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Roger Waters versus Twitter

Franz J. Sauer

Nach 50 Jahren im Rockgeschäft staut sich in Roger Waters noch immer einiges an ehrlicher Wut, die der 75-jährige Ex-Pink-Floyd-Chef in musikalische Energie umwandelt – nicht bloß sein letzter Tonträger „Is This The Life You Really Want?“ zeugt davon. Aber auch via Social Media nimmt sich der streitbare Brite kein Blatt vor den Mund.

Jüngster Anlass für einen schönen Rant via Twitter lieferte dem Künstler die bislang unerklärte Tatsache, dass eben jener Medienkanal, den Waters für seinen Wutausbruch nutzte, die Seite von „UnityforJ“, einer Unterstützer-Plattform für den jüngst festgesetzten Wikileaks-Gründer Julian Assange grundlos löschte. Offensichtlich schön in Rage nahm Waters spontan folgendes Video auf:

Tatsächlich fragt sich die Twitter-Community, was hinter dem plötzlichen, scheinbar grundlosen Verschwinden der Seite steckt, die als größte Plattform der Unterstützer von Julian Assange gilt.


Die Thematik des ausufernden Medienkonsumes und seiner Folgen griff Roger Waters schon bei seinem Soloalbum „Amused to Death“ von 1992 auf, mit den bereits Sichtbaren Erosionen beschäftigt sich sein letztes Werk.

Wie üblich machen nicht nur Instrumente Musik, wenn Roger Waters eine Platte macht. Menschen brabbeln durcheinander, vorzugsweise aus einem Fernsehgerät oder Radioapparat heraus. Jagdflugzeuge krachen irgendwo rein, Raketen werden abgefeuert, Autos rasen durchs Klangbild, Hunde bellen, Kinder schreien. Und manchmal geben auch US-Präsidenten Fernseh-Interviews als Intro eines Titelsongs und schaffen es damit sogar in die Liner-Notes auf Wikipedia. 

Dass einer wie Waters einen wie Trump nicht leiden kann, liegt auf der Hand und ist kein kulturelles Einzelphänomen. Wie einst Mary Whitehouse („Animals“), -Maggie Thatcher, Leopoldo Galtieri, Leonid -Breschnew, Richard Nixon („The Final Cut“) oder auch seiner Ex, seiner Mutter und seinen Lehrern („The Wall“) steigt Waters nun erwartungsgemäß „The Donald“ ins Leben, wenngleich sich „Is This The World We Really Want?“ viel weniger mit dem #Potus beschäftigt, als dies zunächst erwartet wurde. Schließlich gibt es in der aktuellen Welt genug andere Unzulänglichkeiten, gegen die man anschreien muss. Den bislang omnipräsenten Kummer über den unverarbeiteten Tod des Vaters im Zweiten Weltkrieg sowie den Verlust des übergeschnappten Floyd-Kommilitonen Syd Barrett scheint Waters übrigens überwunden zu haben, viel mehr Angriffsfläche bieten anno 2017 der Gap zwischen Reich und Arm, das generelle Unverständnis der Notwendigkeit von Kriegen sowie die allumfassende Dummheit des Wahlvolkes. Bloß der jüngst intonierte Waters’sche Argwohn Israel gegenüber bleibt auf dem Album unerwähnt. Ein Roger Waters ist zwar sehr gerne sehr wütend, aber ganz sicher nicht ganz blöd.

Musikalisch schließt das Album etwa dort an, wo „Animals“ abhob, puncto Brillanz, Groove und Einfallsreichtum lässt es die letzten drei Floyd-Alben (die unter Gilmour ohne Waters entstanden) um Längen zurück. Als Produzent wirkte übrigens Radiohead-Mastermind Nigel Godrich mit, auch das hört man ziemlich deutlich. Nicht zuletzt deshalb, weil die Gitarrenarbeit (anders als auf den anderen Soloalben, auf denen Eric Clapton oder Jeff Beck eben jene erledigten) viel zu kurz kommt.

In Tschechien, Kanada, Polen, Norwegen und der Schweiz stürmte die Platte von null auf Platz 1 der Charts, in Österreich wurde  die 3 erklommen.