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Niklaas Heidi Pinnocchio Perrine

Kindersendungen der Achtziger: Der Horror nach Am Dam Des

Franz J. Sauer

Was uns Kindern der Siebziger und Achtziger als TV-Progamm vorgesetzt wurde, ist an Trostlosigkeit kaum zu übertreffen. Kein Wunder, dass wir alle solche Poscher haben.

Text: Franz J. Sauer / Illustrationen: Bernd Püribauer

Heidis Eltern sind gestorben, die Tante geht ins Ausland. Der Großvater mag sie eigentlich nicht, ihre einzige Freundin sitzt im Rollstuhl. Und dann gibt’s da noch Fräulein Rottenmeier. Wenigstens stirbt nicht fast jede Folge wer, so wie bei Perrine.  Deren Vater starb in Bosnien, auf der Reise nach Frankreich zum reichen Großvater, inzwischen völlig verarmt, alle Bezugspersonen bis auf den nervigen Köter gehen verloren und als man endlich am Ziel ist, erblindet der Großvater, dem man sich aber eh nicht zu erkennen geben kann, weil er ja schon vorab mitteilen hat lassen, dass er auf sie und ihre halbindische Mutter (weil Ausländerin) nix neugierig ist.

Heidi und Freunde

Heidi und ihre zweifelhaften Freunde Alm-Öhi, Peter, die arme Klara, sowie ein Zicklein.


Einer der Lichtblicke jener TV-Jahre zwischen 17h und 18h war da ja noch die Story von Pinocchio mit der spitzigen Nase, deren gelegentliches Langwerden bisweilen mit persönlichen Ersterlebnissen jener Tage korrelierte (oder war ich der Einzige, der damals Sex mit Lügen und irgendetwas Verbotenem, G’fernztem gleichstellte?). Aus der Ferne der Einsicht betrachtet war aber auch Pinocchio eine bedenkliche Sache: Fällt Tag um Tag auf den räudigen Fuchs und den dicken Straßenkater mit ihren mürben Investmentbanker-Tricks herein (trotzdem kann ich bis heute eine gewisse Sympathie für die beiden Kerle nicht verhehlen) und seine einzige Freundin ist eine unfassbar nervige kleine Klugscheißerin, die man schon in Folge 3 von 52 auf den Mond hätte schießen sollen. Fehlt nur noch der kleine Junge aus Flandern namens Niklaas, der, wie es scheint,  überhaupt nur dafür von – selbstverständlich auch längst verschiedenen – Eltern in die Welt gesetzt wurde, damit Letztere ihre Dauer-Diarrhö mit Verve und Wonne auf seinem Kopf abladen kann. Kurzfassung der Ereignisse: Armut, Tod, Obdachlosigkeit, Verfolgung, Liebeskummer, Kälte, Selbstmord nebst Abschiedsbrief, obwohl sich gerade alles zum Guten gewendet hätte, was Niklaas und sein Hundi aber freilich nicht mehr erleben dürfen. Schnief.

Baron kleiner Hund

Perrine nimmt in der Interpretation von Bernd Püribauer zweifellos ganz arge Sachen. Ebenso wie ihr nervender Köter Baron

Kindersendungen heute: Sponge-Bob & Co.

Ehrlich, ich genieße es außerordentlich, heutzutage mit meiner neunjährigen Tochter durch ihr Kinderprogramm – die Auswahl ist bei rund 1.000 verschiedenen TV-Sendern nebst Netflix etwas üppiger als mit FS1 und FS2 dereinst –zu surfen. Da gibt es Sendungen wie Sponge-Bob, Zig & Sharko, Cosmo & Wanda, Phineas und Ferb und selbstverständlich all die legendären Cartoon-Network-Blockbuster wie Johnny Bravo, Cow and Chicken oder Dexter’s Lab. Allesamt hervorragend gezeichnet (gut, da hat sich punkto Animation einiges getan seit den Siebzigern) und inhaltlich so gestaltet, dass sie den Kids richtig Spaß machen, aber auch Gags für Erwachsene subtil mitführen, auf dass den zum Kino-Sonntag verdammten Eltern nicht fad wird. Grundaussage, quer durch die Bank: Fantasie, Blödeln, Unverwundbarkeit und eine mächtige Portion schwarzer Humor, auf dass die Kleinen schon von Anfang an richtig Schmäh führen lernen. Auf den Punkt gebracht nennt sich so was: Unterhaltung. Ohne versteckte Botschaft, mahnende Message oder sonst irgendwelche Psychotricks, die uns in der vermeintlich wohligen Umgebung unserer Post-Wirtschaftswunder-Kreisky-Aufbruchsstimmungs-Familien suggerieren sollten, wie gut wir es eigentlich haben und wie schlecht es uns auch bald wieder gehen könnte, wenn wir nicht brav sind und in der Schule fleißig lernen. Ganz abgesehen davon, dass Sendungen wie Perrine, Pinocchio, Niklaas aus Flandern oder Heidi nach heute gesetzten Maßstäben an möglichen Bedenklichkeiten eigentlich ein „Ab 18“-Stempel aufgedrückt gehörte.

Nach heutigen Maßstäben gehört Kindersendungen wie Pinocchio oder Perrine eigentlich ein „Ab 18“-Stempel.

Ein alter Öhi auf der Alm, alleine mit einem kleinen Mädchen? Ein fesches, etwas älteres Mädchen, alleine mit einem Zirkuswagen unterwegs, ohne Ersparnisse oder sonstige Einnahmequellen? Eine kleine Holzpuppe, die sogar von einem Vierjährigen schnell als fester Trottel erkannt wird, weshalb die Sympathien der Zuschauer bald den Straßenganoven mit ihren üblen Taschenspielertricks zufliegen? Und überhaupt: Warum stirbt Perrines Vater ausgerechnet in Bosnien? Warum mag ihr Opa keine Ausländerinnen? Wieso ist das Fräulein Rottenmeier trotz fortgeschrittenen Alters noch ein Fräulein? Warum schenkt Niklaas seiner Freundin Aneka mitten in der Nacht eine eindeutig weibliche, aber nackte Puppe?

Pinocchio und die beiden fiesen Investmentbanker Räudiger Fuchs und Straßenkater.

Kindersendungen: Die Spätfolgen

Gut, man soll nicht unken. Klarerweise gab es auch damals Lustiges zu sehen. Die Biene Maja etwa, im Dauerclinch, aber doch letztlich in Liebe mit dem faulen Willi. Den kleinen Drachen Grisu, der alles anzündet, weil er seinen Feuer-Muru nicht im Griff hat. Den wackeren Wickie, der seinem Papa bis zum Knöchel geht. Pezi und den furchterregenden Fips, den Prolo-Kasperl vom Habakuk mit dem Tintifax in der Kiiiste. Die Maus am Mars, die zwar auch ewig traurig, weil einsam um ihren Planeten kurvt, dabei aber dauernd Zuckerstangen frisst, die gleich groß sind wie sie, und laufend fantastische Abenteuer erlebt, was einem die spätere Einnahme von LSD zumindest nahelegt. Und, last but not least: die Barbapapas. Die kein Geld brauchen, weil sie sich in alles verwandeln können und gelegentlich auch so etwas wie Rache thematisieren, den Feinden des Hauses also schon mal ordentlich eins auf den Pelz brennen.

Sponge-Bob und Co bringen gute Unterhaltung und lehren die Kleinen schon früh, richtig Schmäh zu führen. Gut so.

Außerdem konnte man auch aus Perrine und Co ein paar wertvolle Lehren fürs spätere Leben ziehen. Etwa, dass man sich irgendwann entscheiden muss, ob man lieber Niklaas oder doch Hanse, Pinocchio oder doch Fuchs und Kater, Öhi oder doch Tante Dete sein möchte. Dass Bosnien zum Sterben schön ist.  Und dass man schnell das Weite suchen sollte, wenn die eigene Freundin anfängt, charakterliche Ähnlichkeiten mit Ente Gina aufzuweisen.

Der vom Pech verfolgte Niklaas und sein treuer, aber kranker Hund Patrasch. (©Püribauer)