KULTUR

Der Rand, der jedes Mal anders fällt

Gregor Josel

Die Wiener Keramikerin Vera Grillmaier dreht mit ihren „Collar Pieces“ Porzellanvasen nach einem einzigen Entwurf, von denen trotzdem keine der anderen gleicht. Ein Porträt aus dem Funkhaus.

Es gibt einen Moment am Drehteller, in dem alles entschieden wird und nichts mehr wiederholbar ist. Die Hände sind nass, das Porzellan dreht sich, und der Rand, der eben noch ein sauberer Kreis war, bekommt mit einem kurzen Falten eine Form, die so nie wieder entsteht. Genau diesen Moment hat Vera Grillmaier zum Programm gemacht.

Eine Serie, in der keiner dem anderen gleicht

Die „Collar Pieces“ von Vera Grillmaier folgen einer präzisen Ästhetik und sind doch jedes für sich ein Unikat. Jede Vase wird von Hand aus Porzellan gedreht, alle nach demselben Entwurf, und keine zwei sind je identisch. Im letzten Schritt des Drehens verwandelt eine Falttechnik den Rand in eine eigene Geste, die den Rhythmus und Charakter des Stücks festhält. Die Form spielt mit weiblichen Silhouetten und floralen Anklängen, sie ist fragil und entschieden zugleich. Variation ist hier kein Betriebsunfall, sondern Absicht. Die Intuition arbeitet mit, als wäre sie ein Werkzeug.

Theorie und Ton

Dass Grillmaier den Zufall so selbstbewusst zulässt, hat mit ihrem Weg zu tun. Sie studierte Kommunikationsmanagement und Kunsttheorie in Wien und Lissabon, dazu Keramik an der Kunstuniversität Linz, und schloss 2025 mit dem Meisterbrief ab. Neben der Keramik arbeitet sie als Kulturmanagerin und Produzentin, was ihrem Blick auf das Handwerk eine zweite Ebene gibt. Bei ihr treffen akademische Grundierung und nasse Hände aufeinander, Theorie und Ton, und genau an dieser Kreuzung steht ihre Arbeit.

Vom Funkhaus aus

2021 gründete Vera Grillmaier die Kulturinitiative Never At Home, die sich mit der temporären Nutzung markanter Gebäude und leerstehender Räume beschäftigt. Inzwischen hat das Projekt mehrere ortsspezifische Programme realisiert und ist im Wiener Funkhaus angekommen. Dort steht auch ihr Atelier, in dem Produktion, Ausstellung und Lehre zusammenfallen. Der Raum ist bewusst als Ort der Begegnung gedacht, an dem Ideen zirkulieren und Kollaborationen wachsen. Das passt zu einer Künstlerin, deren schönste Stücke genau dort entstehen, wo Plan und Augenblick einander in die Quere kommen.


Vera Grillmaier, „Collar Pieces“, handgedrehtes Porzellan | Atelier im Funkhaus Wien | vera-grillmaier.at, Instagram @vera.grillmaier

TEXT: Gregor Josel