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Haarige Sache: Die Soziologie des Bartes

Alex Pisecker
Auch Hipster-Bart-Tragen will gelernt sein. Männerpflege bewegt sich aus der Nische und wird auch für Nonkonformisten zum Thema – mit überraschendem Ergebnis.

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache; seit 2006 wuchs der Markt für Männerpflege jährlich um 6%. „Der Mann, vor allem der junge Mann, wird in punkto Pflege unterschätzt“, lautet denn auch ein Hauptbefund des Konsumsoziologen Dr. Ragnar Willer. Seine Beschäftigung mit „Männerbildern“ klingt jetzt nicht rasend spannend, liefert aber auch einiges an Zahlen. „Der Mann verbringt im Schnitt 26 Minuten am Tag im Bad“, zitiert der Berliner eine Studie aus England. Was wenig klingt, aber „der Zeit entspricht, die eine berufstätige Frau auch für Pflege aufwendet“.

(c) Getty Images (Michael Buckner)
(c) Getty Images (Michael Buckner)

Liquid Gender nennt das das Soziologie-Sprech und meint damit nicht Conchita Wurst, sondern die Akzeptanz von Geschlechter-Images. Anders gesagt: Der Mann muss nicht immer hart wirken wie gerade aus dem Sattel (der Harley) gestiegen. Immerhin 14 % der befragten Unter-35-Jährigen finden die Verwendung von Eyeliner bei Männern nicht anstößig. Doch nicht nur der „Manscara“ oder „Guyliner“ findet Akzeptanz, bis hinauf zu den 90-jährigen ist auch Hautpflege mehrheitsfähig laut der JWTIntelligence-Studie „State of Men“

(c) Getty Images (Ragnar Singsaas)
(c) Getty Images (Ragnar Singsaas)

Bärtig am Ground Zero

Doch das Verständnis für eher weibliche Pflegetools heißt nicht automatisch, dass nur mehr epilierte Schönlinge mit Eyeliner durch die urbanen Fluchten hirschen. „Der Weg zur Pflege führt bei vielen über den Bart“, so Doktor Willer. Die männliche Gesichtsbehaarung sei ein Reflex auf 9/11 gewesen, „von Metrosexuellen fühlte man sich da nicht mehr beschützt“, stellt der Soziologe eine gewagte Theorie auf. Doch ungeachtet der Ursachen, das Stylevorbild ist plötzlich wieder der Großvater. Hosenträger, Hüte und der wuchernde Bart, gerne auch im Kaiser Wilhelm-Look, werden gerne getragen, nicht nur in Kreuzberger Bars und Mariahilfer Rennrad-Werkstätten.

(c) Alberto E. Rodriguez
(c) Alberto E. Rodriguez

Bio sei die Bartwichse

Ein Trend, den man auch beim Hersteller der seit 1921 unverändert hergestellten Weleda „Rasurseife“ erkennt. Das Schweizer Unternehmen kombiniert bei der, auf Ideen des Anthroposophen Rudolf Steiner (auf ihn berufen sich u. a. die biodynamischen Winzer) basierenden, Rezeptur Ziegenmilch, Mandel und Stiefmütterchen. Letztere verhindern dabei Entzündungen der Haut, ob mit oder ohne Hipster-Bart darüber. „Männerhaut ist derber und robuster“, gibt die Chefkosmetikerin Lilith Schwertle eine Erklärung für die in der Jugend scheinbar nicht „nötige“ Pflege. Aber sie hat auch „bad news“: „Sie altert langsamer, dafür aber deutlicher“. Weledas Antwort liegt in der neuen Männerserie, die auf herbe Düfte (etwa beim Duschgel) setzt und wie immer bei der Marke auf biologische Zutaten.

(c) Getty Images for John Varvatos (Michael Kovac)
(c) Getty Images for John Varvatos (Michael Kovac)

„Der Mann kauft ein und kocht, er kennt Produkte und hinterfragt – auch bei der Kosmetik“, sieht Willer auch hier einen Hang zur Nachhaltigkeit. Offensichtlich hat sich auch das Klischée vom bärtigen Öko gewandelt, jetzt ist er ein ökologischer Bartpfleger. Nicht geändert hat sich übrigens die Einschätzung der Problemzonen: 40% der britischen Männer macht der Bier-Bauch sorgen – und die Befragung lief lange vor der Fußball-WM.

(c) Getty Images (Alberto E. Rodriguez)
(c) Getty Images (Alberto E. Rodriguez)