Interview

„Gibt es noch irgendeine Süßspeise?“ – Schauspielstar Philipp Hochmair im großen WIENER-Interview

Wenn er noch einen Schub in Richtung „Superstar“ gebraucht hätte, dann hat er ihn ­diesen Sommer bei den Salzburger Festspielen bekommen: Als „Jedermann“ Tobias Moretti erkrankte, sprang Philipp Hochmair, der unsympathische Verkehrsminister aus dem ORF-Hit ­„Vorstadtweiber“, ein – und triumphierte. Ein Gespräch beim Kirchenwirt am Linzer Pöstlingberg.

Interview: Manfred Rebhandl  / Fotos: Rafaela Proell

Der Kirchenwirt oberhalb des Rosengartens am Linzer Pöstlingberg hat wegen Regen den Gastgarten geschlossen, wir setzen uns trotzdem hin. Schauspielstar und Neu-Jedermann Philipp Hochmair kommt wie immer barfuß, er ist ein wenig gestresst und vor allem ziemlich hungrig.


Hochmair: (zur Kellnerin) Kennen Sie mich? Vorstadtweiber?
Kellnerin: Nein.
Wo kommen Sie her?
Tschechien.
Ach so. Gibt’s irgendeine Empfehlung für heute zum Essen?
Zwiebelrostbraten, Schnitzel hätten wir, Schopfbraten mit Sauerkraut und Knödel, ein Cordon …
Nein, nein, nein. Ich meine: Gibt’s irgendetwas Besonderes heute?
Fisch.
Fisch? Heute? Es ist Samstag! Was ist denn das für ein besonderer Fisch?
Saibling oder Forelle.
Hm.
Bauernsalat mit Speck und Schafskäse haben wir auch. Oder soll ich den Koch fragen, der macht Ihnen was Spezielles?
Na, geht schon. Ich nehme den ­Salat und die Forelle.

WIENER: Okay, können wir dann? Das war gerade sehr beeindruckend, wie Sie uns einen Tisch im wegen Regen geschlossenen Gastgarten unter einem Baum ­organisiert haben, mit Sätzen wie „Ich bin ein berühmter Schauspieler, ich habe heute hier einen Auftritt!“ Und das Ganze auch noch auf Spanisch, weil der Kellner „medio italiano“ und „medio argentino“ ist. Was sprechen Sie denn noch alles?
Hochmair: Jedermanns Sprache.

Ihre Bekanntheit stellen Sie nicht unter den Scheffel?
(lacht) Na, sicher nicht. Ich will ja ordentlich behandelt werden! Dann muss man denen halt erklären, wer man ist, und dann helfen die einem auch. Wir brauchen ja einen guten Tisch für das Interview …

… Es regnet …
… Egal. Ich will doch nicht drinnen am Tisch neben dem Klo ­sitzen! Aber … Kommt das falsch rüber?

Nein, kommt eh gut!
Ich habe dem doch nur erklärt, dass wir aus fachlichen Gründen berechtigt sein müssen, heraußen zu sitzen. Wir brauchen eine gewisse elitistische Praxis! (lacht)

Lässig war Philipp Hochmair schon immer. Dass er sieben Jahre fix am Burgtheater war, und sieben Jahre fix am ­Thalia-Theater in Hamburg, ­wissen aber die wenigsten. Foto: (c) Rafaela Proell

Ich hab mir extra ein Jedermann-Kostüm für Sie angezogen, als Hommage an Ihre, wie man liest, großartige Leistung heuer bei den Festspielen, als Sie eingesprungen sind für den erkrankten Tobias Moretti.
Wo bitte ist das Jedermann-­Kostüm?

Na hier! Weißes Unterleiberl, ­weißes Hemd. Das haben Sie doch auf der Bühne getragen!
(lacht) Sehr aufmerksam, aber es war so: Ich hatte da so viele Bat­terien am Körper um den Bauch herum, dass ich ein Unterhemd tragen musste. Wenn die direkt auf die Haut geklebt werden, ist das schlecht für die Batterien, weil der Körper so heiß wird und es eh schon 40 Grad Außentemperatur gehabt hat, das war eine technische Notwendigkeit. Ich bin mir vorgekommen wie ein ­Astronaut. Ich war voller Zeug!

Kellnerin: Leider kein Saibling, leider keine Forelle. Seelachs hätte ich, gebacken mit Kartoffelsalat. Oder Kaaspresskneeedel.
Die nehme ich!

Kellnerin: Oder möchten Sie eine Kaaspresskneeedelsuppe, und noch einen Bauernsalat dazu?
So machen wir’s!

Kellnerin: Ja, so machen wir’s.

In Ihrem Leben geht es wahrscheinlich die ganze Zeit so: ­„Philipp, du bist so super! Philipp, du bist so gut!“ Tut es dazwischen gut, wieder mal in die Kaspressknödelwelt Ihrer Großeltern in Oberösterreich zurückzukehren?
Sicher. Aber seit ich kein fixes ­Engagement mehr habe, ist mein Aufenthaltsort ein bisschen diffus. Gestern war ich in Vöslau, heute bin ich hier in Linz, nächste ­Woche bin ich – ich weiß nicht wo. Früher bin ich öfter hierher­gefahren, da gab es einen klaren Rhythmus, aber jetzt ist es oft so: Die Dreharbeiten für die TV-Serie „Blind ermittelt“ zum Beispiel haben sie um zwei Monate verschoben. Da hatte ich aber schon lauter Termine, in Istanbul, in Kapstadt, in Mexiko. Das musst du dir vorher erst einmal auf­reißen, was das für eine Arbeit ist, dort Termine zu kriegen! Und dann verschieben die den Dreh, und du musst dort anrufen und absagen oder verschieben.

„Bis jetzt hat es immer geheißen: Jetzt kommt der von den Vorstadtweibern! Jetzt fügen wir halt hinzu: Und der vom Jedermann! Das ist schon mal was!“

Was erwarten Sie heute für ein Publikum?
Mir gratulieren jetzt alle zu ­meiner Jedermann-Interpretation, aber gesehen hat sie niemand. Finde ich lustig. Jetzt wollen alle wissen, wie der den Jedermann am Domplatz spielen konnte. Dass ich sieben Jahre an der Burg war, und sieben am Thalia-Theater in Hamburg, Jelinek, Handke, das weiß niemand. Bis jetzt hat es immer geheißen: „Jetzt kommt der von den Vorstadtweibern!“ Jetzt fügen wir halt hinzu: „… und der vom Jedermann!“ Das ist schon mal was.

Ihr Handy haben Sie immer ­aufgedreht, für den Fall, dass Sie irgendwo einspringen sollen?
Nein, aber als man mich da wegen des Jedermanns anrief, war das natürlich ein Anruf, den ich ­verstanden habe. Ich wusste die Fährten zu lesen, die Rauchzeichen waren eindeutig.

Sie haben sofort zugesagt. Aber als Schüler von Brandauer, der ja eine klassische Diva ist: Hätten Sie sich nicht ein wenig zieren ­sollen, so in der Art: „Ich überleg’s mir, rufe in fünf Minuten zurück? Und wie schaut es überhaupt mit der Gage aus?“
Ja, aber da ist ein Ingenieur in mir aufgewacht, der das Problem halt richten wollte. Ich war da nicht profitorientiert. Außerdem habe ich für mich gewusst: Wenn ich nicht sofort entscheide, dann geht sich das nicht mehr aus. Ich war ja in Dresden, musste nach Salzburg …

Wann hatten Sie Ihren letzten Jedermann live gesehen?
Keine Ahnung. Das ist irrsinnig lange her, ich glaube, es war mit Ulrich Tukur, da saß ich irgendwo weit hinten und konnte damit überhaupt nichts anfangen, das war kein zuordenbares Theater­erlebnis, ich wusste gar nicht, was das soll.

Läuft das auch für Sie unter „Hochkultur“?
Unter „Unlesbare Kultur“!

Philipp Hochmair by Rafaela Proell

Es regnet nach langen Wochen hier im Gastgarten. Wie wichtig ist für den Künstler die Melancholie, um in sich gehen können?
Sehr wichtig. Man muss ja in sich gehen, damit man dann die Sachen raushauen kann.

Wenn Sie dann im Sommer ­entspannen und baden – lieber im Meer oder im oberösterrei­chischen Seengebiet?
Traunsee, Gmunden. Ich bin ja immer bei den Gmundner ­Festspielen.

Und dort springen Sie rein in den See, wie ein Italiener in der engen Badehose?
(lacht) Eher so naturbelassen. Ich habe gar keine Badehose.

Schuhe haben Sie auch keine. Was haben Sie überhaupt?
Ein Adamskostüm habe ich.

Ist das mit dem Barfußlaufen und Nacktbaden eine Entscheidung oder eine Krankheit?
(lacht) Wo ist der Unterschied! Entscheidung zur Krankheit!

Haben Sie dann bei der Vorstellung auf der Bühne am Domplatz irgendwelche Leute getroffen, bei denen Sie dachten: Hallo, die kenne ich ja vom Film, vom Theater …
Zum Glück kannte ich die meisten! Mit dem „Guten Gesellen“ habe ich schon einen Film gedreht, mit dem „Tod“ habe ich schon irrsinnig viel gearbeitet …

Wie wichtig ist es für Sie, dass Sie sich „aufgehoben“ fühlen?
Ganz wichtig, essenziell. Hinter den Kulissen waren die Insekten ja schon sehr nervös, da war ein Gewusel, eine Dichte, eine Geschwindigkeit. Und inmitten des Ganzen musste ich Ruhe bewahren. Da kommen Schneider, Tischler, und erzählen dir, was wichtig ist; du stehst auf einer Bühne, die du nicht kennst; dieser Tisch, auf dem die Sachen stehen, der zerbricht ja dann, der ist aus Zucker, und den darfst du vorher nicht berühren, da darfst du nicht draufhauen oder draufspringen; ich wäre ja ­sofort auf den Tisch gesprungen bei der einen Szene – der Tisch­gesellschaft –, aber ich durfte nicht, und das musst du alles ­l­­ernen und verstehen; da schreien dich zwanzig Leute an, was du ­alles nicht machen darfst, und du verstehst überhaupt nichts.

„Mir gratulieren jetzt alle zu meiner Jedermann-Interpretation, aber gesehen hat sie niemand. Finde ich lustig. “

Heute gab es einen Bericht im Standard über die schlechte ­Bezahlung der Bühnenarbeiter bei Kulturfestivals. Berührt einen das als Künstler?
Der Künstler wird ja auch nicht gut bezahlt! Die Leute denken, man kriegt so viel Geld, aber man kriegt ja gar nicht so viel. Also erstens wird niemand gut bezahlt bei Festivals, und zweitens hat man natürlich total Mitleid mit den schlecht bezahlten Bühnenleuten, weil ja alle ihr Herzblut geben, damit der Schas funktioniert. Das ist wie ein Schiff, wo ­jeder an irgendwas ziehen muss oder nageln muss, damit das erst mal losfährt. Wenn es dann losfährt, ist es geil, aber das spüre ich und das Publikum, aber die ganzen Leute hinter der Bühne kriegen natürlich keine Anerkennung. Denen bin ich natürlich sehr dankbar, weil die für meine Gesundheit und Sicherheit verantwortlich sind.

Wann haben Sie gespürt, dass Sie fliegen?
Um 21 Uhr ging es los, und als die Glocken geläutet haben, da ist mir bewusst geworden, was ich gerade mache …

Gibt es eine Konkurrenzsituation unter Schauspielern auf diesem hohen Level? „Maaah, der spielt schon wieder im Tatort und ich nicht!“
Sicher. Aus diesem Druck speist sich ja auch ein Festival. So ent­stehen ja auch diese Eklats, die Fehler, die Pannen und Skandale, auf die jeder wartet. Man will ja sehen, ob dieses Segelschiff zum Fliegen kommt oder eben auch nicht. Ob der Hochmair das schafft wie der Moretti oder eben nicht.

Gibt es jemanden, vor dem Sie ­allergrößten Respekt haben, wenn er/sie Ihnen zuschaut?
Wenn der Brandauer in der ­Vorstellung sitzt, das regt mich schon auf, oder an.

Da geben Sie noch mal mehr Gas?
Eher im Gegenteil. Das ist immer wieder ein Kritikpunkt von ihm, dass ich zu sehr Gas gebe. Er hätte lieber, dass ich mir die stillen Stellen suche.

Die kommen dann eh im Alter. Bewegen Sie sich in Richtung Burn-out oder in Richtung Altersrollen?
Altersrollen.

Normalerweise gibt es ja um diese Zeit in Salzburg keine Zimmer. Hat man trotzdem in der Eile ein Bett für Sie gefunden oder mussten Sie im Auto schlafen?
Da kommen wir auf die Bühnen­arbeiter zurück: Ich habe eines bekommen, aber einfach war es nicht, und es war auch nicht Fünfstern.

Wie schmeckte dann das erste Rindsupperl in Salzburg?
Beim Zacher war’s, und es schmeckte hervorragend. Und das Triangel muss lobend erwähnt werden, das ist wirklich toll. Das ist der Treffpunkt vorm Festspielhaus, wo die ganzen Stars auf­laufen, so ein bisschen wie das Schwarze Kameel in Wien, so eine Promenade, wo der Schmäh rennt und sich Künstler und Publikum mischen. Die Leute dort waren so nett, also Franz heißt er, glaube ich, der Wirt, ein ganz toller Mensch. Der hat mich da wirklich mit viel Fingerspitzengefühl eingeführt in die Gesellschaft. Der hat mich ­gefragt, ob es okay ist, wenn die Leute Selfies machen mit mir, habe ich gesagt: Okay. Und wenn man das aber nicht will, dann hat er eine Pfeife, in die er bläst, und zeigt die Rote Karte. Das finde ich so super, der macht klare Regeln: Der Zoo ist noch offen, man kann die Tiere anschauen. Und wenn dann die Fütterung ist, ist Schluss.

Nach der Vorstellung gabs Bier oder Schampus?
Schampus.

Sind Sie gut in Partys?
Ja, sehr gut! Muss sein! Das ist mein Weihnachten und mein Geburtstag in einem, dafür lebt man: Dass man was schafft, dann darf man feiern. Das Schiff ist angelandet im Hafen, die Mannschaft hat es überstanden, niemand hat sich weh getan, dann muss die Mannschaft an Land ­kommen und sich freuen.

Philipp Hochmair by Rafaela Proell

Deswegen wird man Künstler?
Genau.

Gibt es eine Wiener Kultur­schickeria?
Für mich nicht.

Wann haben Sie den letzten Verriss gelesen?
Immer wieder. Es gibt ja Leute, die so absolut nicht mögen, was man macht, aber das ist ja wurscht.

Wie wichtig ist „das Feuilleton“?
Schon sehr. Christine Dössel von der Süddeutschen hat so einen tollen Bericht geschrieben, wie das da war am Domplatz, und auf den sind die Leute eingestiegen. Der Peymann hat mich gleich ­angerufen und mir ein Angebot ­gemacht.

„Immer hätte es auch schiefgehen können, natürlich. Ich hätte mir den Fuß brechen können, oder von der Bühne fallen.“

Haben Sie die Mutti angerufen?
Nein.

Die weiß eh, was in ihrem Buben alles drinsteckt?
Das ist … ich weiß nicht. Artaud hat diesen schönen Satz gesagt: „Je suis mon père, je suis mon mère“. Ich bin mein Vater, ich bin meine Mutter … Du musst dich
ja da auch lösen aus diesen fami­liären Zusammenhängen und Er­wartungen, man muss ja eine neue ­innere Identität kreieren, sich ein anderes Autoritätssystem schaffen.

Gab’s da Kämpfe?
Sicher gab’s Kämpfe. Der Übergang vom Sohn aus Ottakring zum Schauspieler, der in die Welt hinausgeht, überhaupt das Werden, die Künstlerwerdung, die Schauspielerwerdung, das war so ein verstörender, gewaltiger Vorgang, der ist natürlich von Kämpfen begleitet, weil die Eltern sich ja Sorgen machen. Meine sind ja keine Künstler, die haben damit nichts zu tun, die sind Kunst­konsumenten, und wenn die miterleben, dass die Kinder auf die schiefe Bahn geraten …

Was immer noch gleichgesetzt wird mit Künstlersein?
Klar. Dann ist das verstörend, weil Künstlerdasein ist brotlos usw., ein unsicheres Leben. Die Welt, aus der ich komme, ist sehr auf Sicherheit aus.

Gab’s einen Punkt, wo es hätte schiefgehen können?
Immer. Jedes Mal. Ich hätte mir den Fuß brechen können oder von der Bühne fallen, dann bin ich ­gelähmt …

… dann schaut’s schlecht aus.
… dann ist Schluss mit lustig. Dann lachen alle, und das war’s.

Ist Kunst trotzdem für irgend­etwas eine Lösung?
Für alles.

Kellnerin: Passt eh alles?
Hervorragend. Aber sagen Sie, gibt es noch irgendeine Süßspeise?

Kellnerin: Linzer Schnitte, Apfelstrudel, Topfenstrudel, Mohntorte mit Eierlikörglasur, Marillenpala…
Ich nehme die Linzer Schnitte.

Philipp Hochmair

wurde 1973 in einen bürgerlichen Wiener Haushalt hineingeboren, er studierte Schauspiel u.a. bei Brandauer am ­Reinhardt Seminar in Wien. Er war Ensemblemitglied am Wiener Burgtheater und am Thalia-Theater in Hamburg, unter Nicolas Stemann und Friederike Heller spielte der Freigeist in zahlreichen Inszenierungen, darunter im Langzeiterfolg „Werther!“ Im zurückliegenden Sommer vertrat er den erkrankten Tobias Moretti bei den Salzburger Festspielen als Jedermann und feierte einen Triumph, neben zahlreichen Kinorollen ist er seit 2015 auch in der ORF-Serie Vorstadtweiber zu sehen (hier unser Interview & Pictorial mit Schauspielerkollegin und Vorstadtweib Hilde Dalik). Alle Termine unter: philipphochmair.com