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Was bleibt, wenn niemand mehr erzählt?

Die Bundeskunsthalle Bonn zeigt ab 11. Oktober 2026 die Ausstellung „Nie wieder!

Von Redaktion · 21. September 2026 · 3 Min. Lesezeit
Die Bundeskunsthalle Bonn, Architektur von Gustav Peichl

Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen“. Bis 2. Mai 2027 versammelt sie Werke von Christian Boltanski, Gerhard Richter, Käthe Kollwitz und anderen und fragt, wie Erinnerung funktioniert, wenn es bald keine Überlebenden mehr gibt, die erzählen können.

Es gibt einen Satz, den man auf jeder Gedenkstättenfahrt irgendwann hört, meist von einer Lehrerin, manchmal von einem Zeitzeugen selbst: „Hört gut zu, wir sind bald nicht mehr da, um es zu erzählen.“ Wer diesen Satz einmal gehört hat, den lässt er nicht mehr los. Die Bundeskunsthalle Bonn versammelt ab Oktober 2026 genau jene Frage, die danach im Raum steht: Was passiert mit der Erinnerung, wenn die Stimmen verstummen? In wenigen Jahren wird es kaum noch Menschen geben, die den Holocaust selbst erlebt haben. Die Ausstellung „Nie wieder! Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen“ sucht nach Antworten, nicht mit Betroffenheitsprosa, sondern mit Kunst, Forensik und digitalen Zeugnissen.

Zur Medienkonferenz am 9. Oktober 2026 um 11 Uhr lädt das Haus, die Ausstellung selbst öffnet am 10. Oktober, die feierliche Eröffnung folgt am 11. Oktober um 18 Uhr, im Beisein von Staatsminister Wolfram Weimer und Eva Umlauf, Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees. Entstanden ist das Projekt in Kooperation mit der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, kuratiert unter anderem von Henriette Pleiger und Jens-Christian Wagner.

Fünf Kapitel gegen das Vergessen

Die Schau gliedert sich in fünf Kapitel: Wissen (die Notwendigkeit, Fakten zu sichern und weiterzuforschen), Tatorte (die forensische Arbeit an den historischen Verbrechensorten), Denkmäler (wie Mahnmale Opfergruppen sichtbar halten), Gedächtnis (die individuelle, familiäre und kulturelle Erinnerung seit 1933) und Zukunft (digitales Gedenken und der Schutz der Demokratie). In jedem Kapitel wird zugleich gezeigt, mit welchen Methoden des „Vergessen-Machens“ das Erinnern bis heute konfrontiert ist, von Verdrängung bis zu offener Relativierung.

Wer zeigt in Bonn seine Werke?

Zu den gezeigten Künstlern zählen Christian Boltanski, Maria Eichhorn, Harun Farocki, Hans Haacke, Käthe Kollwitz, Henrike Naumann, Marcel Odenbach, Gerhard Richter, Gregor Schneider, Luc Tuymans und Wolf Vostell. Dazu kommen historische Objekte, etwa die Häftlingsjacke eines Auschwitz-Überlebenden aus dem Jüdischen Museum Berlin, ein Haus, mit dem das Thema auch in Wien nicht fremd ist: ein Besuch im Jüdischen Museum zeigt, wie unterschiedlich Erinnerungsarbeit heute aussehen kann, zwischen österreichischer und deutscher Aufarbeitung liegen dabei durchaus eigene Wege. Besonders eindrücklich ist ein interaktives digitales Zeitzeugnis der Holocaust-Überlebenden Eva Umlauf, entwickelt an der Ludwig-Maximilians-Universität München: Besucher können der 85-Jährigen Fragen stellen, die Antworten kommen aus Hunderten vorab aufgezeichneten Videosequenzen.

Was Besucher wissen müssen

Ausstellung: „Nie wieder! Gegen das Vergessen der NS-Verbrechen“
Ort: Bundeskunsthalle Bonn, Helmut-Kohl-Allee 4, 53113 Bonn
Laufzeit: 11. Oktober 2026 bis 2. Mai 2027
Öffnungszeiten: Di 10–18 Uhr, Mi 10–21 Uhr, Do–So 10–18 Uhr, Montag geschlossen
Eintritt: Tagesticket für alle Ausstellungen 14 Euro, ermäßigt 7 Euro, Happy-Hour-Ticket (letzte Stunde vor Schließung) 7 Euro
Web: bundeskunsthalle.de

Wer aus Österreich anreist, hat einen weiten Weg vor sich, mit dem Zug über Frankfurt oder Köln sind es von Wien gut acht Stunden. Vielleicht ist gerade das kein schlechtes Argument: Erinnerungsarbeit lässt sich nicht im Vorbeigehen erledigen, das war schon auf jeder Gedenkstättenfahrt so, und es wird, wenn die letzten Zeitzeugen gegangen sind, umso mehr davon abhängen, wer bereit ist, den Umweg noch zu machen.