Wien, du verlorenes Riesendorf
Das war nie mein Plan, aber offenbar ist mir diese Rolle bestimmt. Ich werde als Baba Wanga einer untergehenden Kultur in die Geschichte der Stadt eingehen. Ich habe den Niedergang begleitet als Kolumnist und Zeitzeuge.

Und wenn Sie eifrig dabei waren und meine Texte gelesen haben, bleiben Ihnen wenigstens die unangenehmen Überraschungen erspart. Wobei, da muss ich ein wenig präziser formulieren. Das Unangenehme bleibt Ihnen natürlich nicht erspart, es überrascht Sie nur weniger, weil Sie über Jahre meine Kolumnen im WIENER lesen durften.
von Götz Schrage (erschienen im WIENER 3/2026)
Betrachten Sie die aktuelle Kolumne als Plagiat meiner eigenen Texte. Alles was wichtig und gescheit war, wird neu geschüttelt und formuliert, und hinterher wissen Sie, warum es so weit gekommen ist. Quasi der Beginn der Tragödie. Als ich jung war, war Wien auf dem Weg zur Weltstadt. Jetzt ist Wien eine Kleinstadt, oder schlimmer noch eine Kurstadt. Damals hatten wir noch Werte und Ideale. Wien muss Gotham City werden. Anonymes Nebeneinanderleben, wenig frische Luft und viel Rechte für die Autofahrer. Unglaublich, was eine Kohorte Grüne und die partielle Vergrünung der Roten in wenigen Jahrzehnten für einen unermesslichen Schaden anrichten konnten.
Der Saft, der alles trübte
Aber generell, was ist da so entschieden schiefgelaufen? Will da jetzt keine Mythen streuen und es bleibt, wie so oft, die Frage zu klären: Koinzidenz oder Korrelation? Jedenfalls begann die Verblödung der Welt mit dem Aufkommen des naturtrüben Apfelsafts. Generationen von Saftmachern hatten an Filtern und Geräten gearbeitet, um ein wunderbar klares Getränk zu schaffen, und dann kamen ein paar halbgewaschene Hippie-Frauen mit langen Wollröcken aus ihren Bioläden mit diesem safttechnischen Rückschritt daher. Der naturtrübe Apfelsaft geht zeitgleich mit der Eintrübung des urbanen Verstandes einher. Zufall? Ich denke nicht.
Jedenfalls begann die Verblödung der Welt mit dem Aufkommen des naturtrüben Apfelsafts.Begegnung unerwünscht
Die städtebauliche Entsprechung zum naturtrüben Apfelsaft wäre die Begegnungszone. Eine Million Jahre haben die Städteplaner gebraucht, um Fußgängern, Radfahrern und Autos ihre jeweiligen Bereiche zuzuweisen. Alles hat ganz wunderbar funktioniert, und in einer unendlich destruktiven Art und Weise hat man das alles bewusst zerstört, und diese urbane Zerstörung trägt den hochtrabenden Namen „Begegnungszone“. Eine wenig durchdachte Rückentwicklung, bei der man dem ohnedies so privilegierten Stand der Fußgänger noch mehr Macht gibt.
Das Grätzel als Hölle
Die Mutter allen Übels allerdings ist das Konzept der Grätzel-Kultur. Ein Euphemismus für Hölle. Man lebt doch in den Städten, weil man die Anonymität liebt. Man will alleine sein in einer großen Gruppe von anderen Menschen, die auch alleine sein wollen. Ein wunderbares Konzept. Sitzen will man daheim, im Park oder im Kaffeehaus, aber sicher nicht überall auf hässlichen Betonbänken. Bäume mag man sehr wohl, solange sie im Wald wohnen, wo sie auch hingehören. Der aufwendig in den Boden versenkte Baum samt eigenem Bewässerungssystem ist die Dekadenz des Städtebaus. Die quadratischen Betonblöcke, in denen man hässliche Blumen vom Diskonter pflanzt, repräsentieren einen ästhetischen Abgrund. Tiefer geht es nicht mehr.
Die Verdorfung der Stadt führt direkt in ein neues Biedermeier. Geistiges Kleinbürgertum ohne Horizont. Abgesehen davon ärgert mich diese präpotente Selbstermächtigung. Es waren Großstadtmenschen wie Kreisky, die die Landregionen erst mühsam alphabetisiert haben. Wir haben Schulbücher in die Provinz geschickt, und Lehrer. Haben die Universitäten geöffnet. Jeder sollte seine Chance bekommen. Wir haben sogar absurde Lehranstalten wie die Universität für Bodenkultur erfunden, um Respekt für das Rurale zu heucheln. Mit der Undankbarkeit dieser Menschen hatten wir allerdings nicht gerechnet. Der Zuzug nach Wien war ihnen gestattet und einige von ihnen haben respektable Karrieren gemacht. Leider auch in der Wiener Lokalpolitik, und dann wird es schnell problematisch. Menschen, die mit der Raiffeisen-Ästhetik der Dorfverschönerungsvereine sozialisiert wurden, werden die Gegenwartskultur einer Stadt niemals begreifen. Sie kommen also aus dem Mief der Provinz und wollen genau diesen Mief dann hier institutionalisieren. Gut, dass das der Bruno nicht mehr erleben musste, und bei Hainburg und Zwentendorf hatte er natürlich recht. Das muss auch mal gesagt werden.
Die U1 und der Untergang
Zuletzt noch ein paar Worte zum städtebaulichen Jahrhundertirrtum U-Bahn-Bau. Vielleicht war ja auch das der eigentliche Anfang vom Ende. Die Innere Stadt und die angrenzenden Bezirke waren über lange Zeit das Herz der urbanen Ästhetik. Zugegeben, Menschen etwa aus den Bezirken jenseits der Donau gaben uns Größe und waren somit wichtiger Bestandteil der Millionenstadt Wien. Aber ebenso wichtig war, dass sie dort bleiben sollten, wo sie hingehörten, und ihr Platz war eben jenseits der Donau. Die U1 hat Gottes Plan für immer zerstört. Das transdanubische Gefahrenpotenzial wurde von den Städteplanern sträflich unterschätzt. Den Invasoren die Chance zu geben, in elf Minuten das Herz der Stadt zu stürmen, einfach so und ohne Grund, hat uns provinzialisiert und entsprechend geschwächt. Damit waren wir den wirklichen Landmenschen und Hippies quasi hilflos ausgeliefert. Das Ergebnis: Wien wird zum kleinbürgerlichen Riesendorf. Eine Art Disneyland im Mozart-Style mit Sprühduschen und Ritzenbegrünung. Wir stemmen uns gegen den Klimawandel, dabei ist der Klimawandel die Strafe von oben und wir haben sie verdient. Wien ist verloren. In den Begegnungszonen begegnen wir der schlechtesten Version unserer selbst. Es ist alles so furchtbar!


