit Katzen?!“ –

Wir sahen uns ein paar Katzenvideos an. Dann legte sie ihre Hand auf meinen Arm und im Nu dämmerte mir, wie unglaublich dumm ich gewesen war.

„Mama, glaubst du, dass es im Internet auch Videos von Menschen gibt, die es machen?“

Ich konnte es nicht fassen, dass ich da meine eigene Tochter mit der Idee von Internetporno vertraut gemacht hatte. Ich war ein Monster von Mutter!

Ich blickte sie an und sagte: „NEIN! Sowas könnte es nie geben. Weil Menschen so privat sind.“ –

Ich schlug vor, dass wir uns eine Nachspeise genehmigen könnten, was natürlich nichts anderes war als sie zu belehren, dass Essen immer die Antwort war, wenn Sex irgendwie kompliziert wurde.

Später am Abend fragte sie mich noch: „Moment mal, wie ist das mit Roger und John, wie machen die beiden es?“ –

Roger und John waren ein schwules Paar aus unserem Freundeskreis.

„Ich weiß es nicht.“ –

„Mama, ich glaub ich habe eine Idee, wie Roger und John es machen könnten.“ –

„Ach, wirklich?“ –

„Ja, Mama. Weißt du, da unten gibt es noch ein Loch, das man für die Toilette braucht.“

Und hier war also meine 8jährige Tochter beim Erfinden des Konzepts von Analsex.

„Vielleicht“, sagte ich, bemüht gelangweilt.

„Und was ist mit Girls, wie machen es Eileen und Karin?“ –

„Ich. Weiß. Es. Nicht!“ –

„Ruf doch Karin an und frag sie.“ –

„NEIN!“, sagte ich und vergrub mein Gesicht in einer Zeitung.

„Aber Mama, bist du nicht einmal neugierig?“ –

Foto: Vincent Samaco, Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0