Magical Mystery: Sven Regener im Gespräch

„Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ heißt der neue Roman von Sven Regener, in dem der Autor und Musiker an die Geschichte von Karl Schmidt (bekannt aus seinem Debütroman „Herr Lehmann“) anknüpft.

Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt

Den fahrenden Wanderzirkus aus Musikern und Artisten auf der Suche nach magischen Erlebnissen: den gab es natürlich auch schon vor den Beatles und ihrer „Magical Mystery Tour“ 1967, genau so wie es ihn auch danach gegeben hat, zum Beispiel neun Jahre später, als Dylan mit der Rolling Thunder Revue und einer ganzen Entourage an Musikern, Dichtern (u.a. Allen Ginsberg und Anne Waldman) und sonstigen Artisten und Taschenspielern durch die Landstriche zog. In der Popkultur geht das wohl am ehesten auf die Beats und Post-Beatniks, die „Merry Pranksters“ zurück, jener von Ken Kesey angeführten Truppe, die kulturell von der Beat in die Hippie-Generation führte, an deren Lenkrad oft Lebemann und Beat-Literatenmuse Neal Cassady (als „Dean Moriarty“ in Jack Kerouacs „On The Road“ verewigt) saß.

Auch Karl Schmidt sitzt am Steuer eines ähnlichen Karavans, nicht auf der Suche nach den hedonistischen kicks and thrills wie seine genannten Vorgänger, sondern vielmehr nach der Rückkehr in ein selbstbestimmtes und unbertreutes Leben. Karl Schmidt, wir erinnern uns: das war in Sven Regeners Debütroman der beste Freund von Frank Lehmann, Kneipier und Künstler, der am Tag des Mauerfalls aufgrund eines drogeninduzierten depressiven Schubs in die Psychiatrie eingeliefert wurde.

Genau hier knüpft Sven Regener in seinem neuen Roman „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ an. Es ist mittlerweile Mitte der 1990er Jahre, Karl Schmidt wohnt Jahre nach seinem Zusammenbruch in einer betreuten Wohngemeinschaft in Hamburg-Altona, „Clean Cut 2“, hilft aus Hausmeister in einem Kinderkurheim aus und lebt recht phlegmatisch und seit kurzem sogar medikamentfrei dahin. Käme da nicht plötzlich die Frage von alten Berliner Kumpels, allesamt erfolgreich in der Technoszene, ob Karl nicht mit ihnen als Art nüchternes Mädchen für alles auf Tour gehen will, auf eine Art „Magical Mystery Tour“, eine Gemeinschaft auf der Suche nach Magie und der Versöhnung mit dem Hippietum – zugleich Verlockung, Konfrontationstherapie und vermeintlicher Start in ein neues, eigenbestimmtes Leben für Karl.


Ein weiterer Volltreffer, der Sven Regener da geglückt ist. Markus Brandstetter hatte das Vergnügen, den Autor und Musiker zum Gespräch zu treffen.

Was empfindest du als anstrengender, Promotouren für Bücher oder jene für neue Alben? Gibt es für dich da Unterschiede? 

Sven Regener: Bei Büchern muss man viel mehr erklären, weil es mehr Themen gibt, über die man sprechen kann. Über Musik an sich muss man nicht soviel reden, da redet man eher über das Drumherum. „Wie ist das, glaubt ihr, ihr bekommt mit der neuen Platte wieder eine Goldene“, oder „Wie ist das so nach zwanzig Jahren Band, hat man da überhaupt noch Bock?“. Das ist ganz einfach, beim Buch ist es anders, eben weil man über Literatur inhaltlich eben sehr viel reden kann – was auch die Gefahr in sich birgt, dass man die Dinge übererklärt oder auf eine Weise auch entmystifiziert, die auch problematisch sein kann. Oft ist es auch so, dass man Dinge, die man für missverständlich hält, aufklären will, was auch ein Fehler wäre. Es ist ja gar nichts dagegen zu sagen, dass jemand ein Buch ganz anders versteht als man selbst. Man muss aufpassen, dass man den Leuten nicht dauernd etwas ausredet, was ihnen vielleicht Freude macht. Wenn beispielsweise jemand glaubt, das hier ist ein Buch über die Neunziger Jahre und Techno, dann ist das überhaupt nicht meine Meinung. Ich hatte nie diese Absicht, und ich finde auch nicht, dass man einen Roman schreiben kann, in dem Techno die Hauptfigur ist. Weil das ja auch ein abstrakter Begriff ist und kein handelndes Subjekt sein kann. Romane haben aber für mich eben mit handelnden Subjekten, mit Menschen zu tun, das ist für mich ganz wichtig. Deshalb wäre ich versucht zu sagen „Nein, das ist nicht so“, aber das wäre so negativ. Warum soll ich das auch jemandem ausreden, dass das ein Buch über die Neunziger sei? Ich sehe es nicht so, aber man kann das auch so sehen, wenn das für einen das Wichtigste am Buch ist. So wird man leicht zum einschränkenden und relativierenden Freak, und man bekommt einen leicht so einen prosaischen Einschlag. Man ist versucht, die Sache zu entzaubern, was man gar nicht möchte.

Es wird ja auch immer erwartet, dass der Autor ganze Charakterstudien mit dem Journalisten mitelaborieren muss.

Ja, aber das mache ich nicht mehr. Das Glück ist, dass ich ein gutes Gedächtnis habe, und solche Sachen nur anhand Textstellen belegen kann. „Wieso“, sage ich dann, „das wissen wir ja nicht. Alles was wir wissen das an dem und dem Punkt dieser und jener Mensch etwas bestimmtes sagt. Das kann darauf hindeuten, dass es so ist, wie du das meinst, das kann aber auch ganz anders sein“. Dann wird es wieder lustig, finde ich, weil man dann so eine Mischung aus Spitzfindigkeit aber auch Freude am Werk zur Schau tragen kann. Man freut sich, dass man einen vor diese Unbestimmtheit, die Lücken in der Geschichte stellen und darauf hinweisen kann. Zu sagen, „das wissen wir nicht, das weiß nicht einmal ich. Alles was ich weiß, ist, was ich über Karl Schmidt geschrieben habe“. Und wenn ich mehr weiß, als ich geschrieben habe, werde ich es dir nicht sagen – würde ich wollen, dass du es weißt, hätte ich es nämlich geschrieben.

Dass du an die Geschichte von Karl angeknüpft hast, empfand ich beinahe wie ein Wiedersehen mit einem alten Bekannten.

Geht mir auch so, das ist auch, was ich daran mag. Natürlich kann man sich denken, was das soll, dass da schon wieder die selben Figuren vorkommen“, aber wenn man eine gute Figur gefunden hat: wieso soll man ihn zwangsläufig zu einer anderen Figur machen, zwanghaft neue Namen und Hintergründe ausdenken, wenn es zu dieser Figur doch so gut passt. Ich glaube, man kann tausend Romane über einen einzigen Menschen schreiben, und keiner dieser Romane muss überflüssig sein. Ich denke, dass ich mit Frank Lehmann relativ durch bin, was das betrifft – hier war aber diese Idee möglich, dass er von diesen anderen Freaks von früher – die wir noch gar nicht kannten – wieder entdeckt wird. Ich hätte keine Lust das mit den selben Leuten von früher zu machen, meine Idee war eben, dass wir diese anderen Leute von früher treffen. Von denen wir bloß wissen, dass es sie gegeben haben muss, er war schließlich in diesen Clubs. Acid House Clubs und dergleichen, eben Clubs in den Achtzigern. Ich denke mir auch gerne neue Figuren aus. Du hast Karl Schmidt, aber auch Ferdi, Raimund Schulte, Rosa, die anderen Musiker… es sind eine Menge Leute, die man neu erschafft. Sonst hätte ich mich auch gelangweilt.

(c) Hombauer Matthias (c) Hombauer Matthias

Das ist jetzt natürlich vielleicht nur mein subjektives Empfinden, aber Karl Schmidt war ja schon bei „Herr Lehmann“ irgendwie der heimliche Sympathieträger, eine viel emphatischere, gutherzigere Figur als Frank Lehmann.

Unglaublich, oder? Dass er ja auch eigentlich das freiere Alter Ego von Frank Lehmann ist, er ist ja auch deswegen sein bester Freund. Er ist stärker, größer und sehr direkt – man hat auch nie das Gefühl, dass Karl Hintergedanken hat, er kommt immer geradewegs nach vorne. „Du: weg, Dich find ich geil“, jemand der so durchs Leben gehen kann. Das ist ja auch das Erschütternde, dass er am Ende von „Herr Lehmann“ in die Klapse muss. Dass so jemand natürlich auch eine andere Seite in seiner Seele hat, die möglicherweise sogar zerbricht, und wir merken das gar nicht, weil die äußere Erscheinung so stark ist. Leander Haußmann und ich haben in Berlin eine Theaterversion von „Der Kleine Bruder“ gemacht, weil es sich mit den Filmverhandlungen so hingezogen hat und wir meinten „Bevor wir jetzt immer nur abstrakt reden, machen wir doch Theater“, das war eine sehr gute Idee von Leander. Wir hatten Schauspielschüler der Ernst Busch Schauspielschule, und es stellte sich heraus, dass der Typ, der die Rolle des Karl Schmidt bekam, das große Los gezogen hatte. Klar, das sind Schauspielschüler, die wollen alle möglichst viel spielen. Er hatte am meisten Bühnenpräsenz, die tollsten Dialogteile, die meiste Action. Einfach der coolste Typ, das war sehr erstaunlich.

Der Post-Therapie Karl Schmidt ist in gewisser Hinsicht zwar ein bisschen phlegmatisch, hat sich aber erstaunlich gut im Griff und versprüht sogar Optimismus.

Ich glaube, dieses Buch ist eine ganz komische Wiese – das ist mir erst später aufgefallen – auch so etwas wie ein Plädoyer zu verstehen, dass dieser ganze soziale Komplex – sein Betreuer Werner, diese therapeutische WG, auch die Irrenhäuser – dass die alle nicht nur Dödel sind und dass das alles schon Sinn ergibt. Dass er an diesem Punkt schon ziemlich gut wiederhergestellt ist, und dass man das erst dann merkt, als er irgendwann auch mal aufhört, immer über diese Leute zu meckern und en passé auch mal zugibt: „Eigentlich haben mich diese Leute auch irgendwie gerettet“. Vorher war er immer so auf „Klaus-Dieter ist scheiße, Astrid ist Scheiße, Henning, der vom Baum des Alkoholismus geschüttelte runzlige Apfel“, später gibt er durchaus zu, dass sie ihn auch gerettet haben, sogar Dr. Selge und wie sie alle heißen. Das ist für ihn, glaube ich, ein großer Moment. Das ist auch der Grund, warum er zu Beginn des Romans überhaupt solche Sperenzchen machen kann, auf so ein Abenteuer gehen kann. Warum er überhaupt eine Chance hat, die ja gar nicht einmal so groß ist, dieses Ding heil zu überstehen. Im Grunde ist das, was er macht, ja auch sehr gefährlich.

Auf Seite 2 geht es weiter…

(c) Hombauer Matthias (c) Hombauer Matthias