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Opernball also
Nunu Kaller war am Opernball. Wie und ob das überhaupt irgendwie zusammenpasst, lesen Sie hier.
Der erste Wiener Opernball fand 1935 statt, ab 1956 wurde er dann zum jährlichen Großereignis, das sehr schnell zum Wiener Kulturgut gehörte wie Punschkrapferl, Neujahrskonzert und die Unfreundlichkeit der Kellner in den Wiener Kaffeehäusern. Nur drei Mal wurde er seither abgesagt – 1991 (offiziell aufgrund des Golfkrieges, man wollte der internationalen Krisensituation Rechnung tragen), und 2021 und 2022 aufgrund der Coronapandemie. In den restlichen Jahren war und ist es ein Treffpunkt der Politik, der Wirtschaft und natürlich der Hautevolee.
Aber: Seit 1968 gab es dann auch die Demonstrationen gegen den Opernball und den Tanz der Eliten. Auch ich war vor über 20 Jahren bei einer solchen Demo – damals war Schwarz-Blau in der Regierung und draußen krachte es, die Polizei setzte Schlagstöcke ein. Weder diese Eskalation noch die damalige Regierung sind eine schöne Erinnerung.
In den vergangenen Jahren wurde der Opernball für mich persönlich weniger ein Event, gegen das man sich dringend aufzulehnen hat, sondern eines, das man gemeinsam mit FreundInnen zuhause am Sofa in der gemütlichsten Panier, die definitiv nicht opernballtauglich ist, und mitm Spritzer in der Hand süffisant kommentiert. Die Reichen ausstellen, lautstark feststellen, dass man Geschmack nicht kaufen kann, über den Lugner lachen, sich ein bissl gruseln, wie die Reichen und Schönen mit dem Geld um sich werfen und ohne Wimpernzucken 16 Euro für ein ordinäres Paar Würschtl ausgeben, und insgeheim dann doch ein bissl neidig sein, dass man selbst nicht so viel Budget hat, um diesem Hedonismus zu frönen. Das darf aber natürlich nie jemand wissen, wo kommen wir hin, igitt, Opernball, die Schickeria brauchen wir nicht!
Aber dann stand ich plötzlich selbst am Opernball – in einem wunderschönen Kleid der Wiener Konfektion, maßgeschneidert und mit der wahrscheinlich schönsten Hochsteckfrisur, die meine Haare jemals gesehen hatten.

Mit ein bisschen angetrunkenem Mut – ich und Opernball? Das ist schräg! – kam ich an und rannte umgehend in die ersten Promis. Nina Proll zog neben mir die Schuhe aus, worauf ich mit einem doch etwas überraschten „Jetzt schon?!“ reagierte – sie lachte. Nina Blum umarmte mich, wir trugen die gleiche Designerin. Sebastian Kurz kam mit Elisabeth Köstinger, die in voller Ballmontur Assoziationen mit Cruella de Vil in mir auslöste. Die Muchas kamen daher, ihr Collier war das, was ich vom Sofa aus so gerne spitz kommentiere: Es war sehr teuer, und es war sehr geschmacklos. Laufstegtrainer Bruce Darnell, der sich in der zweiten Staffel von Americas Next Topmodel mit dem Zitat „Die Handetasche[MOU1] muss lebendig sein!“ unsterblich machte, schwebte die Festtreppe hinauf. Alles Menschen, denen ich im echten Leben nicht begegne oder begegnen möchte. Ich fühlte mich trotz aller Eleganz wie ein Fremdkörper.
Die ersten Momente am Ball: Gnadenlose Reizüberflutung. Alles war so schön bunt hier, der unfassbar herrliche Blumenschmuck stellte alles in den Schatten, die Kleider waren eines spannender als das andere, alles war voll, ein Gedränge, ein Geküsse. Ich begab mich in Beobachterinnenposition – vor allem die Kleider interessierten mich. Der Punkt ging voll an den Ball: Es waren atemberaubend schöne Roben dabei, ich kam aus der Bewunderung kaum raus. Und obwohl ich mich in meinem eigenen Kleid wahnsinnig schön fühlte, wollte es einfach nicht vergehen, dieses Gefühl von „Heast, ich gehöre vor den Fernseher, nicht direkt auf den Ball.“
Als es Richtung Eröffnung ging, ergatterte ich einen Platz im Saal – das Parkett vor mir konnte ich nicht wirklich sehen, es war engstes Gedränge, aber dafür ein wunderbarer Blick auf die Logen. Und da waren sie alle. Mikl Leitner, Faymann, Ludwig und Kurz konnte ich mit meinen schlecht eingestellten Kontaktlinsen erkennen (wo war der Operngucker, wenn man ihn braucht), darüber hinaus stand da ein Meer an Orden und Schärpen an einigen Männern in den Logen. Und Mausi war auch da – im Jahr eins nach Lugner. Den hätte ich dann doch gern noch live erlebt. Zwecks Lachen.
Neben mir standen zwei Paare in ihren Dreißigern, beide kamen aus Deutschland, die einen aus dem Norden, die anderen gaben sich durch recht markantes Bayrisch zu erkennen. Sie tauschten sich aus, wann sie angereist waren und lachten Herausforderungen bei der Kleiderwahl weg, die Bayerin erzählte stolz von den Sissi-Sternen in ihren Haaren, von Amazon, aber schau, die schauen fast echt aus! Dann war es soweit: Das Orchester betrat auf der einen Seite des Saales die Bühne, Präsident Van der Bellen, Gradnoch-Vizekanzler Kogler und Gradnoch-Justizministerin Zadic betraten jeweils mit Begleitung die Ehrenloge am anderen Ende des Saales. Ein Raunen ging durch die Menschenmenge, in der ich stand.
Und dann beobachtete ich etwas, was mich den ganzen restlichen Abend nicht mehr losließ: Die Hälfte der um mich Stehenden, vielen davon hatte ich zuvor angehört, dass sie aus Wien kamen, schauten mehr oder weniger ehrfürchtig rauf zur politischen Ehrenloge, der anderen Hälfte – unter ihnen auch die beiden Paare aus Deutschland – waren der Präsident und seine BegleiterInnen komplett egal, sie schauten ehrfürchtig in die entgegengesetzte Richtung zum Orchester.

Als die Musik kurz pausierte, fragte der Hamburger die Bayerin: „Euer erster Opernball?“ Und ich hörte sie antworten: „Ja. Immer schon hab ich mir das gewünscht, EINMAL am Opernball tanzen.“ Da war wirklich viel Glück in ihrer Stimme – und mir räumte es mit diesem einen Satz den gesamten Zynismus, den ich in den vergangenen Jahren in Bezug auf den Opernball immer wieder mal empfunden hatte, runter.
Ja, auf dem Ball stoßen die Prominenz und die Politik miteinander an. Hier trifft man auf Opulenz, Hedonismus und zur Schau gestellten Reichtum. Hier werden in den Logen Deals gemacht.
Aber hier gibt es auch sehr viele Menschen, die auf diesen Ball gehen, weil es ihr größter Traum ist. Das sind keine reichen Leute. Sie sparen auf die Tickets und verzichten für den Besuch der Oper in Wien auf eine Urlaubswoche oder ein repariertes Auto. Die nicht über Modelmaße und eine eigene Visagistin verfügen, sondern sich selbst rausputzen, um sich eben einmal im Leben wie Kaiserin Sissi zu fühlen.
Diese Menschen sieht man in den bekannten Opernballübertragungen im TV aber nicht. Sie werden fast nie interviewt, und wenn, dann lächelt man milde über sie, moi lieb. Mir wurde aber dort, im Saal unten, mit Blick auf glückliche Gäste unten und hohe Politik oben, sonnenklar: Wir alle haben andere Herzenssträume. Die einen träumen vom Paragliden in den Anden, die nächsten – ich – vom Haus am Meer, und diese Menschen hier im Saal, die träumten genau davon: Einmal im Leben am Opernball zu sein. Und ihnen vergönne ich genau diesen erfüllten Traum von ganzem Herzen. Komplett und ohne Zynismus.
Als ich in den weiteren Stunden durch die Gänge schlenderte, ganz oben in den obersten Rängen saß und auf die Tanzenden runtersah, bemerkte ich ihn immer mehr, diesen Unterschied zwischen Politik, Prominenz und Traumerfüllern. In der Disco bewunderte ich zu späterer Stunde ein älteres Paar – beide wohl etwa in ihren späten Sechzigern – das zu Evergreens wie YMCA schwungvoll klassisch tanzte. Da ging mir das Herz dann endgültig auf. Man kann den Ball politisch aufladen und ihn dafür verurteilen. Den Ruf, dass der Opernball angesichts der geopolitischen Situation der vergangenen Jahre an den Tanz auf der Titanic erinnert, wird er weiterhin haben, und das nicht ganz unberechtigt. Man kann ihn aber auch einfach als schönes Fest in unfassbar schöner Kulisse genießen und den Menschen ihren erfüllten Traum gönnen.
Das ordinäre Paar Würschtl um 16 Euro hab ich mir dann übrigens auch geleistet. Einmal im Leben und so.
Und hier geht es zu den großartigen BIldern, die Götz Schrage 2023 vorm Ball gemacht hat.








































