Joe Cocker im Interview mit Karl Horak: Rock im Doppelpack

Im Jahr 2007 stattete eine (damals noch) lebende Legende der Rockmusik Österreich einen Kurzbesuch ab: Leo Bei alias Karl „Sexualberater“ Horak interviewte für den wiener den großen Joe Cocker – und konfrontierte ihn mit einem dunklen Geheimnis aus seiner musikalischen Vergangenheit.

Irgendwie ist es immer peinlich, einen Star zu treffen. Stars sind es schließlich gewöhnt, dass man sie dauernd treffen, ihnen blöde Fragen stellen und Autogramme oder gar Geldspenden haben will. Vor allem, wenn sie Joe Cocker heißen, seit beinahe 50 Jahren im Rock’n’Roll-Geschäft tätig sind und viel mitgemacht haben.

Was liegt da näher, als das Gespräch von einem in jeder Hinsicht beeindruckenden Mann führen zu lassen, der a) in Österreich und Umgebung selbst kein Unbekannter ist und b) über die Versuchungen des Lebens on tour und auf der Bühne aus eigener Erfahrung Bescheid weiß? Auftritt Karl Horak vulgo Leo Bei, Bassist und Sexualberater der legendären Ostbahn-Chefpartie, heute als Produzent und bei der EAV am Bassruder tätig – und zufällig Besitzer sämtlicher Cocker-Tonträger, die er noch dazu auswendig kennt.

28.März 2007: Man hat uns ein Exklusiv-Interview versprochen – 30 Minuten alleine mit Joe Cocker, dem großen alten Mann der Rockmusik, der gerade auf Promo-Tour für sein neues Album ist und in ein paar Tagen beim viel zu bunten Gottschalk in „Wetten dass“ auftreten soll. Wir verfügen uns also in eines dieser neumodernen Ringstraßen-Hotels, wo uns eine freundliche Empfangsdame in der so genannten Chillout-Lounge ablädt, die sich durch grausames Licht, noch grausamere Musik und eine grauslich langsame Bedienung auszeichnet.


Nichts passiert, also wenden wir uns per Handtelefon an den zuständigen Herren, der dem Horak das Gespräch vermittelt hat. „Könnts eh glei auffefahrn“, sagt der dreist. „Die Suite is im sechsten Stock. Die anderen san scho beim Interview.“ Die anderen? Bei unserem Termin? Wie bitte?! Der Horak zuckt die mächtigen Schultern und steigt in den Aufzug. Im sechsten Stock warten bereits die Promo-Damen von der Plattenfirma und geleiten uns in die „Suite“ von der Größe eines begehbaren Kleiderkastens. Drinnen sitzen um einen Glastisch eifrige Journalisten mit aufgedrehten Digitalrekordern und der Mann, um den sich heute alles dreht, aber leider höchstens 20 Minuten lang: Mr. Cocker himself – ein gemütlicher älterer Herr, der sich gar nicht erst bemüht, seine 63 Jahre oder den ehrlich angezüchteten Bierbauch zu verbergen.

Wir werden ihm als „Charly Hornak und Begleitung vom Weekend-Magazin“ vorgestellt. Alles falsch – aber da muss man durch. Auch „without a little help from our friends …“

Joe Cocker: What’s your first name?

Karl Horak: Leo.

Cocker: Pleased to meet you.

Wir schalten jetzt für unsere Eurovisions-Zuseher auf die deutsche Sprachfassung um.

Horak: Was ich immer schon wissen wollte – wie treffen Sie die exzellente Song-Auswahl für Ihre Alben?

Cocker: Wir haben jedes Mal eine ganze Latte von Liedern zur Auswahl. Sobald die Leute erfahren, dass ich eine neue Platte mache, schicken sie mir viele Songs. Die meisten davon sind Balladen – doch ich finde es mit den Jahren immer schwieriger, Liebeslieder zu singen. Früher ist mir das leichter gefallen, aber ein Song wie „Don’t Give Up On Me“ von Solomon Burke hat einfach mehr Integrität, mehr Tiefe, verstehen Sie? Das gilt auch für andere Songs des neuen Albums, wie zum Beispiel „Long As I Can See The Light“ von John Fogerty.

Horak: Andy Fairweather-Low hat auch für Sie geschrieben. Kennen Sie den noch aus den Sixties?

Cocker: Ja, von Eric (Clapton, Anm. d. Red.), für den hat er viele Jahre akustische Gitarre gespielt. Ethan Johns, mein neuer Producer, ist mit einem anderen Stück von Andy angekommen, aber das hat mir nicht gefallen. Dann haben wir uns den Rest der Platte angehört und sind auf „Hymn 4 My Soul“ gestoßen. Das hat mir gefallen, weil es ein Popsong mit Gospel-Anstrich ist. Manchmal singe ich Lieder und verstehe gar nicht, worum es geht – das ist so ein Fall!

Horak: Einer der Komponisten, auf die Sie oft zurückgreifen, ist Bob Dylan. Was mögen Sie an seinen Songs?

Cocker: Ich habe eigentlich lange keinen Dylan-Song mehr aufgenommen. Aber beim Durchhören des Materials kamen wir auf das „Oh Mercy“-Album, das Dylan mit dem Produzenten Daniel Lanois gemacht hat. „Ring Them Bells“ ist eigentlich ein ziemlich traditioneller amerikanischer Folksong – sehr einfach. Er hat eine gute Farbe in das Album gebracht.

Horak: Auf einem Ihrer Alben habe ich übrigens zum ersten Mal einen Michael-Bolton-Song gehört.

Cocker: Wirklich? Der Michael Bolton? Kann ich mir nicht vorstellen …

Horak: O doch. „Living Without Your Love“ vom Album „Cocker“.

Cocker: Hat er das nachgesungen oder stammt das von ihm?

Horak: Auf dem Cover steht, er hat’s geschrieben und Sie haben es gesungen.

Cocker: You got me. Habe ich wohl vergessen – danke fürs Erinnern.

Horak: Wie hört Joe Cocker Musik? Vor der Stereoanlage oder mit einem mp3-Player?

Cocker: Meine Frau hat mir neulich einen iPod gekauft und mir auch gezeigt, wie das mit dem Downloaden geht – da habe ich gleich ein bisschen zu zittern begonnen (lacht). Trotzdem habe ich etwas gegen diese Art, Musik isoliert zu konsumieren. Ich kann dem gemeinsamen Hören viel mehr abgewinnen. Zum Arbeiten und Textelernen verwende ich übrigens meine Stereoanlage zu Hause.

Horak: Hören Sie auch irgendwelche der neuen Bands?

Cocker: Kennen Sie einen Typen namens John Mayer? Den halte ich für sehr talentiert. Aber wenn ich mir Coldplay oder Green Day anhöre (seufzt) … Ich mag dieses Gitarrending nicht, das die alle haben. Ich bin 63 und muss mir keine Riffs mehr unter die Nase reiben lassen. Ich fühle mich bei meiner althergebrachten Musik ganz wohl.

Horak: Wenn ich meinen 13-jährigen Sohn frage, wer der beste Rocksänger der Welt ist, dann sagt er: Joe Cocker. Wie fühlt man sich als lebende Legende?

Cocker: Schauen Sie, B. B. King ist noch da, und ich habe beim Begräbnis von Billy Preston gespielt; Little Richard war auch dort. Das sind lebende Legenden – ich bin nur ein little white boy. Die 70er-Jahre waren, wie jeder weiß, gesundheitlich nicht ganz einfach für mich: Ich habe mich bis in den frühen Morgen in irgendwelchen Bars herumgetrieben, viel geraucht und gesoffen. Heute leidet meine Stimme, wenn in der Halle viel geraucht wird … Na ja, jedenfalls, in den Achtzigern, seit „Unchain My Heart“, habe ich mich in einer Art Routine festgesetzt. Ich bin ein weißer Blues-Sänger, der sich hie und da in Pop-Gefilde begibt, aber im Herzen bin ich eben, was ich bin. Es würde mir nichts bringen, herumzulaufen und mir einzureden, dass ich eine Legende bin.

Horak: Leben Sie immer noch in England?

Cocker: O nein, ich wohne in Colorado. Die meisten Leute, die mich dort besuchen, wollen gleich wieder weg. Das ist oben in den Bergen, da gibt es Bären und Pumas, die ich beim Spazierengehen sehe. Ich war immer schon ein sehr naturverbundener Mensch, obwohl ich aus Sheffield komme. In Colorado gibt’s auch jede Menge alte Hippies, die das tun, was sie immer schon getan haben – obwohl man dort schon von der frischen Luft high wird. Genau richtig für mich …

Die Plattenfirmen-Ladys geben das Zeichen zum Aufhören, der Horak bedankt sich für das Gespräch und lässt sich eine mitgebrachte Cocker-CD signieren, der Meister zieht sich in seine eigene Suite zurück, vielleicht zum Mittagsschlaf. Und in der Chillout-Lounge steht immer noch kein Kaffee für uns. So geht der Rock’n’Roll. In Wien.