Interview

Zu Besuch bei: Arik Brauer

Sarah Wetzlmayr

Zu Besuch bei Arik Brauer

ANGST IST SCHON DAS RICHTIGE WORT

Arik Brauer bereitet eine neue Schallplatte vor, vom Vinyl kommt der 87-Jährige schnell auf die Schrecken der Perfektion. Im großen WIENER-Interview erklärt Österreichs großer Maler und Musiker aber auch, warum er der EU alles Gute wünscht.

INTERVIEW: ROLAND GRAF / FOTOS: PETER MAYR


Für den WIENER springt Arik Brauer schneller auf die Besucherbank in seinem Museum in Währing, als der Fotograf das Objektiv wechseln kann. „Ich war mein ganzes Leben lang ziemlich flink, und ein bisserl was ist übrig geblieben“, lacht der 87-Jährige. Nicht nur körperlich wirkt der neben Anton Lehmden letzte Maler der Wiener Schule des Phantastischen Realismus topfit. Auch seine Ansichten zu Dialektsongs und Trittbrettfahrern, Europa und verschwurbelten Ausstellungskatalogen wirken erfrischend. Vielleicht gerade, weil sie sich aus einem langen Leben speisen, das immer an die Rettung durch Kreativität glaubte. Auch warum sich Geschichte nicht wiederholt, sondern verbessert, erklärt Brauer entsprechend authentisch.

Sie bereiten gerade die Vinyl-Edition der CD „Von Haus zu Haus“ vor. Ist es in digitalen Zeiten nicht absurd, dass man auf einen Termin im Presswerk heute länger wartet als zu Beginn Ihrer Karriere 1971?

Ist das so? Für diese technischen Fragen bin ich die falsche Adresse, damit beschäftige ich mich seit vielen Jahren nicht mehr. Ich veröffentliche ja nur noch dieses eine Werk. Die Musik selbst interessiert mich aber in immer höherem Maße, ich höre viel Klassik auf Ö1, und wenn es guter Jazz ist, Stücke aus meiner Jugend (Arik Brauer ist Jahrgang 1929, Anm. d. Red.). Das Einzige, wozu ich mein ganzes Leben lang keine Verbindung aufbauen konnte, ist Musik aus elektronischen Geräten. Wenn sich zum Beispiel das Schlagzeug, dieser regelmäßige, klare Rhythmus, in etwas verwandelt, das wie eine kaputte Wasch­ maschine klingt. Perfektion ist ja etwas Unmenschliches. Auch die Natur ist nicht perfekt, sie braucht dieses leichte Variie­ren, um Neues hervorzubringen. Das sieht man ja auch in der Architektur früherer Zeiten; ein völlig gerader Turm im mathe­matischen Sinne war lange gar nicht mög­lich. Und er hat auch etwas Langweiliges.

Dann müssten unsere am PC geplanten Hochhäuser-Städte ein ziemliches Unbehagen, um nicht zu sagen Angst, hervorbringen?

Die Übergabe kreativer Techni­ken an den Computer führt zwangsläufig dazu, dass sich der Mensch nicht mehr darin wiederfindet. Es geht ja um eine Kombination. Das, was uns am mensch­lichsten macht, sollten wir anstreben, und das ist nun einmal die Kunst. In jedem Gegenstand vom einfachen Esslöffel bis zum Wolkenkratzer müsste immer noch etwas Menschliches enthalten sein. Die Automaten helfen ja nicht nur, sie führen uns auch ständig unser Unvermögen vor. Je perfekter das ist, desto ohnmächtiger sind wir. Angst ist also schon das richtige Wort!

Hat damit auch die aktuelle Begeisterung für Vinyl, immerhin auch kommerziell eines der wenigen Wachstumsfelder der Musikbranche, zu tun?

Zunächst denkt man, das ist nur so eine Mode­erscheinung. Aber auch bei diesen Moden steckt oft ein echtes Bedürfnis dahinter. Vielleicht geht es da ebenfalls einfach um die eigene Tätigkeit, darum, aktiv zu wer­ den. „Ich leg mir Musik auf“ klingt nicht nur anders als „ich schalte ein“, es hat auch eine andere Qualität, als einen Knopf zu drücken. Ich glaube aber nicht, dass man die Geschichte oder auch die Kunst­geschichte zurückkurbeln kann. Es hat sich aber mittlerweile doch einiges als falsch herausgestellt. Die Euphorie für den Fortschritt, wie wir sie in den 1950er­ und 1960er­Jahren noch hatten, wurde deutlich eingebremst.

Und die Kunst wäre das Heilmittel gegen diese Angst in den Städten?

Die Kunst wurde ja systematisch abmontiert im letzten Jahrhundert. Seit der Erfindung der Fotografie ergab sich eine neue Frage­ stellung an die Malerei, und die wurde von der bildenden Kunst unterschiedlich be­antwortet. Was die Malerei betrifft, ist sie für viele Fachleute eine Kunst der Vergan­genheit und von gestern. Ich halte das für vollkommen falsch. Für mich stellt sie eine Entfaltung des Menschen dar, die sich mit dem Erlernen einer Sprache vergleichen lässt: Es geht um die Ausdrucksmöglich­keiten und das Erfinden von Neuem. Einen Baum mit allen Blättern, die er hat, zu malen, kann der Mensch nicht, das schafft nur der Fotoapparat. Aber das soll der Mensch auch gar nicht können, er braucht nur imstande zu sein, den Ausdruck des Baums, die Stimmung, zu erfassen. Dazu kommt, dass auch die phy­sische Bearbeitung von Material einen Urtrieb darstellt, der zurückgeht bis zum steinzeitlichen „Nestbau“. Die Arbeit mit den modernen Materialien – auch wenn es da kreative Leistungen gibt – beant­wortet dieses Bedürfnis nicht. Wenn Sie nur einen Knopf drücken und etwas ist nicht mehr grün, sondern in Sekunden rot, dann geht das nicht nur zu schnell. Es fehlt auch was.

Im Sommer kommt als Tondokument des Austropop Ihr „Von Haus zu Haus“ als Vinyl-Edition heraus. Neue Musik von Ihnen gibt es aber nicht. Wie steht es mit der Malerei?

Ich stehe in der Früh auf und male. Jeden Tag. Ich kann sagen, ich lebe malend. Hat sich dabei etwas geändert an der Technik oder den Farben? In meinen Augen schon, wobei ich nicht weiß, ob das auch Betrachtern auffallen würde. Ich gehöre aber zu den Malern, die ihr Leben lang das Gleiche gemacht haben. Im Gegensatz zu jenen, deren berühmtestes Beispiel wohl Picasso darstellt, die sich immer neu erfinden. Das allein kann aber auch kein Qualitätsmerkmal sein. Auch Breughel hat stets dasselbe gemacht, Mozart auch.

Was fasziniert einen nach Jahrzehnten an der Staffelei noch?

Man vertieft die Sache, die man hat und an die man glaubt. Wenn man das kann. Deshalb hält man daran fest. Wie sehen Sie die Gegenwartsmalerei – oder interessiert Sie das weniger? Ich bin schon interessiert, besuche etwa Aus- stellungen. Dennoch muss ich eines sagen: Unterm Strich hat jene Kunst, die es unmöglich macht, zu erkennen, was daran wertvoll sein soll, eine Armee von Witz- bolden auf den Plan gerufen. Die schauen nur, was sich die Leute alles gefallen lassen. Die Darstellung, das wissen wir spätestens seit den 1950er-Jahren, endet mit einer weißen Fläche, also am Abgrund. Die kreative Revolution, die das am Anfang des 20. Jahrhunderts war, endete wie so viele Revolutionen im Chaos. Da konnte dann jeder Gegenstand zum Kunstwerk werden. Akademien, Ausbildungsstätten, auch die Kunstkritiker braucht es dazu nicht mehr. Dafür wurde die Erklärungsmaschine selbst zu einer Kunst. Mit einer eigenen Sprache, dem Kunst-Chinesisch.

Freut Sie als Dialekt-Pionier („Sie hab’n a Haus baut“) die Rückkehr wieneri- scher Texte in die Popmusik?

Die letzten Jahrzehnte wurde viel auf Englisch gesungen, weil die jungen Leute das auch weitaus besser können als meine Generation. Mir waren die Texte ja oft peinlich, weil man gemerkt hat, das ist jetzt kein „native English“. Vor allem aber soll man die Sprache ja nicht nur als Verständigungsmittel betrachten, sondern auch in ihr denken und träumen. Es wäre also eine Sünde, ein musikalisch vorgetragenes Gedicht, was für mich ein Lied immer war, in einer Fremdsprache zu machen. Dazu kommt, dass der Dialekt eine starke Potenz hat. Nicht nur das Wienerische, sondern jeder Dialekt.

Anderswo wird das ja sogar noch enger gesehen, etwa wenn die Katalanen ihren Dialekt als eigene Sprache definieren.

Das stimmt schon, dass man da mitunter auch ins Chauvinistische abgleitet. Aber zu viel Zucker im Tee ist auch ungesund … Als ich die Chansons in Paris geschrieben habe, das war noch in den 1960er-Jahren, bin ich draufgekommen, dass der Wiener Dialekt mit der deutschen Sprache das Gleiche macht wie die französische Sprache zuvor mit dem Latein: Er lässt Buchstaben weg, des besseren Sprachflusses wegen. „I hob an Huat“ klingt viel besser als „Ich/habe/einen/Hut“.

Bei all der Nostalgie heute, wäre da eine Zusammenarbeit mit einer der aktuellen Bands nicht reizvoll?

Mich haben schon ein paar Gruppen angesprochen, die Chansons von mir vortragen, und das mal besser, mal weniger gut tun. Aber ich finde immer, dass die Jungen lieber was Eigenes erfinden sollen, als bei etwas zu „hitch-hiken“, was ein anderer gemacht hat. Das gilt vor allem bei den Texten. Wobei leider manche von mir immer noch Aktualität besitzen. Anderes würde man heute wohl anders sagen.

Wenn Sie sich doch noch hinsetzen wür-den, um ein Lied zu schreiben, was wäre ein Thema?

Vermutlich die Thematik, die momentan ganz Europa in seinen Grundfesten erschüttert und an der man gar nicht vorbeischreiben kann.

Sie sprechen die Flüchtlingskrise an, kennen aber persönlich auch die Verfolgung in der NS-Zeit, sehen Sie Parallelen zur Sprache der 1930er-Jahre?

Nein, das kann man nicht mit den Dreißiger- und Vierzigerjahren vergleichen. Es gibt ein Bewusstsein für die Gefährlichkeit von Nationalismus, das weit verbreitet ist. Dass manches nicht ganz aus der Welt verschwunden ist, liegt daran, dass wir es auch hier mit Urinstinkten zu tun haben. Wer sich selbst nicht zurechtfindet im modernen Leben, wünscht sich halt schnell, „machen wir alles rückgängig“. Aber das geht ja nicht.

Wie zuversichtlich blicken Sie bei solchen Herausforderungen in die Zukunft?

Wenn wir von der Politik sprechen, dann sehe ich aus meinem Leben heraus die EU als einen Jahrtausend-Fortschritt an. Ein freiwilliger Zusammenschluss zwischen Staaten, der nicht einem Krieg diente, das gab es noch nie. Ich bin auch zuversichtlich, dass die Menschen diese lange Friedenszeit wieder erkennen werden und sich auch Europa wieder konsolidieren wird. Wie man hingegen mit der Umweltzerstörung umgehen will, dazu reicht meine Vorstellungskraft nicht aus. Alle Probleme gehen doch irgendwie von dieser Explosion der Bevölkerung aus. Seit ich lebe, in diesen lächerlichen Jahrzehnten, hat sich die Menschheit verdreifacht. Und jetzt soll sie sich wieder verdreifachen? Das kann sich nicht ausgehen.