KULTUR

Who the fuck is David Bowie

Sandra Keplinger

Ich bin 1983 geboren. Also in einer Zeit, von der viele behaupten, Bowies beste Arbeit läge bereits hinter ihm. Ich bin mit tiefster Leidenschaft Bowie-Fan und mir ist seit 2 Tagen zum Heulen. Nicht nur, weil dieser musikalische Gott tot ist, sondern auch weil ich mich ärgere und für meine Generation schäme.

Text: Sandra Keplinger / Fotos: Getty Images

Montag früh die Meldung, dass der Hero der Heroes an Krebs gestorben sei – 2 Tage nach dem Release seines neuen Albums Blackstar, zeitgleich sein 69. Geburtstag. Krebs, dieses Hurenkind! Verschlafen zappe ich durch diverse Fernsehstationen – die Meldung so frisch, dass einschlägige Musikmagazine nur kurze Meldungen online haben. Ich lande im Frühstücksfernsehen und sehe eine Lifestyle-Blondine (auch ein 80er-Kind) mit ihrem Kollegen über Bowie tratschen. „Seine tollen Looks sind ja bekannt, aber musikalisch fällt mir zu Bowie spontan nichts ein“, sagt sie. Auf Facebook ein ähnliches Bild: Leute posten das Cover von Aladdin Sane mit den Worten: Goodbye, Ziggy Stardust. Sie tragen H&M-Shirts mit Bowies berühmtem rot-blauen-Blitz im Antlitz. Nicht Bowie ist Kult, sondern sein Make up scheint es zu sein. „Bowie war vor meiner Zeit“, sagen andere. „Kenn ich nicht wirklich, ist mir egal“ oder „Jaja, der war schon ganz cool mit dem Glitzer-Zeug“. Das kann ich so nicht stehen lassen. Bowie war nicht vor eurer Zeit. Zumindest nicht, wenn ihr älter als ein 2-Tage-alter Säugling seid. Ich persönlich habe der gemeinsamen Liebe zu David Bowie ganze Freundschaften und Beziehungen zu verdanken, und „Lady Grinning Soul“ ist übrigens ein toller Song um eine Frau zu verführen. Ich will hier den Versuch einer Aufklärung wagen als jemand, der einen großen Teil von Bowies Schaffen nur retrospektiv erlebt und erforscht hat.Wie kommt man als Kind der 80er zu Bowie? Meine ersten Erinnerungen an Bowie sind „Let’s Dance“ und „Tonight“. Oh, wie Tina Turner in ihn verliebt gewesen sein muss! Rückblickend wahrscheinlich die Phase in Bowies Schaffen, die mich am wenigsten packt. Erst in den späten 90ern wurde ich wieder auf ihn aufmerksam – wegen Velvet Goldmine, einem frühen Werk von Starregisseur Todd Haynes, der ursprünglich Bowies Leben verfilmen wollte aber die Rechte nicht bekam. Er entschloss kurzerhand, einen recht kitschigen Fantasy-SciFi-Film über den fiktiven 70s-Glamrocker „Brian Slade“ zu machen, der Bowie wie aus dem Gesicht geschnitten ist und mit Oscar-Wilde-Zitaten um sich wirft. Ich war so fasziniert von der Zeit, dass meine Recherche mich schnell zu „Ziggy Stardust“ und „Aladdin Sane“ führte, und ich Bowies Gesamtwerk zu erforschen begann.


Der damals unbekannte Jonathan Rhys Meyers im Film „Velvet Goldmine“, einer Hommage an Ziggy Stardust.

Bowie war ein Avantgardist im besten Sinne: Er provozierte in der 70ern mit der Behauptung schwul zu sein, obwohl er verheiratet war; revolutionierte die Pop-Industrie mit seinem auffälligen Style und erschuf Fantasiewelten um die Charaktere, in die er schlüpfte: zum Beispiel in den bisexuellen Alien Ziggy Stardust, den er am Ende der Tournee auf der Bühne erschießen ließ. Männer durften dank ihm plötzlich lange Haare und Make Up tragen. Mit 17 gründete er einen Verein zur „Prevention of Cruelty to Long-Haired Men„. Er lebte mit Iggy Pop in einer WG in Berlin und hatte angeblich eine Beziehung mit Mick Jagger – behauptete zumindest seine Ex-Frau Angie. Mit dem Song „Heroes“ trug er zum Fall der Berliner Mauer bei, sagt der deutsche Außenminister Steinmeier (David Hasselhoff ist neidisch). Er ging als erster Rock-Musiker mit seinem Song-Katalog an die Börse in New York.

Doch die wahre Moderne liegt in seiner Musik: Bowie verliert nie den Anschluss. Während Größen wie Paul McCartney oder die Stones nie wieder musikalisch zurück zum Gipfel fanden, war Bowie stets Vorreiter: Er scheute in den 90ern nicht vor Drum’n’Bass oder Trip-Hop-Elementen zurück. In den frühen 2000ern schrieb er ein exzellentes Electronic-Album („Heathen“) und den mächtigen Rock-Nachfolger „Reality“. Selbst in den cheesy 80s machte er mit „Absolute Beginners“ zumindest eines richtig: er schrieb zum Heulen schöne Melodien! Er kooperierte mit Massive Attack und schrieb Iggy Pops Hit „Nightclubbing“. Die Liste ist endlos!

Da macht sich sogar Rihanna vor Ehrfurcht in die Hose. .

Wer also behauptet, Bowie sei nicht mehr wichtig, der hat einfach nie hingehört. Einer Generation, die Beyoncé und Jay-Z für wichtige Künstler hält und eine Kim Kardashian kultig findet, kann ich nur eines sagen: Rihanna ist IKEA. Bowie ist mit Liebe zum Detail gehobeltes Tischlerhandwerk. Kanye West ist billiger Polyester. Bowie ist feiner, englischer Zwirn.

Ich kann das verstehen, obwohl ich die 70er nicht erlebt habe. Bowies Schaffen war nie obsolet, und somit gehört er auch nicht zum alten Eisen. Und es ist nie zu spät Bowie-Fan zu werden.

David Bowie und Iggy Pop gemeinsam auf der Bühne in Berlin.

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